Mutter(un)glück

Von der Drogensucht zur Mutterliebe

27.01.2017

Januar 2015: Plötzlich schwanger – ungeplant. Keine abgeschlossene Ausbildung, keine langjährige Beziehung und dann noch große Probleme mit sich selbst: Eine Drogensucht und eine Essstörung bestimmten das Leben der 20-jährigen Bea. Doch dann sollte sich alles ändern.

Bea und ihr 15 Monate alter Sohn Liam | Bild: Carolin Frenken, Inka Gösmann

Jedes Jahr werden etliche Frauen ungewollt schwanger. Sie gehören allen Altersklassen, Kulturen und Bildungsschichten an, so Heidi Richter, Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberaterin der proFamilia Stuttgart. Laut den Erfahrungswerten der Beratungsstelle sind die wenigsten Kinder wirklich geplant. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Da keine Frau verpflichtet ist, eine ungewollte Schwangerschaft zu melden, werden diese Daten nicht erhoben. „Eine geplante Schwangerschaft ist das Ideal, aber dies ist in der Wirklichkeit nicht immer so. Ungeplant heißt nicht unbedingt ungewollt," sagt Richter. Oft hadern gerade junge Mütter mit der Entscheidung für oder gegen das Kind. Ein häufiger Grund dafür seien frische oder instabile Partnerschaften.

„Das Umfeld der Frauen ist gravierend einflussreich." - Heidi Richter

Reagiert das Umfeld der Schwangeren positiv auf die Nachricht der Schwangerschaft, entscheiden sich die werdenden Mütter oft für das Kind, weiß Richter. Ist die Entscheidung getroffen, werde eine Schwangerschaft oft auch zum Motor der Veränderung.

Das hat auch Bea erlebt. Als die 22-Jährige vor etwa zwei Jahren ungewollt schwanger wurde, waren sie und ihr Freund drogenabhängig. Zudem hatte Bea eine Essstörung. Wegen Beas körperlichen Verfassung war nicht klar, ob sich das Kind im Bauch überhaupt weiter entwickeln würde. Sie stand vor der wichtigsten Entscheidung ihres Lebens: Sie konnte ihr Leben entweder verantwortungslos weiterleben oder dem Kind und sich selbst eine Chance geben.

Gedanken und Gefühle der jungen Mutter zur ungewollten Schwangerschaft und der Liebe zu ihrem Sohn Liam.

Bea entschied sich für das Kind. Die Entscheidung fiel der damals 20-Jährigen leicht, da ihre Eltern und vor allem ihr Freund positiv reagierten. Ab diesem Tag gab ihr die Schwangerschaft Kraft und Motivation, Verantwortung für sich selbst und für das Baby zu übernehmen. Von nun an drehte sich Beas Leben nur noch um das Kind.

Gemeinsam mit ihrem Freund hielt sie sich von dem Zeitpunkt an fern von jeglichen Drogen. Leicht war das nicht, aber zusammen schafften sie es. Sie suchten eine Wohnung und bereiteten sich auf ihre Rolle als Eltern vor. Dabei erhielten sie stets die Unterstützung ihrer Eltern.

Heute ist ihr Sohn Liam 16 Monate alt. Die junge Familie kommt gut zurecht und führt ihr eigenes Familienleben. Zu dritt wohnen sie in einer kleinen, gemütlichen Wohnung in Stuttgart. Beas Freund macht gerade eine Ausbildung und sie selbst kümmert sich liebevoll um Liam. Um immer für ihren Sohn sorgen zu können, ist es Bea inzwischen wichtig, etwas aus ihrer Zukunft zu machen. Sobald Liam in den Kindergarten kommt, möchte sie eine Teilzeitausbildung beginnen. Wo, weiß sie noch nicht genau. Eines weiß sie jedoch, wenn sie jetzt eine Ausbildung beginnt, wird sie diese auch durchziehen.

Beas Alter sei für andere Mütter in der Krabbelgruppe oder auf dem Spielplatz nie ein Problem. Sie sagt: „Man kann es sich kaum vorstellen, dass es junge Familien gibt, bei denen es funktioniert. So mit Mama, Papa und Kind. Aber das stimmt nicht, bei vielen klappt das super.” Heidi Richter sieht das ähnlich. Junge Mütter sind keine schlechteren Mütter als Frauen über 30. Im Gegenteil, junge Frauen handeln oft spontaner und mehr aus dem Gefühl heraus. Das wirkt sich häufig positiv auf das Kind aus, so die Expertin.

"Schwangerschaften sind immer Veränderungsprozesse.” - Heidi Richter

Durch die Schwangerschaft gelangen werdende Mütter in eine Umbruchsituation. Das wirkt sich nach Richter zum Beispiel durch das Erinnern an die eigene Kindheit oder die Reflexion der Beziehung zu den eigenen Eltern aus. „Wie war meine Mutter zu mir und wie möchte ich als Mutter sein?", sind dabei häufig gestellte Fragen. Das Bedürfnis, über solche Gedanken zu reden, ist während der Schwangerschaft besonders hoch, erzählt die Sozialpädagogin. Offene Gespräche sind wichtig, um sich auf das Kind freuen zu können.

Ihr Sohn Liam hat Bea wieder einen Sinn im Leben gegeben. Die Entscheidung, das Kind zu bekommen, hat sie noch nicht einmal bereut, sagt sie während der Kleine in ihrem Arm eingeschlafen ist. Wenn sie heute einen jungen Teenager rauchen sieht, wird sie wütend und denkt daran, wie sie in dem Alter war. Heute versteht sie ihre eigene Mutter besser, weil sie jetzt weiß, was es heißt, Mutter zu sein.

Beratungsstellen zur Schwangerschafts- & Schwangerenkonfliktberatung in Stuttgart
Bei Unsicherheiten, Problemen und Ängsten ist eine Beratung rund um das Thema Schwangerschaft, Partnerschaft, Existenzsicherung und Kitaplätze ratsam.

An folgende Stellen können sich Betroffene wenden:
Städtische Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen und Schwangerschaftskonflikte
Evangelische Gesellschaft – Beratungsstelle für Schwangere
Beratungsstelle Donum Vitae
Pro Familia
Sozialdienst katholischer Frauen e.V.
Familienhebammen Stuttgart

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Über die Autoren

Carolin Frenken

Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17

Inka Gösmann

Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17