Blue Economy

Von der Tonne auf den Teller

13.11.2014

Kaffee war 2013 mit 165 Litern pro Kopf das unangefochtene Lieblingsgetränk der Deutschen. Das bedeutet tonnenweise ungenutzter Abfall in Form von Kaffeesatz – was wir auf den Kompost werfen, nutzt Alessandro Haas als Nährboden für seine Pilzzucht und bringt damit die Idee der Blue Economy in die Region Stuttgart. Wir haben ihn einen Tag lang begleitet.

Die Frucht der Arbeit – Frische Austernpilze auf Kaffeesatz

Mein Team und ich warten vor einem Haus in Winnenden auf Alessandro. Wir klingeln, er kommt die breiten Steintreppen vor seinem Haus herunter – lange blonde Haare, ein Hemd unter dem roten Pullover, freundliches Lächeln. Er bittet uns herein. Seinen Tagesplan hat er bereits auf einen Block geschrieben. Doch bevor wir mit der Arbeit beginnen, führt er uns durch die Produktionsräume. Voller Stolz präsentiert er uns seinen Keller, wo bereits erste essbare Austernpilze wachsen.

„Edelpilzfreunde" nennt sich sein junges Unternehmen. Als er anfängt von seinem Unternehmen zu erzählen, spricht er in erster Person Plural – „wir". Er meint damit seine Verlobte, seine Familie und sich selbst – alle sind überzeugt von der Idee und helfen leidenschaftlich bei der Arbeit mit.

Die Idee auf Kaffeesatz essbare Pilze zu züchten stammt nicht von ihm. Sie wurde in den 90er Jahren erstmals von einem chinesischen Wissenschaftler erforscht. Mittlerweile gibt es weltweit ca. 2000 Projekte auf vier Kontinenten, die Pilze auf Kaffeesatz züchten. In Deutschland ist Alessandro neben einer Berliner Betrieb der einzige, der dieses außergewöhnliche Geschäft betreibt. Von der Blue Economy wurde Alessandro Haas während seines Forstwissenschaftsstudiums inspiriert.

Die blaue Philosophie

Die Blue Economy ist ein weltweites Netzwerk, das es sich zum Ziel gemacht hat, eine nachhaltige Gesellschaft zu schaffen. Es ist 1994 aus einer Initiative des belgischen Unternehmers Gunter Pauli entstanden. „Blue"- das kommt vom dem blauem Himmel, blauem Wasser, dem blauen Planeten. Es geht bei dieser Philosophie nicht nur um Recycling, Regionalität und biologische Produkte. Vielmehr ist der Grundgedanke der Blue Economy, das gesamte Geschäftsmodell zu betrachten und komplett nachhaltig zu gestalten. Damit will die Blue Economy sich von der bekannteren Green Economy abgrenzen.

Eine Grundidee ist es, Abfallprodukte als Ausgangsmaterial für neue Produkte zu verwenden, um so eine möglichst große Wertschöpfungskette zu erhalten. Zum Beispiel kann aus dem zur Pilzzucht gebrauchten Kaffeesatz später Dünger oder Tierfutter hergestellt werden.

Wissensvermittlung birgt Risiken

Das ganze Know-how des Blue Economy-Netzwerkes soll für alle verfügbar sein, sodass jeder dieses Wissen uneingeschränkt nutzen kann. Doch dieser Open-Source Gedanke offenbart gleichzeitig ein Problem der Blue Economy. Jeder kann das Wissen auch unternehmerisch ausnutzen. Das führte in den letzten Jahren dazu, dass sich verschiedene Verständnisse der Blue Economy herausgebildet haben. Für manche Unternehmer ist das Netzwerk lediglich ein ökonomisches Sprungbrett.

Für den weltweiten Wissensaustausch sorgt unter anderem Chido Govera – die Adoptivtochter von Gunter Pauli. Sie ist auf das Thema Pilzzucht spezialisiert und bereist die Welt, um in Seminaren ihr Wissen weiterzugeben. Auch Alessandro hat von ihr gelernt und versucht jetzt sein Unternehmen mit diesem gewonnenen Wissen zu vergrößern.

„Man muss anfangen, sich die Hände schmutzig zu machen."

Das Unternehmen „Edelpilzfreunde" befindet sich noch im Anfangsstadium. Bis jetzt hat der Jungunternehmer keine Pilze verkauft, weil er lange mit der Herstellung experimentiert hat. Der gesamte Produktionsprozess läuft noch nicht komplett nachhaltig ab – wie Alessandro selbst zugibt. Doch darum geht es nicht, sagt er: „Man muss anfangen, sich die Hände schmutzig zu machen und nicht ewig kalkulieren. Sonst wird das nie was." Das entspricht einem wichtigen Leitsatz der Blue Economy, der besagt, dass man das Perfekte nicht im Weg des Besseren stehen lassen sollte.

Als sich der Drehtag dem Ende neigt, wirkt Alessandro enthusiastisch. Zum Abschied drückt er uns noch einige Flyer und Visitenkarten von der „Edelpilzfreunde GmbH" in die Hand. Die Website soll in wenigen Wochen starten und er ist zuversichtlich, dass seine Pilze schon bald auf den Speisekarten der lokalen Restaurants stehen werden.

Von der Tonne auf den Teller - Edelpilzfreunde Stuttgart

Wir ließen es uns nicht nehmen, die Pilze schon einmal selbst zu probieren. Doch vom Kaffeesatz in die Pfanne ist es ein langer Weg. In unserem Video erfahrt ihr, wie dieser aussieht.

Total votes: 463
 

Über die Autoren

Sinan Sevinc

Crossmedia-Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: SS 2014

Lukas Walter

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: SS 2014

Robin Müller

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: SS 2014