Abwasseraufbereitung

Volles Rohr

01.07.2016

Ob beim Duschen, Waschen oder Putzen – täglich verbraucht jeder von uns bis zu 200 Liter Wasser. Nachdem dieses durch den Abfluss verschwunden ist, macht sich keiner mehr Gedanken, was damit passiert. Oder welche erstaunlichen Gegenstände sich ungewollt mit auf die Reise des Abwassers begeben haben.

Von klein bis groß: Die Mitarbeiter im Klärwerk Mühlhausen schmunzeln immer wieder über die Gegenstände, die täglich mit dem Abwasser ankommen.
|Bild: Vera Kirschbaum

Redaktionzukunft hat sich auf den Stuttgarter Straßen nach kuriosen Klogeschichten umgehört.
|Video: Vera Kirschbaum und Laura Quickert

Der Ort, an dem alle Gegenstände landen: In der Kanalisation. Neben dem häuslichen Verbrauch von Bade-, Spül- und Toilettenwasser, sammeln sich hier Regenwasser sowie Abwasser von industriellen Betrieben. Über ein verschachteltes System unter der Erde wird alles in Kläranlagen geleitet. Ein komplexer Prozess reinigt dort das Abwasser in mehreren Schritten.

In Stuttgart ist hierfür die Stuttgarter Stadtentwässerung verantwortlich. Neben der Betreuung der Kanalisation verwaltet sie insgesamt vier Klärwerke, die sich in Mühlhausen, Möhringen, Plieningen und Ditzingen befinden.

Wusstest du schon, dass...
...in der Zeit der Fußball Welt- und Europameisterschaften vermehrt Bälle im Klärwerk ankommen?

...laut einer Studie des Mobilfunkanbieters „1 & 1" und des Meinungsforschungsinstituts „YouGov" jedem fünften Nutzer schon einmal das Handy in die Toilette gefallen ist?

Das Hauptklärwerk in Mühlhausen ist mit 250 Tausend Quadratmetern, das einer Fläche von rund 35 Fußballfeldern entspricht, das größte in Baden-Württemberg. Zu seinen Besonderheiten zählt eine Verbrennungsanlage, die den Schlamm aller Stuttgarter Klärwerke sowie einiger Partnerkommunen thermisch verwertet.

Das Einzugsgebiet der Kläranlage Mühlhausen umfasst Teile von Stuttgart, Fellbach, Kornwestheim sowie die Städte Esslingen und Remseck. Täglich sammeln sich hier große Mengen an Abwasser. „Bei Trockenwetter werden am Tag bis zu 160 Millionen Liter Wasser im Klärwerk behandelt", erklärt Thomas Hauck, Betriebsingenieur im Bereich Abwasserreinigung in Mühlhausen. An einem Regentag könne die doppelte Abwassermenge erreicht werden. Das entspricht rund zweieinhalb Millionen gefüllten Badewannen.

Unvorstellbare Mengen, die 370 Mitarbeiter täglich zu bewältigen haben. Die Anlage in Mühlhausen scheint fast eine kleine private Stadt zu sein. Nur mit dem Fahrrad oder Auto kommen die Mitarbeiter schnell genug von A nach B, jeder Besucher muss sich an der „Ortseinfahrt" bei einem Wachmann anmelden. Die Anlage ist aufgeteilt in verschiedene Häuser und Abteilungen mit mehreren Parkplätzen. Selbst Enten oder wilde Hasen finden in dem kleinen Biotop einen Platz. Doch das sind nicht die einzigen Tiere, die in der Kläranlage ankommen.

Ein Besuch in der Kläranlage Mühlhausen gibt Aufschluss darüber, was wirklich mit dem Abwasser angeschwemmt wird.|Video: Vera Kirschbaum und Laura Quickert

Nicht nur die Entsorgung von abgelaufenen und nicht verwendeten Medikamenten über die Toilette oder den Abfluss verursachen Spurenstoffe im Wasser. Auch durch Urin und Gülle werden Arzneimittelrückstände in den Wasserkreislauf transportiert. Obgleich deren Konzentration so gering ist, dass sie für den Menschen keine direkte Gefahr darstellen, schaden sie dem Ökosystem und den dort lebenden Tieren.

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...rund 1.600 Tonnen Müll jährlich in den Rechenanlagen des Klärwerks Mühlhausen anfallen?

…laut Forschern der „U.S. Geological Survey" unsere Exkremente eine kleine „Goldmine" sind, da sich darin Gold, Silber und Platin befinden?

„Spurenstoffe im Abwasser können sich erheblich auf die Tierwelt auswirken", erklärt Betriebsingenieurin für Abwassertechnik, Maximiliane Möller. Der Wirkstoff Diclofenac, der zum Beispiel in Voltaren-Salbe enthalten ist, führe bei manchen Tieren zu Nierenleiden. Ein Bestandteil der Anti-Baby-Pille verändere den Hormonhaushalt von Fischen, sodass diese weiblicher werden. „Auch Kaulquappen können sich unter deren Einfluss nicht mehr richtig zum Frosch entwickeln", sagt Möller. Diese Stoffe aus dem Wasser herauszufiltern sei sehr mühsam und zeitaufwendig.

Das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg fordert Verbraucher deshalb zu verantwortungsbewusstem Handeln auf. Arzneimittel sollten nicht über die Toilette, sondern über den Restmüll entsorgt werden. So werden auch die Lebewesen in den Gewässern geschützt.

„Das Wasser der Kläranlage Mühlhausen wird nach der Reinigung in den Neckar weitergeleitet und entspricht dabei dem Reinheitsgrad von Flusswasser", erläutert Möller. Der Qualität von Trinkwasser entspreche es nicht, dafür seien die Normen in Deutschland zu hoch. Diesen letzten Schritt erledige eine separate Trinkwasseraufbereitungsanlage, nicht die Maschinen oder Mitarbeiter des Klärwerks.

Vom Abfluss bis zum Gewässer – der Weg unseres Abwassers. Fahre über die Grafik um weitere Informationen zu erhalten.
|Grafik: Vera Kirschbaum und Laura Quickert via Pictochart und Thinglink, Quelle: Stadtentwässerung Stuttgart

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Über die Autoren

Laura Quickert

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016

Vera Kirschbaum

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