Generation Y – Zwischen Zwang und Sucht

Und sekündlich grüßen Social Media

16.12.2016

„Gesehen“, „gelesen“, „zuletzt online“ – Soziale Netzwerke dominieren unseren Alltag. Wir sind für jeden immer erreichbar – sowohl beruflich, als auch privat. Was sind die Konsequenzen des Dauer-Online-Seins und inwiefern sind wir uns diesen bewusst?

Snapchat, Facebook und Co.: Social Media sind überall präsent, auch in den Mittagspausen. |Quelle: Fenja Letsche

Wie in vielen anderen Haushalten klingelt morgens bei Steffi der Wecker ihres Smartphones. Und zwar, anders als bei den meisten, schon um 6:40 Uhr. Sie drückt auf Stopp, schaltet die Belichtung runter und das WLAN an. 13 neue Nachrichten ploppen auf. Whatsapp-Gruppenchat. Ein neuer Instagram-Follower. Zwei Freundschaftsanfragen auf Facebook. In den frühen Morgenstunden möchte sie 20 Minuten Zeit haben, ihre neusten Nachrichten zu checken. Erst um 6:56 Uhr streckt sie ein Bein aus dem Bett und steht auf. Für viele Alltag in Deutschland.

Mit ihren 21 Jahren gehört sie zur Generation Y. Dazu zählen Jugendliche und junge Erwachsene, die zwischen 1980 bis 1995 geboren wurden. Mit ihrem Verhalten ist Steffi nicht alleine. Es ist ein generationsbezogenes Phänomen, dass das Smartphone der Generation Y immer in greifbarer Nähe liegt. Laut dem Cisco Connected World Technology Report (CCWTR) von 2012, ist ein „morgendlicher Check" für 92 Prozent von ihnen Routine. Die CCWTR von 2014 gab an, dass bei 54 Prozent dieser Generation das Smartphone sogar das erste ist, was sie morgens anschauen.

Warum wollen wir durchgängig erreichbar sein?

Egal ob der Chef, die beste Freundin oder der Kommilitone: Die Generation Y ist für jeden immer erreichbar. Aus Sicht von Roland Mangold, Professor für Informations- und Kommunikationspsychologie an der Hochschule der Medien in Stuttgart, ist der permanente Kontakt ein Grundbedürfnis des Menschen, welches es schon immer gab. Durch die sozialen Medien ist Kontakt halten leichter denn je. Fabian Prochazka, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Uni Hohenheim, ist ähnlicher Meinung: „Die einfachste Antwort ist: Weil es in vielen Situationen nützlich ist. Vor allem die Nutzung vormals ‚toter‘ Zeit wie im Wartezimmer oder an der Bushaltestelle ist für viele Menschen ein Gewinn."

Links: Fabian Prochazka, rechts: Prof. Dr. habil. Roland Mangold |Quelle: Fabian Prochazka und Prof. Dr. habil. Roland Mangold

„Ich bin immer online, um nichts zu verpassen. Ich empfinde es nicht als Druck, sondern würde es eher als Angst bezeichnen. Die Angst einen Anruf, eine Nachricht oder irgendeinen Post zu verpassen", teilt Melissa mit. Sie ist 20 und ebenfalls Teil dieser Generation. Eine aktuelle Studie der American Psychology Association (APA) zeigt, dass 39 Prozent der Generation Y angebe, ihr Stresslevel habe sich innerhalb der vergangenen Jahre erhöht. Wichtige Mitteilungen erreichen uns oft als Nachricht und nicht als Telefonat. „Das liegt wohl vor allem daran, dass junge Menschen eher asynchrone Kommunikation gewohnt sind und den Zeitpunkt für ein Gespräch selbst wählen wollen", meint Prochazka. Asynchrone Kommunikation – das bedeutet, dass eine Nachricht empfangen und erst später geöffnet wird. „Auch Bedenken bezüglich der Privatsphäre können eine Rolle spielen: Im Zug oder der U-Bahn will nicht jeder ein lautes Gespräch führen; da werden besser Nachrichten ausgetauscht", so der Experte. Druck kann auch dadurch empfunden werden, dass man selbst den Drang verspürt, direkt auf eine Nachricht antworten zu müssen. Es ist in der S-Bahn, in Cafés und an vielen weiteren Orten zu entdecken: Menschen, die ununterbrochen ihr Smartphone nach Neuigkeiten checken.

Wann spricht man von einer Sucht?

Fabian Prochazka grenzt den Begriff Sucht ab. Damit würden Assoziationen an eine Abhängigkeit von bestimmten Substanzen geweckt werden. „Wir sprechen daher eher von problematischem oder exzessivem Nutzungsverhalten. Diese Fälle sind äußerst selten, in Befragungen werden regelmäßig Inzidenzen von unter einem Prozent der Bevölkerung festgestellt – viel weniger als etwa bei Alkohol oder Zigaretten", sagt der Spezialist. Soziale Netzwerke werden in den meisten Fällen als Zeitvertreib genutzt, um Pausen zu überbrücken oder wenn schnell noch ein Kaffee getrunken wird.

Woher kommt dieser Drang, alles zu kommentieren?

Social Media sind auch eine Plattform für Meinungen, die für jeden öffentlich zugänglich sind. Vor allem Hass-Posts auf Facebook werden momentan in den Medien diskutiert. „Viele Menschen mussten schon immer ihren Senf zu allem und jedem dazugeben, also alles kommentieren – egal, ob dies jemanden interessiert oder nicht. Aber früher musste man einen Leserbrief schreiben oder beim Sender anrufen", sagt Mangold. Mit diesen Mitteln ist mehr Aufwand verbunden und es kostet Überwindung, anzurufen oder einen Brief zu schreiben. Es ist persönlicher und wird nicht schnell in der Mittagspause erledigt.

Jeder will mobil sein und in kurzer Zeit mit vielen in Kontakt bleiben. Wer immer online ist und durchgängig Einblick in das Leben anderer hat, neigt auch dazu, sich zu vergleichen. Dabei stellt sich die Frage, ob Eigenschaften wie Ängste und Eifersucht durch Social Media gestiegen sind. „Diese negativen Eigenschaften finden in den Social Media ihren Nährboden. Ich glaube allerdings nicht, dass die sozialen Medien diese Phänomene neu geschaffen haben", so Mangold. Es sei aber durchaus so, dass durch die einfachen Möglichkeiten der Selbstdarstellung auf Social Media Gefühle wie Neid, Eifersucht oder ein Gefühl der Minderwertigkeit geweckt werden könnten. Häufig in der Diskussion stehe hier etwa Instagram, ergänzt Prochazka.

Beide Experten sind sich dennoch einig: Soziale Netzwerke sind eine große Chance. „Es liegt an uns, sie zu gestalten und ihr positives Potenzial zu nutzen", fasst Prochazka zusammen.

Daten zum Thema Social Media-Nutzung |Quelle: Fenja Letsche via Piktochart

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Über den Autor

Fenja Letsche

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016