Leistungsdruck

Vom Glück des Tüchtigen

03.02.2017

Millionen Kinder auf der Welt wollen Fußballprofi werden. Doch nur die wenigsten schaffen es, da der große Traum durch Rückschläge und Verletzungen zu platzen droht, bevor er wirklich beginnen kann.

Wie sich ein junger Mann den Kindheitstraum vom Profifußball erkämpfte. | Bild: Martin Granzow-Emden

Moritz Kuhn ist 25 Jahre alt und Fußballprofi beim SV Sandhausen. Auch er hatte einen Traum, der ihn seit seiner Kindheit antrieb, nach dem Glück zu streben. Als er von seinem Idol David Beckham erzählt, beginnen seine blauen Augen zu strahlen: „Vor allem seine Standards und die tollen Freistoß-Tore begeisterten mich als Kind." Doch abgesehen vom blondierten Haupthaar, das Beckham zeitweise so ähnlich trug, gibt es eher weniger Parallelen zwischen ihm und dem britischen Superstar.

„Mo, wir rufen deinen alten Trainer an."

Der Traum vom Profifußball schien nämlich bereits vorbei, bevor er wirklich beginnen konnte. Als Jugendspieler des VfB Stuttgart zog sich Kuhn im Alter von zwölf Jahren mit einem Kreuzbandriss die wohl schlimmste Verletzung zu, die ein Fußballspieler erleiden kann. Für viele ist diese Diagnose gleichbedeutend mit dem frühzeitigen Karriereende, nur wenige erholen sich vollkommen davon und müssen mit einer langen sportlichen Pause rechnen. Auch der gebürtige Ruiter fiel lange aus und musste sich einer Operation unterziehen. Er erinnert sich: „Das war keine einfache Zeit, denn das ist keine kleine Verletzung wie ein Muskelfaserriss, der nach vier Wochen wieder weg ist. Das war ein Kreuzbandriss." Nach überstandener Leidenszeit wollte es das Talent in der C-Jugend des VfB Stuttgart nochmals versuchen. Doch das Kreuzband machte nicht mit und riss ein zweites Mal. Daraufhin spielte er zwischen 13 und 16 zweieinhalb Jahre gar keinen Fußball und suchte den Ausgleich in anderen Sportarten wie beispielsweise Tischtennis. Doch so ganz hatte er auch zu diesem Zeitpunkt den Fußball nicht aus den Augen verloren. In seiner Realschulzeit spielte er in der Schulmannschaft und zog mit dieser bis ins Bundesfinale nach Berlin ein: „Das hatte bis dahin noch keiner geschafft", erzählt Kuhn stolz, der damals nie den festen Gedanken daran hatte, Fußballprofi zu werden. „Ich hab’s einfach gemacht, weil’s mir riesen Spaß gemacht hat."

Sportlich ging es für den Mittelfeldspieler bei den Jugendmannschaften des VfL Kirchheim und TV Nellingen langsam wieder bergauf, bis ein entscheidender Moment in seinem jungen Leben kam: „Mein Papa kam auf mich zu und sagte: ‚Mo, wir rufen deinen alten VfB-Trainer an, vielleicht können wir da irgendwie ein Probetraining organisieren.’" Auch wenn Moritz erst überrascht war über die Initiative seines Vaters, machte er ihm Mut: „Versuch‘ einfach Fußball zu spielen. Zeig‘, was du kannst, und wenn’s am Ende nicht reicht, dann ist es halt so, aber du hast es versucht." Tatsächlich durfte Moritz einige Wochen lang in der Mannschaft der A-Jugend-Bundesliga mittrainieren. Kurze Zeit später wurde er unter Vertrag genommen, was für ihn am Anfang eine große Umstellung war: „Da sind Welten zwischen A-Jugend-Verbandsstaffel und A-Jugend-Bundesliga. Das hat man mir damals schon auch angemerkt." Moritz biss sich aber durch, erreichte mit seinem Team die Endrunde der deutschen Meisterschaft und durfte als Belohnung dafür zum Auswärtsspiel der zweiten Mannschaft nach Jena mitfahren: „Das war schon ein tolles Gefühl damals, zum ersten Mal im Kader der Amateure zu sein", erinnert er sich. Aber auch zu diesem Zeitpunkt habe er sich nie damit befasst, bald Profi zu werden: „Mein Ziel war es, mich bei der A-Jugend durchsetzen. Dafür wollte ich jede Trainingseinheit nutzen."

