Glaube

Verstaubt oder modern? – Christentum 2.0

29.01.2017

Kino und Trickfilmworkshops: Events die man normalerweise nicht unmittelbar mit der Kirche verbindet. Doch genau diese will so wieder zeitgemäß werden. Aber wie kann eine Kirche im 21. Jahrhundert Tradition und Neuerungen miteinander vereinen?

Die zahlreichen Flyer und Magazine der evangelischen sowie katholischen Kirche sollen vor allem Jugendliche ansprechen. | Bild: Anna-Maria Ihle

„Wir haben lediglich nur noch ein Fünftel der Mitglieder zu vor 60 Jahren.", sagt Heidi Essig-Hinz. Dies sei ein großer Verlust seit den 1950er Jahren, in denen die Gemeinde 10.000 Aktive hatte. Sie ist evangelische Pfarrerin im Stuttgarter Westen und steht für eine moderne und offene Konfession. Der Rückgang der Mitglieder sei allerdings nicht hauptsächlich der Austritte aus der Kirche verschuldet, sondern gehe mit der immer geringer werdenden Geburtenrate einher. Zudem trage das intransparente und teilweise skandalöse Verhalten Geistlicher zum Verlust der Glaubwürdigkeit der Kirche bei. Es ist also eine große Herausforderung, wieder in die Köpfe der Menschen zu finden und dauerhaft einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Das aktive Miteinander ist wichtiger als der Gottesdienst

Genauso sieht das der katholische Pfarrer Werner Laub aus Stuttgart. Wichtig sei es für beide Konfessionen, dass Gemeinden und Kirchen offen seien und über die Gottesdienste hinaus durch Veranstaltungen und eine aktive Beteiligung am Leben der Menschen Neues erreichen. Es sind Themen wie Geselligkeit, der Kontakt zu anderen Glaubensrichtungen sowie das Essen, Trinken und die gemeinschaftliche Konversation, die hier eine Annäherung schaffen sollen.

Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche sprechen über die Versuche einer Modernisierung des Christentums innerhalb Deutschlands.

Deswegen dürfe sich die Kirche auch nicht vor den Neuerungen und Erkenntnissen der Wissenschaft verschließen. „Wir wollen uns auf verschiedenen Ebenen ergänzen", sagt Laub. Ein Abwenden von der Wissenschaft sei in der heutigen Zeit nicht möglich. Jedoch betont Essig-Hinz, dass die Wissenschaft, genauso wie die Kirche, keinerlei Beweise für ihre Theorien habe. „Ob es einen, beziehungsweise keinen Gott gibt, kann niemand wirklich beweisen", wirft sie ein.

Von Abtreibung und andere Tabuthemen

Was Themen wie Abtreibung sowie Sex vor der Ehe oder Verhütung betrifft, sind sich die beiden Glaubensvertreter größtenteils einig. Beide betonen, dass Betroffene, keinesfalls verurteilt oder gar aus der Kirche verstoßen werden sollten. Jedoch ist Katholik Laub der Meinung, dass Sex immer noch etwas ist, was in der Ehe stattfinden muss. Seine protestantische Kollegin Essig-Hinz betont: „Geschlechtsverkehr vor der Ehe ist für die Kirche kein Thema." In Zeiten von Geschlechtskrankheiten sei aber mittlerweile auch die Verhütung von großer Bedeutung. Hiervor verschließe sich die Kirche nicht. Beide stimmen überein, dass Abtreibung die Tötung eines Lebewesens darstellt und somit von der Kirche nicht als vertretbar angesehen werden kann.

Moderne Neugestaltung oder traditionelle Schmückung zur Adventszeit: Kirchen ziehen auf unterschiedliche Weise ihr Publikum an.

„Wir haben zahlreiche Angebote für die junge Generation, nur ist es sehr mühsam, diese dafür zu begeistern, da andere Freizeitaktivitäten wichtiger zu sein scheinen", erzählt Essig-Hinz. In Stuttgart gebe es ein großes Jugendangebot, das vom evangelischen Jugendwerk geleitet wird. Vom Trickfilmworkshop über Jugendgottesdienste bis hin zum Kino bietet die Martinskirche im Stuttgarter Norden zahlreiche Events für Jugendliche an. Erschreckenderweise sei es allerdings so, dass dieses junge und hippe Erscheinungsbild oft auf Ablehnung bei den Jüngeren stoße und aufgesetzt wirke. Hier wird dann doch ein gewisses Maß an Tradition gefordert.

Es gelte somit, die richtige Mischung aus neuen Ansätzen und variierten, belebten Traditionen zu finden, um die immer weniger werdende Jugend bei der Stange zu halten. Nur durch Transparenz und die Einhaltung von Versprechen könne die Kirche wieder glaub- und vertrauenswürdiger erscheinen.

Total votes: 40
 

Über die Autoren

Anna-Maria Ihle

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016

Lili Oberdörfer

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016