Vom Schreibtisch auf die Straße

07.10.2016

Linda Dörr hat zwei Semester an der Hochschule der Medien Public Relations studiert – und sich dann für die Arbeit im Rettungsdienst entschieden. Wie kommt es zu einer so drastischen Entscheidung für einen völlig anderen Beruf? Eine Abbrecherin im Interview.

Quelle: privat

Wenn du zurück denkst an den Tag der Entscheidung, an dem du beschlossen hast: Ich breche mein Studium ab. Wie war das für dich?

Absolut furchtbar. Ich war total verzweifelt, weil ich keinen Alternativplan hatte. Ich habe jahrelang meinen Lebenslauf für dieses Studium aufgebaut. Nach dem Abi hatte ich keine Ahnung, was tun, also hab ich erstmal gearbeitet und Praktika gemacht. Und dann dachte ich mir: Ich bin ja noch jung, ich will auf jeden Fall noch ins Ausland. Ich bin dann quasi in Eigenregie nach Brasilien gegangen, ins Tierheim. Dort habe ich einen Hund betreut, Sky, und nach der Zeit dort wollte ich ihn mit nach Hause nehmen. Da hab ich festgestellt, dass ich mit Fundraising eigentlich innerhalb von einem Monat über 2000$ zusammen sammeln kann, nur für mich und diesen Hund, um den Hund mitzunehmen. Und ich dachte mir: Wenn ich das ungelernt, nur für mich und diesen einen Hund kriege – dann kann ich die Welt retten, wenn ich’s gelernt hab. Und so bin ich dann auf PR gekommen, oder halt Öffentlichkeitsarbeit.

Klingt, als wäre das der perfekte Beruf für dich gewesen. Warum hat es doch nicht gepasst?

Ich bin halt absolut kein Schreibtisch-Mensch. Ich wollte ja nicht frei die Welt retten, sondern Teil einer Organisation werden, und da hätte ich am Schreibtisch gearbeitet. Zum Beispiel Fundraising: Das ist schon cool und man sammelt Geld für eine gute Sache. Ich hab während dem Studium in der Stiftung für Entwicklungshilfe gearbeitet, für die hab ich einmal 60.000€ gefundraised. Das war eine absolut super Summe und wir haben im Büro übel gefeiert, aber dann saß ich da und dachte mir: „Mh, und wo kommt das Geld jetzt hin?" Ich bin nicht der Mensch, der hinterm Computer sitzt und irgendwelche Sachen organisiert. Ich nehm die Schaufel in die Hand, fahr nach Afrika und bau die Schule selber. Und in dem Konflikt bin ich einfach irgendwie hängen geblieben (lacht).

Lag es dann gar nicht am Studiengang, sondern mehr am Berufsbild, das dir nicht mehr zugesagt hat?

Vor allem am Berufsbild. Ich wollte nicht hinterm PC-Bildschirm versauern. Das Studium hat mir echt Spaß gemacht und es war cool. Ich mochte das Prinzip von dem Studiengang. Der ist auch echt praxislastig, das fand ich ziemlich gut. Aber ich hab gehofft, es würde freier werden. Ich hab mir Studieren immer so vorgestellt, dass man im Gespräch mit den Profs ist, dass man diskutiert, und dann war’s halt viel: Lehrpläne und PowerPoint-Präsentationen und Hausaufgaben.

Also hast du es abgebrochen – ohne Alternativplan. Wenn das so furchtbar für dich war, warum hast du es trotzdem gewagt?

Weil’s viel, viel schlimmer gewesen wäre, es fertig zu machen und dann zu denken: „Jetzt hab ich mir drei Jahre lang den Hintern aufgerissen, und jetzt bin ich fertig und will’s immer noch nicht machen". Und: „Fuck, du wusstest das vor drei Jahren schon!" Ich glaube, das Gefühl wäre viel schlimmer gewesen. Also hab ich die Wohnung gekündigt, mit meinem Freund Schluss gemacht und mein Studium abgebrochen. Und einfach im Rettungsdienst angefangen.

Wie bist du denn von PR aufs Rote Kreuz gekommen?

Naja, die offizielle Version ist: Ich hab einen Kumpel der im Rettungsdienst arbeitet und der meinte: „Hey, guck’s dir doch mal an, ist ganz witzig". Die reale Version ist: Ich hab ein Buch gelesen, da kam ne Rettungsassistentin drin vor und ich dachte: „Hey, klingt spannend, lass mal Studium abbrechen und von vorne anfangen" (lacht). Ich hatte mit dem DRK davor noch nie irgendwas zu tun. Und dann saß ich da und hab mich für ein Praktikum beworben. Die wussten gar nicht, was ich von ihnen will. Normalerweise macht man Notfallrettungspraktika für die Ausbildung zum Rettungssanitäter. Und die wollten dann von mir wissen, über welche Schule ich das mache oder auf welcher Schule ich war. Und ich halt, blöd wie ich bin: Aufm Fürstenberg-Gymnasium! Und die wollten halt wissen: DRK-Landesschule oder Malteser-Schule oder so... (lacht).

