Flüchtlingshilfe 2.0

Unterkunft gesucht, Zuhause gefunden

21.07.2015

Eine neue Willkommenskultur für Geflüchtete in Deutschland schaffen und Vorurteile bekämpfen – ein Wunsch, der hinter der Initiative „Flüchtlinge Willkommen“ steht. Das Projekt vermittelt WGs und andere private Unterkünfte an geflüchtete Menschen und setzt damit auch ein politisches Statement.

Im Herbst 2014 fasste Mareike den Entschluss, für ein paar Monate nach Kairo zu gehen. Ihr WG-Zimmer wurde also frei. Der klassische Weg wäre nun, das Zimmer auf einer der vielen Wohnungsbörsen im Internet einzustellen. Mareike, die Religion und Culture studiert hat, und ihr Mitbewohner, der Kommunikationsdesigner Jonas, aber fragten sich, warum man das freie WG-Zimmer nicht einfach an einen Flüchtling vergeben könnte? Die aktuelle Flüchtlingsdiskussion haben sie lange verfolgt, die Situation in den Flüchtlingsheimen ist präsent. Doch was kann man schon tun? Mareike Geiling und Jonas Kakoschke haben etwas getan. Wenige Monate nachdem die Idee geboren wurde, stand Bakari, ein Flüchtling aus Mali, mit gepackten Koffern vor ihrer Haustür. Und mit ihm kam eine neue Frage auf: Wieso sollte diese Konstruktion nicht auch in anderen Wohngemeinschaften funktionieren?

Ein Pilotprojekt macht Schule

Die dreißig WGs, die mittlerweile an einen Flüchtling vermittelt werden konnten, zeigen: Tut es. Mareike und Jonas haben sich eine dritte Initiatorin ins Boot geholt, Golde Ebding. Gemeinsam riefen sie im November letzten Jahres das Projekt „Flüchtlinge Willkommen" ins Leben. Auf ihrer Internetseite können sich Interessenten melden, die einem Flüchtling ein freies Zimmer zur Verfügung stellen möchten. Auch bei der Finanzierung der Miete geht „Flüchtlinge Willkommen" zur Hand. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten: Bakaris Miete war beispielsweise innerhalb kürzester Zeit durch Mikrospenden von Familie und Bekannten beglichen. Viele Bundesländer übernehmen die Kosten der neuen Unterbringung, manchmal können auch die Refugees selbst für einen Teil der Kosten aufkommen. Doch nicht nur Studenten-WGs melden sich bei der Plattform. Auch Ehepaare, deren Kinderzimmer längst leer stehen, oder Alleinwohnende öffnen ihre Haustür für Menschen wie Bakari.

Die Schwaben trauen sich nicht

Seit Beginn des Projektes gingen über 500 Anmeldungen aus ganz Deutschland ein. Ein klares Zeichen dafür, dass die Idee angenommen wird. Eine Herausforderung für „Flüchtlinge Willkommen" stellen aber vor allem die unterschiedlichen Regelungen der Bundesländer dar. Gerade auch die Situation in Baden-Württemberg sei schwierig, wie Golde verrät. So darf ein geflüchteter Mensch in Baden-Württemberg erst nach 24 Monaten aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen. In Berlin ist ihm das bereits nach drei Monaten erlaubt. Um trotzdem in ganz Deutschland einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten, arbeiten die Initiatoren sehr eng mit Kooperationspartnern in den jeweiligen Bundesländern zusammen. Außerdem gibt es so genannte Paten, also Ansprechpartner für die Flüchtlinge vor Ort. Doch die Schwaben trauen sich nicht so recht an das Projekt heran. Was Anmeldungen angeht, so verhält sich Baden-Württemberg „sehr ruhig", erzählt Golde. Erst einem Flüchtling konnte zu einer WG verholfen werden: in Konstanz. Und obwohl sich beispielsweise in Stuttgart zwölf Wohnungen über die Plattform gemeldet hatten, kam es dort letztendlich doch zu keiner einzigen Vermittlung.

Imaginäre Grenzen im Kopf

„Flüchtlinge Willkommen" ist aber trotz dieser ernüchternden Zahlen aus Baden-Württemberg ein Projekt, das zwischen all den Meldungen gesunkener Flüchtlingsboote und angezündeter Unterkünfte Hoffnung schenkt. Schranken im Kopf durchbrechen und mit Vorurteilen aufräumen – das ist es, was Jonas, Mareike und Golde antreibt. „Es wird immer geredet über die Flüchtlinge, die Refugees, als wäre das eine große Masse. Aber eigentlich besteht diese Masse aus individuellen Menschen mit eigenem Schicksal. Nette Menschen, nicht nette Menschen, ganz normale Menschen.", so Jonas.

Das Pilotprojekt von „Flüchtlinge Willkommen": Bakari, Jonas und Mareike

Jonas erzählt in diesem Telefoninterview, wie sich das WG-Leben mit Bakari gestaltet und warum kulturelle Unterschiede eigentlich nur imaginäre Grenzen sind.

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Über den Autor

Katja Trost

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2012