Interview

Von der Filialleiterin zum Ersti

27.01.2016

Lisa Prause ist 26 Jahre alt und hat ein völlig neues Kapitel in ihrem bisherigen Leben angefangen. Sie entschloss sich dazu ihren Job bei der Bank zu kündigen und ein Wirtschaftspsychologie-Studium zu beginnen. Ohne Sicherheit, konkreten Plan und monatlichem Einkommen. Während sich ihre Freunde niederlassen, Kinder bekommen und heiraten, zog Lisa Prause zum ersten Mal in ihrem Leben in eine WG.

Lisa Prause ist im Studentenalltag angekommen. Foto: Lisa Prause

Frage: Wie ist es für dich als 26-Jährige zwischen den Erstsemestern, von denen einige noch nicht einmal 18 Jahre alt sind?

Es ist sehr spannend. Vor allem jetzt Ersti genannt zu werden. Mit 26 ist das ein neues schönes Wort. (lacht) Ich habe aber sehr viele jüngere Freunde, von dem her fühle ich mich sehr wohl.

Frage: Wie genau kam es zu dieser 360 Grad Wende in deinem Leben?

Ich habe mich gefragt, ob ich meinen Beruf wirklich noch 40 Jahre meines Lebens ausüben kann. Wir wissen alle nicht wie lange wir noch arbeiten müssen und da ich vorher als Bankkauffrau gearbeitet habe, war die Überlegung: hat dieser Zweig für mich noch Zukunft – ja oder nein? Ich habe mich dagegen entschieden und deswegen musste ich jetzt die Entscheidung treffen noch etwas Neues zu machen, sonst ist es irgendwann zu spät.

Frage: Was hat dir bei der Bank nicht gefallen?

Ich arbeite unheimlich gerne mit Kunden zusammen, bin unheimlich gerne in der beratenden Tätigkeit und war auch Geschäftstellenleiterin, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Aber ich glaube, dass sich das ganze Kapitalsystem in Zukunft in eine andere Richtung entwickeln wird. Wir haben immer mehr Konkurrenz durch Internetbanken oder durch Großbanken, gegen die wir doch sehr hart angehen müssen und teilweise auch vom Kostendruck her nicht standhalten können. Deswegen glaube ich, dass es gerade kleinere Banken in Zukunft schwer haben werden.

Frage: Dabei hast du viel Zeit und Energie in deine Karriere bei der Bank gesteckt.

Ja das stimmt. Ich habe während meiner Ausbildung nebenher meinen Fachwirt gemacht. Wenn die anderen am Wochenende feiern gingen, habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt und gelernt. Ich hatte kaum Freizeit, aber ich wollte auch nicht ewig als Kundenberaterin in der Bank stecken und jeden Tag das gleiche machen müssen.

Frage: Das hat sich gelohnt. Du wurdest zur Filialleiterin befördet und hast mit Summen hantiert, die sich viele Studenten kaum vorstellen können. Wie ist es, die Existenz mancher Menschen in den Händen zu halten?

Total verrückt. Ein Kunde hatte 500.000 Euro auf seinem Girokonto. Als ich das gesehen habe sind mir fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Wieso lässt man so eine Summe auf einem Konto ohne Zinsen, habe ich mich gefragt. Als ich dem Kunden dann meinen Vorschlag erzählte das Geld anzulegen, war er sehr skeptisch. Ich habe es dann geschafft ihn zu überreden einen Teil seines Ersparten woanders anzulegen. Ein halbes Jahr später war so viel Gewinn da, dass der Kunde mir eine Champagnerflasche mitbrachte und wir zusammen anstießen.

Frage: Das stelle ich mir aber nicht als langweiligen Alltag vor. War es nicht schwer das alles hinter dir zu lassen und dich von deinem bisherigen Leben zu verabschieden?

Ich habe meine Kunden sehr ins Herz geschlossen. Der Kunde, von dem ich eben sprach, hat angefangen zu weinen, als ich ihm erzählte, dass ich meinen Job kündigen werde. Das hat mich verblüfft, aber mir auch geschmeichelt. Ich wollte mich noch mal neu entdecken. Meine Interessen sind an die Grenzen gestoßen. Und ich wollte mich noch in einem anderen Bereich bilden. Ich glaube, dass ich in anderen Branchen bessere Möglichkeiten habe als in der Finanzbranche.

Frage: Du spielst die jetzige Lage auf dem Finanzmarkt an. Dabei haben Deutsche Banken im Vergleich doch noch Glück gehabt, oder nicht?

Während der Finanzkrise in Griechenland haben viele Deutsche Banken ihre Mitarbeiter gekündigt. Der Arbeitsmarkt war sehr sehr schlecht. Ich erinnere mich an meinen Opa, der mir damals nach der Schule geraten hat zur Bank zu gehen, damit ich einen sicheren Job habe. Ich hatte Glück, dass ich nach der Ausbildung übernommen wurde. 2008 war erschreckend hart. Wir gehen davon aus, dass 2016 der nächste Wirtschaftscrash kommen wird. So circa alle acht Jahre.

Frage: Da wolltest du dann schnell weg. Was war der Moment, in dem du dachtest: Da habe ich keinen Bock mehr drauf, ich mache jetzt etwas ganz anderes?

Der Gedanke kam mir während einer Wanderung. Da habe ich sehr viel über mich nachgedacht, weil ich stumm vor mich hergelaufen bin. Ich habe mir überlegt, was ich eigentlich von meinem Leben möchte und was ich vielleicht auch ein bisschen verpasst habe. Da in meinem Freundeskries die meisten Leute studiert haben war das immer etwas, was mir gefehlt hat. Auch Auslandserfahrungen zu machen. Denn wenn man nur 30 Urlaubstage im Jahr hat ist das schon etwas begrenzt und ich wollte mich unbedingt noch persönlich weiterentwickeln.

Frage: Das hast du dann auch getan. Du hast dir Deinen Rucksack geschnappt und bist einmal quer durch Asien gebackpackt. Was hast du auf diesem Weg gelernt? Wie hat dich das weiter gebracht?

Vor allem Bali hat mich in meiner persönlichen Entwicklung weitergebracht. Weil dort nie das Finanzielle im Vordergrund steht. Es geht nicht darum was ich esse, wo ich schlafe oder was ich brauche. Die Menschen sind so zuvorkommend und gelassen. Da können wir alle etwas von lernen.

Frage: Von Asien aus ging es dann nach Stuttgart. Wie kommst du dort finanziell zurecht?

Ich komme ganz gut über die Runden. Uni-Alltag und Nebenjobs sind nicht immer ganz so einfach zu meistern. Aber ich habe noch Gespartes von meiner Zeit bei der Bank und das ist meine kleine Reserve. Trotzdem achte ich im Supermarkt darauf günstige Lebensmittel zu kaufen. In meiner WG bin ich die ja!-Produkte Vertreterin. (lacht)

Frage: Und wo siehst du dich in zehn Jahren?

Ich werde später wahrscheinlich irgendwann in einer beratenden Tätigkeit arbeiten – wo weiß ich nicht. Ich glaube da ist es gar nicht so schlecht, wenn man schon ein bisschen älter ist. Mein Alter gibt mir auch jetzt im Studium schon gewisse Vorteile. Ich kann neu Erlerntes direkt auf den Beruf beziehen.

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Über den Autor

Julia Weise

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015