Ehrenamt zugunsten von Mensch und Tier

Tierische Nachbarschaftshilfe

22.01.2015

Mieze, Wuff und Co. sind in vielen deutschen Haushalten daheim. Das Haustier wird nicht selten als des Menschen bester Freund beschrieben. Gerade bei Senioren sind die vierbeinigen Begleiter sehr beliebt. Doch was passiert wenn Herrchen und Frauchen nicht mehr in der Lage sind sich alleine um ihre tierischen Mitbewohner zu kümmern?

Haustiere erfreuen sich in Deutschland großer Beliebtheit (Foto: Stefanie Kuballa)

Durch die Tür dringt aufgeregtes Gebell begleitet von hüpfenden Schatten. Als die Haustür geöffnet wird, stürmt eine schwanzwedelnde Mischlingshündin heraus. Sichtlich außer Atem versucht die alte Dame den kleinen Hund zu beruhigen. Gertrud Messerschmid ist gerade 87 Jahre alt geworden. Sie lebt zusammen mit ihrer Hündin Paula in einer kleinen Wohnung am Rand von Stuttgart. Ihren Alltag kann sie größtenteils noch selbst bewältigen, unterstützt durch die lokale Nachbarschaftshilfe. Nur die Versorgung von Paula klappt nicht mehr so wie noch vor wenigen Jahren. Die Rentnerin kann die aufgeweckte Hündin nicht mehr ausführen. „Wenn Paula mal an der Leine zieht, kippe ich aus den Latschen, da bin ich einfach zu unsicher auf den Füßen" sagt Messerschmid. Diese Entwicklung habe ihr große Sorgen bereitet, sei der kleine Hund doch alles was sie hat. Sie hatte Angst, Paula abgeben zu müssen, wenn sie nicht mehr mit ihr Gassi gehen kann. Dieses Problem teilt sie mit vielen anderen Senioren in Stuttgart, die aufgrund von Altersgebrechen die artgerechte Versorgung ihrer Haustiere nicht mehr gewährleisten können.

Senioren und ihre vierbeinigen Begleiter

Wie ganz Deutschland altert auch Stuttgart. Die demografische Entwicklung zeigt einen signifikanten Anstieg bei der Gruppe der über 65-jährigen. Parallel nimmt die Zahl der Singlehaushalte ebenfalls kontinuierlich zu. So lebt bereits heute in 44 Prozent der Stuttgarter Haushalte eine einzelne Person, wovon jede fünfte das Renteneintrittsalter schon überschritten hat. Gegen Einsamkeit oder als Familienersatz schaffen sich die Bewohner häufig Haustiere an, sodass ein Viertel der insgesamt 28 Millionen Heimtiere in Deutschland in Einpersonenhaushalten leben.

Das oftmals positiv empfundene Miteinander von Mensch und Tier ist in den vergangenen Jahren von einigen Studien wissenschaftlich bestätigt worden. Es wurde herausgefunden, dass Tierhalter auch gesundheitlich von ihren Lieblingen profitieren. Daher wird Senioren auch von offizieller Stelle die Anschaffung von vierbeinigen Mitbewohnern empfohlen. „Heimtiere tragen dazu bei, dass alte Menschen körperlich, geistig und auch sozial aktiv bleiben oder es wieder werden – und Aktivität ist erwiesenermaßen der beste Garant für ein gesundes und zufriedenes Älterwerden" erläutert dazu Ursula Lehr, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Allerdings wird gerne vergessen, dass Haustiere auch einen gewissen Pflegeaufwand mit sich bringen. Das bekommen die Tierheime in den letzten Jahren immer öfter zu spüren. So bekommt das Tierheim Stuttgart neuerdings nahezu täglich ein Tier, das aus Altersgründen vom Besitzer abgegeben wird. Um diesem Trend entgegenzuwirken hat der Stuttgarter Tierschutzverein ein neues Projekt ins Leben gerufen: Silberpfoten.

