Projekt OMID

Traumatisierte Flüchtlinge in Stuttgart

21.07.2015

Krieg, Folter, Vergewaltigungen. Wie hilft man den Menschen, die hier in Stuttgart eintreffen und solche Brutalitäten erleben mussten? Und vor allem: Wer hilft ihnen?

Flüchtlinge kommen nicht aus Spaß, das sagt eigentlich schon die Bezeichnung. Sie flüchten vor einer konkreten Gefahr. Und dass auch der Fluchtweg gefährlich ist, wissen wir nicht erst seitdem die EU Militäreinsätze im Mittelmeer beschlossen hat. Die Menschen, die hierzulande ankommen, sind nicht nur mit ihren physischen Kräften am Limit.

Für die ärztliche Behandlung im Raum Stuttgart stehen die psychosozialen Zentren „refugio stuttgart" und „PBV" zur Verfügung. Die Wartezeit für ein erstes Gespräch beträgt aber mittlerweile mindestens neun Monate – eine unvorstellbar lange Zeit für jemanden, der dringend Hilfe benötigt. Der Caritasverband Stuttgart hat die Situation erkannt und im letzten Jahr das sogenannte Projekt OMID ins Leben gerufen.

OMID ist persisch und bedeutet Hoffnung

Seit Oktober arbeiten drei erfahrene ProjektmitarbeiterInnen in jeweils einer großen Flüchtlingsunterkunft der Caritas. Sie kümmern sich um die Flüchtlinge vor Ort und hören deren Geschichten an, geben ihnen das Gefühl, dass jemand für sie da ist. Elke Abdullahi ist eine davon, therapeutisch ausgebildet und arbeitet schon seit über 13 Jahren für die Caritas. Ihr Büro in Möhringen ist direkt in die Flüchtlingsunterkunft integriert, für die sie zuständig ist.

Caritas Flüchtlingsunterkunft in Möhringen (Foto: Fabian Rohr)

Ich bin etwas zu früh da und warte auf einer Bank am Spielplatz der Unterkunft. Die Gebäude sehen neu aus. Exotische Musik ertönt aus einer der Wohnungen. Ein älterer Mann geht von Tür zu Tür und fragt die Bewohner, ob ihre Kinder heute zum Zirkus kommen möchten. „People who make funny things", erklärt er einer Frau, die ihn auf Deutsch nicht verstanden hat. Kurz darauf treffe ich die Therapeutin.

Drei Mal schwanger durch Vergewaltigung

In dem Interview spricht die Therapeutin Elke Abdullahi über Erlebnisse der Flüchtlinge, aus denen Traumata resultieren und wie sie in der Therapie gegen diese ankämpft.

Glück im Unglück

Die Idee von Projekt OMID ist vor allem frühzeitig Hilfe anzubieten, um eine posttraumatische Störung vorzubeugen. Dadurch arbeitet Abdullahi öfters mit Flüchtlingen, die weder Deutsch noch Englisch sprechen. Dann braucht sie einen Dolmetscher – dabei greift sie auch auf die ansässigen Einwohner zurück, die sich gerne als Übersetzer engagieren.

Trotz dem Umgang mit all den schweren Schicksalen, erklärt Abdullahi, erlebe sie oft auch unbeschwerte Momente mit den Menschen hier. Strahlend erzählt sie, erst heute habe sie die Benachrichtigung erhalten, dass die verschwunden geglaubten Kinder der Somalierin (Minute 2:50 des Interviews, s.o.) gefunden wurden. Oft würde sie einfach spontan in den Arm genommen. Am vorherigen Freitag hätten die Somalier nach einem anstrengenden Tag für sie gekocht. Letztlich seien es die positiven Momente, die überwiegen.

„Wunden können heilen, aber Narben bleiben"

Aber auch Abdullahi hat ihre Grenzen. Wenn sie merkt, dass ein Flüchtling ernsthaft traumatisiert ist, reicht sie den Fall an einen von zwei Psychologen weiter, die an Projekt OMID teilnehmen. Im ersten Schritt bauen diese dann ein Vertrauensverhältnis auf, geben Orientierung und erklären, dass bestimmte Reaktionen ganz natürlich sind („Psychoedukation"). Dieser Prozess kann sehr langwierig sein, doch erst im Anschluss daran ist es möglich die Erlebnisse psychologisch aufzuarbeiten. Ziel der Therapie ist, dass der Flüchtling von den Geschehnissen erzählen kann, ohne körperlich und emotional zu reagieren. Doch wie gehen die Psychologen vor, um das zu erreichen?

Dazu gäbe es unterschiedliche Methoden. Eine davon sei das Verändern von Alpträumen. Der Diplom Psychologe Slavko Azinovic von Projekt OMID erzählt von einer Frau, die immer wieder davon träumte, wie sie im Keller vergewaltigt wurde. Azinovic hat mit ihr daran gearbeitet den Traum so zu lenken, dass sie sich aus diesem Keller und der aussichtslosen Lage befreit. Sie flüchtete durch ein Fenster und konnte den Alpträumen dadurch ein Ende bereiten.

Diplompsychologe Slavko Azinovic kennt alle Kniffe, um seinen „Klienten" zu helfen (Foto: Friedemann Müns-Österle)

Eine andere Möglichkeit sei, dass der Flüchtling seine Geschichte so erzähle, als würde er sie auf einem Monitor sehen. Er hätte eine Fernbedienung und könne die Wiedergabe jederzeit stoppen. Damit werde Kontrolle vermittelt. Wichtig sei auch zu lernen, wie man das Erlebte in den Alltag integrieren könne. Dabei würde es auch helfen, sich einen Rückzugsort – sei es in der Fantasie oder im echten Leben – zu überlegen. Oder Gedanken aufzuarbeiten, indem man sie gezielt aufschreibt und malt, um anschließend darüber zu sprechen.

Auch Projekt OMID bietet keine unbegrenzten Kapazitäten. Derzeit behandelt Azinovic zehn Flüchtlinge, darunter zwei Kinder. Projekt OMID ist vorab auf eine Laufzeit von drei Jahren konzipiert. Ob und wie es danach weitergeht, hängt vom Erfolg ab. Finanziert wird es aus den Mitteln des bischöflichen Flüchtlingsfonds und Eigenmitteln der Caritas Stuttgart. Unterstützung in Form von Spenden wird dennoch dringend benötigt und dankbar angenommen.

Projekt OMID Spendenkonto

IBAN: DE36600501010002159210, BIC: SOLADEST600, Stichwort: „Hoffnung"

Weitere Informationen...

... zu Projekt OMID finden sich auf der offiziellen Website der Caritas Stuttgart.

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Über den Autor

Fabian Rohr

Crossmedia Redaktion (PR)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/15