Ist es denn so ungewöhnlich, zum Beispiel vor einer Ausbildung ein Praktikum beim Rettungsdienst zu machen?

Ja, eigentlich fährt man da nicht als Dritter mit – und im Nachhinein macht das auch absolut Sinn. Im Einsatz, vor allem bei einem zeitkritischen, ruft der Arzt ein paar Sachen, die er braucht, und ich soll die bringen. Und dann steh ich da, hab die gleichen Klamotten an wie alle anderen und der Arzt denkt, ich kann das. Und ich gucke in den Koffer und denke mir: „Was soll ich tun?"

Aber du durftest trotzdem mitfahren?

Ja, aber einmal dachte ich mir wirklich: Ich werde nie wieder in dieses Auto steigen, ich steh allen nur im Weg rum. Da hatte sich eine die Pulsadern aufgeschnitten. Man konnte in dem Raum dort nicht so richtig arbeiten, weil man die ganze Zeit im Blut stand. Die Frau war noch ansprechbar, also hat der Rettungsassistent beschlossen: „Die kann noch nach unten gehen, wir arbeiten im Auto". Auf der Treppe ist sie aber zusammengebrochen und lag dann da. Das sind dann sechs Leute, die auf dieser Treppe stehen, wo die Frau in der Mitte liegt. Dann will der Arzt irgendwas haben, will der Rettungsassistent irgendwas haben, also alle wollen irgendwie was haben, aber es gibt nur einen Koffer, wo man was rausholt. Und um an diesen einen Koffer zu kommen, musste man immer über diese Frau klettern. Ich sollte dann irgendwie den Zucker messen und das Zuckergerät war auf der anderen Seite im Koffer und ich kam da nicht ran. Dann hieß es, ich soll den Sauerstoff anmachen und ich saß vor dem Sauerstoff-Gerät und dachte: „Wie geht denn das an?" Das war eine absolut furchtbar schreckliche Erfahrung. Danach dachte ich: Okay, das ist vielleicht eine ganz, ganz blöde Idee, ich mach das lieber nicht.

Seitdem ist über ein Jahr vergangen, und du machst es immer noch – wie hast du das geschafft?

Ich hatte nette Kollegen, die haben sich mit mir hingesetzt und alles erklärt. Ich hab viel nachgelesen und einfach zu allem, was ich gesehen hab, Fragen gestellt. Und irgendwann war ich eine Hilfe im Einsatz. Irgendwann gucken einen die Leute an und fragen Sachen, und irgendwann hat man das Gefühl, man kann Sicherheit vermitteln. Auch wenn das nur ein eingerissener Zehennagel ist, nachts um drei. Aber es gibt irgendeinen Grund, warum das Ömchen jetzt nicht mehr schlafen konnte und es ging ihr schlecht und sie sitzt im Auto und sie redet mit dir. Und irgendwann nimmt sie deine Hand und bedankt sich. Das ist einfach so schön (lacht leise).

Jetzt bist du eine Hilfe – aber du bist ja auch keine Praktikantin mehr, oder?

Nein, ich hab nach dem Praktikum ein Freiwilliges Soziales Jahr im Rettungsdienst gemacht. Jetzt bin ich Rettungshelferin. Vor zwei Wochen war mein FSJ zu Ende, jetzt bin ich am Rettungssanitäter dran. Danach kommt der Notfallsanitäter, das ist die reguläre dreijährige Ausbildung. Dafür will ich mich nächstes Jahr bewerben.

Bist du jetzt glücklich mit deinem neuen Plan? Oder bereust du deine Entscheidung manchmal?

Überhaupt nicht. Es sterben zwar immer wieder Leute, aber dann gibt’s halt auch wieder so Situationen: Da war ein Opi, keine Ahnung, was der eigentlich hatte, aber er saß im Rettungswagen und hat geheult, er will endlich sterben. Und ich wusste überhaupt nicht was ich machen soll, und dann hab ich einfach seine Hand genommen und plötzlich hörte er auf zu heulen und sagte „Danke". Das war so unglaublich schön! Und dann sind wir Händchen-haltend ins Krankenhaus gefahren und haben ihn da abgeliefert, und es war in Ordnung, plötzlich. Ich hab nicht mal was gesagt. Alles was nicht so schön ist, macht das wieder wett. Irgendwie. Und das ist das, was mir in unserem Studium so gefehlt hat. Ich wollte helfen, ich wollte sozial sein, aber ich saß hinterm PC und nicht bei den Leuten.

Total votes: 77
 

Über den Autor

Leonie Rothacker

Crossmedia-Redaktion (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015