Zahlen und Fakten (Grafik: Stefanie Kuballa unter Verwendung von Easel.ly)

Für einen gemeinsamen Lebensabend

„Wir verstehen unter ‚Silberpfoten‘ ein Projekt, welches Menschen zusammenführt, um Mensch und Tier gleichermaßen zu helfen" erklärt Marcel Yousef, Projektleiter und Tierpfleger des Stuttgarter Tierheims. Diese neue Initiative richtet sich an Menschen wie Gertrud Messerschmid, die ihr geliebtes Haustier ohne fremde Hilfe nicht mehr versorgen können. Ehrenamtliche Helfer aus der Nachbarschaft unterstützen die Senioren gemeinsam mit Fachkräften in allen Belangen der Tierhaltung. Bei Bedarf wird auch Hand in Hand mit Pflege- und Sozialdiensten gearbeitet. Die Palette der angebotenen Dienste reicht von der Hilfe bei der Tierpflege über Gassi gehen, Fahrten zum Tierarzt und den Einkauf von Futter bis zur Betreuung, sollte Herrchen oder Frauchen mal ins Krankenhaus müssen. Wird nur vorübergehend Hilfe benötigt, weil der Besitzer krank ist oder sich ein Bein gebrochen hat, sind die ehrenamtlichen Helfer auch für einen Kurzeinsatz bereit. Neben Hunden und Katzen richtet sich die tierische Nachbarschaftshilfe jedoch auch an alle anderen Tierarten, von Nagern und Kleintieren bis hin zu Exoten.

Ein weiteres Anliegen des Projekts „Silberpfoten" ist die Vermittlung älterer Tiere an Senioren. „Oft sind unsere älteren Hunde etwas ruhiger, brauchen nicht mehr so viel Beschäftigung und sind daher für Senioren besonders geeignet im Gegensatz zu Familien mit kleinen Kindern" sagt Bernd Gütle, Pfleger im Hundeseniorenhaus des Stuttgarter Tierheims. Das gesonderte Haus bietet älteren Hunden abseits des Lärms und der Hektik der restlichen Anlage eine gemütliche Unterkunft bis sie ein neues Zuhause finden. Die Vermittlungsquote sei sehr hoch, berichtet Gütle. Durch das Projekt kenne dessen Leiter Marcel Yousef oftmals interessierte und suchende Senioren, die einen ebenfalls betagten Vierbeiner bei sich aufnehmen möchten.

Ehrenamtlich Gassi gehen

Paula ist erst fünf Jahre alt und braucht mehr Bewegung als ihre betagten Artgenossen im Seniorenhaus. „Wenn es abends gegen fünf klingelt ist sie nicht mehr zu bremsen" schmunzelt Messerschmid. Dann kommt Brigitte Mayer zum täglichen Spaziergang vorbei. Die ehrenamtliche Helferin sagt, sie liebe Hunde, könne aber aufgrund von Allergien in der Familie keine eigenen halten. Auf diese Weise kann sie ihrem Lieblingstier dennoch nahe sein und dabei auch noch Gutes tun. Die kleine Mischlingshündin hat sich gut an die neue Situation gewöhnt und tapst aufgeregt herum, bis es endlich losgeht.

Außerhalb des Wohngebiets auf einer Wiese steuert Paula zielgerichtet auf einen Ast zu. Den größten in der ganzen Umgebung. „Oft ist der Stock länger als der Hund, aber irgendwie schafft sie es immer ihn anzuschleppen" lacht Mayer. Nach ausgelassenem Spiel und einer mal größeren, mal kleineren Runde kehren die beiden zurück zu Gertrud Messerschmid. Paula rast in der engen Wohnung wie von der Tarantel gestochen herum und ihr Frauchen strahlt. „Wenn ich das sehe, geht mir das Herz auf und bin jeden Tag aufs Neue froh, dass ich Paula behalten kann, ein kleines Pläuschchen mit Frau Mayer eingeschlossen."

Ehrenamtliche „Silberpfoten" im Einsatz

Vom Tierheim bis zur Hundespielwiese: die Hauptaspekte des tierischen Engagements sehen Sie hier.

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Stefanie Kuballa

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