Migration und Integration

Von der Pädagogik zur Bürokratie

18.01.2016

Im Jahr 2015 hat sich die Zahl der Asylanträge mehr als verdoppelt. Wie reagieren Institutionen und Arbeitnehmer, die seit Jahren in der Flüchtlingsarbeit tätig sind, auf die schwierige Situation und auf die steigenden Zahlen? Sozialpädagoge Bernd Kroll und Doris Trabelsi, Fachdienstleitung im Bereich Migration und Integration des Caritasverbandes geben Antworten.

Seit vergangenem Jahr beherrschen die steigenden Flüchtlingszahlen die Medien, die Politik und die gesellschaftlichen Diskussionen. In diesem Jahr wurden über 392.000 Asylanträge in Deutschland gestellt, in Baden-Württemberg waren es über 51.000 (Stand Ende November 2015). Hingegen stellten im Jahr 2010 deutschlandweit ungefähr 41.300 Flüchtlinge einen Asylantrag, in Baden-Württemberg waren es etwa 4.750. In Deutschland sind die einzelnen Städte für die Verteilung der Flüchtlinge zuständig. Die Betreuung erfolgt durch die jeweiligen Sozialverbände. Der Caritasverband Stuttgart ist der größte Träger der Flüchtlingshilfe in Stuttgart. Zusammen mit den kleineren Verbänden der Arbeiterwohlfahrt Stuttgart, der Arbeitsgemeinschaft Dritte Welt e.V. und der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart stemmen sie die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge.

Steigende Flüchtlingszahlen bedeutet eine hohe Nachfrage an Sozialarbeitern. „Bisher konnten wir alle Stellen decken, neben Sozialpädagogen, stellen wir auch Islamwissenschaftler oder Leute mit Auslandserfahrung ein", erklärt Doris Trabelsi, Fachdienstleitung des Caritasverbandes Stuttgart. Auf eine Vollzeitstelle im betroffenen Bereich kommen momentan 136 Flüchtlinge. „So bald neue Häuser eröffnet werden, stellen wir die nötige Personalkapazität für die entsprechende Zahl der Flüchtlinge ein", so Bernd Kroll. Der Sozialpädagoge arbeitet seit 25 Jahren im Bereich Migration und Integration des Caritasverbandes Stuttgart.

Graphik: Wibke Kroll

Der Arbeitsalltag

„Man hat vermehrt Gespräche mit den Menschen geführt und sich nach ihrer Situation im Heimatland erkundigt. Auch das deutsche Asylverfahren konnte besser erklärt werden", erzählt Bernd Kroll von seiner Arbeit. Dazu fehle nun einfach die Zeit, Abläufe seien immer schneller geworden. Hinzu kommt die erhöhte Verwaltungsarbeit: „Der Druck, dass man ständig aufnehmen muss und Zuweisungen immer schneller kommen." Zudem hat die Öffentlichkeitsarbeit ebenfalls einen großen Platz eingenommen. Veränderungen, die auf dem Tätigkeitsfeld in ganz Deutschland zutreffen. Mehr Flüchtlinge bedeutet mehr Arbeit. Frau Trabelsi erklärt dazu: „Überforderung gibt es teilweise, aber jeder bekommt seinen Urlaub. Wir operieren nicht am offenen Herzen, manches reicht auch noch am nächsten Tag. In der Flüchtlingsarbeit wird man nie mit seiner Arbeit fertig."

Positive Veränderungen zeigen sich in zwei Bereichen: „Einmal konnten Flüchtlinge früher erst mit einer Aufenthaltsgenehmigung einen Sprachkurs besuchen und dann erst langsam in den Arbeitsmarkt einsteigen, das Asylverfahren hat sich über Jahre hinweg gezogen", erklärt der Sozialpädagoge. Heute erlernen die Flüchtlinge die Sprache als erste Grundlage. „Zudem bilden sich an den einzelnen Standorten der Wohnheime immer größere Freundeskreise unter den Schutzsuchenden, diese müssen in die Flüchtlingsarbeit integriert werden." Bernd Kroll sieht darin das Problem, dass die neue Arbeitszeit dazu meist nicht ausreiche und die Arbeit einen immer mehr an seine Grenzen bringe. Die Arbeit besteht im Kern immer noch in der Versorgung und Unterbringung der Flüchtlinge. Einen wichtigen Punkt für die Zukunft sieht er insbesondere darin den Jugendlichen eine schulische und berufliche Ausbildung zu ermöglichen. „Aus zwei Gründen benötigt man ausgebildete Leute: Erst mal braucht Deutschland Arbeitnehmer und zweitens, um in den Heimatländern mit dem Wiederaufbau zu beginnen." Mit den steigenden Asylanträgen, ändern sich Arbeitsweisen und Strukturen.

Graphik: Wibke Kroll

Gezielte Maßnahmen in der Teamarbeit

Nach den 1990er Jahren sind die Flüchtlingszahlen stark gesunken, damals waren die Bürgerkriege auf dem Balkan und Kämpfe in großen Teilen Afrikas der Auslöser für die Flüchtlingswelle. Die niedrigste Zahl der Asylantragsteller in Baden-Württemberg lag im Jahr 2007 bei 1.595. In den Jahren 2010 und 2011 kam der Umschwung. „Vor drei bis vier Jahren", erinnert sich Bernd Kroll, „wurden Projektarbeiten nicht mehr verlängert und Kollegen wechselten wieder verstärkt in den Flüchtlingsbereich." Wenn sich Arbeitsabläufe ändern, müssen zudem die Strukturen in einem Team angepasst werden. Der Bereich Migration und Integration der Caritas bestand 2010 aus einem Bereichsleiter, einer Fachdienstleitung und einem Team aus 28 Sozialarbeitern, davon waren vier Mitarbeiter im Flüchtlingsbereich. Durch die geringe Anzahl an Mitarbeitern waren Informationen und Entscheidungen schnell ausgetauscht.

Heute stehen Bewerbungsgespräche an der Tagesordnung. „Proportional ist das in diesem und letzten Jahr gestiegen, es gab massiv viele Neueinstellungen", resümiert Kroll. Mittlerweile sind im Migrationsbereich 56 Mitarbeiter beschäftigt, davon sind 42 Sozialarbeiter in der Flüchtlingshilfe aktiv. „Eine Dienstbesprechung mit 56 Leuten ist unmöglich, zeitlich sprengt das jegliche Form und die persönliche Beziehung geht verloren", erklärt Doris Trabelsi. Um produktive Diskussionen zu führen, sind den Kollegen nun fünf Teamleiter zugewiesen, um in kleineren Teams schneller agieren zu können. Auch die anderen Verbände spüren die Veränderung. „In den letzten zwei Jahren hat sich unsere Mitarbeiterzahl verdreifacht, trotzdem fehlt es an Kapazitäten", erklärt eine Mitarbeiterin der Arbeitswohlfahrt Stuttgart. Das Problem bekommen sowohl die kleinen als auch die großen Sozialverbände in Deutschland zu spüren. Das Tätigkeitsfeld der Sozialarbeiter befindet sich im Anpassungsprozess und wird noch einige Jahre andauern.

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Über den Autor

Wibke Kroll

Crossmedia-Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemster 2015