Seit 2014 trägt Moritz Kuhn das Trikot des SV Sandhausen. | Bild: Martin Granzow-Emden

„Die größte Stärke, die ein Mensch hat"

Nach zwei Jahren beim VfB führte ihn der Weg nach Großaspach in die Regionalliga. Besonders an diesem Verein ist, dass rund 80 Prozent der Spieler, neben dem Fußball, noch ihren Job ausüben, ihr Studium vorantreiben oder eine Ausbildung absolvieren. Wer noch keinen Job hat, kann beim Club-Vorsitzenden Uli Ferber in verschiedenen Bereichen arbeiten. Moritz begann damals eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Für ihn war es daher wichtig, zweigleisig zu fahren, da es im Fußball sehr schnell gehen kann. Gleichzeitig räumt er ein, dass es schwer sei, in der ersten und zweiten Liga noch nebenher etwas zu machen, da hier die Belastung durch zwei Trainingseinheiten am Tag einfach zu hoch sei. Infolge seines Wechsels nach Sandhausen 2014 musste Moritz seine Ausbildung nach einem Jahr abbrechen. Im Fußballgeschäft sei es nicht immer einfach, erklärt Moritz. Viele Dinge könne man nicht beeinflussen, auch könne es sich alles schnell verändern, etwa bei einem Trainer- oder Managerwechsel. Umso wichtiger sei es daher, einen guten Berater zu haben. Moritz erzählt, einen Berater gefunden zu haben, auf den er sich zu 100 Prozent verlassen könne: „Er hat Erfahrungen in Bereichen, die ich vielleicht noch nicht habe und will nur das Beste für mich."

Ein früherer Mitspieler von Moritz muss einen sehr guten Berater gehabt haben: Seit seinem Wechsel vom VfB Stuttgart zu Bayer Leverkusen in der Saison 2011/12 spielte Torhüter Bernd Leno fortan regelmäßig in Champions-League und Nationalmannschaft. Ob man dabei nicht manchmal etwas neidisch werden kann? Für Moritz ausgeschlossen: „Ich gönne es ihm von Herzen. Er hat das verdient, er ist ein überragender Torwart mit starkem Charakter, das hat man schon in der Jugend gemerkt." Auch wenn seine früheren Kollegen jetzt teilweise über ihm spielen, ist Moritz zufrieden, so wie es ist: „Natürlich würde ich auch gerne Champions-League spielen, aber im Fußball gehört auch immer ein bisschen Glück dazu. Hätte mir vor fünf Jahren Mal jemand gesagt: Du spielst einmal zweite Liga, hätte ich ihm gesagt, das glaube ich dir nicht." Moritz ist froh und dankbar darüber, dass er diesen Beruf ausüben darf und weiß das zu schätzen: „Es träumen so viele Kinder davon, Fußballprofi zu werden, und nur die wenigsten können es werden." Für Moritz ging dieser Traum in Erfüllung. Auf dem Weg dahin war für ihn der Glaube an sich selbst extrem wichtig: „Das ist die größte Stärke, die ein Mensch hat, und nur so kommt man im Leben weiter. Ich glaube, wenn man im Leben immer dranbleibt und kämpft, dann wird man irgendwann mal dafür belohnt."

Moritz wurde dafür belohnt – mit dem Glück des Tüchtigen.

Moritz hat es geschafft: Von der Schatten- zur Sonnenseite des Lebens. | Bild: Martin Granzow-Emden

„Lass Dir von niemandem je einreden, dass Du etwas nicht kannst. Auch nicht von mir, ok? Wenn Du einen Traum hast, musst Du ihn beschützen. Wenn andere etwas nicht können, wollen sie Dir immer einreden, dass Du es auch nicht kannst. Wenn Du etwas willst, dann mach es. Basta." (Will Smith in „Das Streben nach Glück", 2006)


Impressionen aus dem Hardtwaldstadion des SV Sandhausen

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Über den Autor

Martin Granzow-Emden

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