Körperkultur

Vom Leben gezeichnet

19.12.2016

Immer mehr werden sie gesehen – Frauen mit Punkten und Symbolen im Gesicht, an den Händen, den Armen. Ausgeblichene Namen oder Zeichen, die bei näherem Hinsehen keine Muttermale oder Narben sind, sondern Tätowierungen. Frauen aus dem Nahen Osten – die Köpfe bedeckt, die Augen voller Trauer – erklären es.

Punkte am Kinn um Kopfschmerzen zu verhindern. |Quelle: Ceren Tiras

Es ist später Freitagnachmittag, verregnet, kalt und dunkel. Gemeinsam mit der Übersetzerin Ayse betrete ich eine Flüchtlingsunterkunft in Villingen-Schwenningen, auf der Suche nach einer jesidischen Familie. Emin, Xodeyda und Sevi sind vor genau zwei Jahren und einem Monat aus Sindschar – einer Stadt im Irak – geflohen, um dem IS Terror zu entkommen und ein neues Leben zu beginnen. Sevi, mit großen schwarzen Punkten an der Schläfe und am Kinn, öffnet die Türe und begrüßt uns, wie es für Jesiden üblich ist, mit einem Kuss auf die Hand. Auch Emin, Sevis Sohn und dessen Frau Xodeyda kommen zur Begrüßung an die Tür.

Die ganze Wohnung duftet nach Kalbfleisch, Paprika und Knoblauch. Sie haben gekocht, damit wir gemeinsam zu Mittag essen können. Am Esstisch fällt auch die Zeichnung auf Xodeydas rechter Hand auf. Eine durchbrochene runde Linie und ein ovaler Kreis. Sie erklärt, dass sie es vor 14 Jahren selbst gestochen hat. Zu sehen ist die Sonne und ein Stern – ein Symbol, das ihre Kultur darstellt. Sie zieht ihren Pulli weiter hoch, sodass ihr Arm zu sehen ist. Auf ihm sind mehrere schwarze Punkte, die einen geschlossenen Kreis bilden. „Mein zweites Daq ist diese Blume. Ich hab es mir damals gestochen, weil es für Schönheit steht und ich Blumen einfach mag", erzählt sie und zieht den Pulli wieder runter.

Daq gegen Kopfschmerzen

Daq, erklärt Sevi, bedeutet auf kurdisch Tattoo und ist vor allem bei den Frauen zu sehen. Es sind ganz verschiedene Symbole oder Formen, die auf den Hals, Hände und Arme oder auf das Gesicht gestochen werden. Die Bedeutung ist von Stamm zu Stamm unterschiedlich. Einige zeigen die Familien- oder Religionszugehörigkeit, andere stellen eine Schönheitssymbolik in deren Kultur dar. Manche sollen die Mädchen und Frauen vor bösen Geistern oder vor bösen Augen schützen. Die Herstellung der Farbe unterscheidet sich – wie auch bei der Bedeutung – von Region zu Region und von Stamm zu Stamm, erzählt Sevi. So verwenden die Jesiden aus Sindschar Asche aus dem Feuer und vermischen es mit Milch, vorzugsweise Muttermilch, und Wasser um die Farbe für das Daq herzustellen.

Sevi selbst bekam ihr erstes Daq mit zwölf Jahren von ihrer Oma an ihrem Kinn. Es sollte ihre Kopfschmerzen lindern und vor weiteren Schmerzen schützen. Es folgten zwei weitere schwarze Punkte an ihre Schläfen, da ihre Kopfschmerzen nicht aufhörten. „Am liebsten würde ich die ganzen schwarzen Punkte weg machen, ich mag sie überhaupt nicht", sagt Sevi mit einem Lächeln im Gesicht; man würde sie hier nur schief anschauen. Auf die Frage, wieso sie es sich überhaupt stechen ließ, antwortete sie, dass es normal gewesen sei. Alle Frauen hatten welche und die Älteren würden die Mädchen sowieso tätowieren, ob sie wollen oder nicht.

Früher galten die Tätowierungen als medizinische Behandlungen oder Geschenke; heute werden sie vermehrt zum Trend oder erinnern an alte Zeiten.

Ein ewiges Geschenk

Am nächsten Tag besuchen Emin, Ayse und ich eine Flüchtlingsunterkunft in Rottweil, in der weitere Jesidinnen leben, die tätowiert sind. Vier Frauen warteten bereits im Aufenthaltsraum. Sie alle trugen verschiede Daqsymbole auf ihrer Haut. Im Vergleich zu Sevin und Xodeyda haben hier einige Frauen, neben den schwarzen Punkten, auch Rautenmuster oder Männernamen auf ihren Händen. Die Älteste der Frauen, Wasire, ist genau wie Sevi im Gesicht tätowiert. Ihre Mutter hat es ihr in der Verlobungsnacht gestochen. Eine Art Geschenk an die nun erwachsene Frau.

Eine weitere Frau, Fehime, zeigt ihr Handgelenk auf dem in Großbuchstaben ein Männername steht. „So hieß mein Mann. Ich hab mir das Daq gestochen, kurz nach dem er von der IS umgebracht wurde". Im Laufe des Gespräches brachte Wasire zwei Kinder in den Aufenthaltsraum: Die zehnjährige Samira und ihren jüngeren Bruder Taylan, neun Jahre alt. Beide zeigten ihren linken Oberarm, auf dem sie ein großes „G" als Daq tragen. „Unsere Mama hat es uns gestochen, damit sie uns wieder finden kann, wenn sie uns auf dem Weg hier her verliert", erklärt Samira. Aus Angst die Kinder verändern sich mit der Zeit. Auch erklärte sie, die Mutter habe sie immer noch nicht gefunden, sei aber noch auf der Suche.

Fast nur noch Mode

Daja, ein 14-jähriges Mädchen aus Sindschar, hat den Namen Daod auf ihrem Arm stehen. Es ist der Name ihres Vaters, den sie sterben sah, bevor sie nach Deutschland flüchtete. Es ist eine Erinnerung. Gleichzeitig symbolisiere es aber auch den Abschied von ihrem Vater. Das Daq habe, im Gegensatz zu anderen Stämmen, bei ihnen an Bedeutung verloren, meint Wasire. Mittlerweile werde es nicht mehr automatisch an jedes junge Mädchen oder an jede junge Frau angebracht. Trotzdem stechen sie noch welche. Freundschaftssymbole, den Namen der ersten großen Liebe oder Symbole wie Blumen oder Herzen seien im Moment ziemlich modern. Doch das Aufzwängen stammeseigener Symbole, wie es zu ihrer Zeit war, gebe es bei ihnen nur noch in den seltensten Fällen.

Namen wurden Teils von der Redaktion geändert

Quelle: Ceren Tiras via Piktochart

Total votes: 63
 

Über den Autor

Ceren Tiras

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016