Digitale Medien

Von Internetphänomenen, Zetteln und Türen

20.06.2016

Menschen drücken Gedanken unterschiedlich aus: Sie schreiben Essays, erzählen ihren Freunden beim Kaffee davon oder verwandeln Gedanken in Musik. Vor allem auf sozialen Medien werden Gedanken ständig geteilt – in Form von Bildern, kurzen Texten und Videoclips. Eine verrückte Geschichte aus Mainz, die wissenschaftliche Sicht auf Gedanken und warum der Austausch uns zu Menschen macht.

Eine Tür geht viral: Das Philosophicum in Mainz | Bild: Robert-André Vettel

Universität Mainz, Dezember 2014: Der automatische Türöffner am Behinderteneingang des Philosophicums geht kaputt. Ein Zettel mit der Aufschrift „DEFEKT – Techniker ist informiert" hängt an der Tür. Wochen später ist die Tür immer noch nicht repariert. Es ist Winter, es regnet und die körperlich beeinträchtigten Studenten müssen den Eingang auf der entgegengesetzten Seite des Gebäudes benutzen. Die Studenten sind unzufrieden. Eine junge Frau äußert schließlich ihre Gedanken. Sie hängt selbst einen Zettel an die Tür und bringt damit eine ungeahnte Geschichte ins Rollen...

Gedanken – was ist das eigentlich?
„Gedanken sind Inhalte, die sich im Austausch mit entsprechender Hirnaktivität bemerkbar machen. Wenn wir denken, werden Zellverbünde in unseren neuronalen Netzwerken aktiviert. Die Gedanken laufen in aller Regel auch über den Teil des Gehirns, der für das Bewusstsein zuständig ist, das heißt: Gedanken haben immer auch eine Verbindung zu der bewussten Welt", erklärt der Psychologe Marcus Barz.

Gedankenaustausch in der Zeit der Digitalisierung

Der Philosoph Rolf Scheipers formuliert es so: „Gedanken sind ein klassisches Beispiel für die Geist-Körper-Trennung: Die Gedanken haben natürlich eine körperliche Basis, hängen mit den Gehirnfunktionen zusammen, aber sie sind nicht die Gehirnfunktionen." Ursprünglich tauschten wir Menschen Gedanken vor allem aus, um unsere Überlebensstrategien zu optimieren, so Scheipers. Jedenfalls evolutionär gesehen. „Lebendig wird ein Gedanke jedoch erst, wenn er geteilt und mit anderen Gedanken verknüpft wird."

Soziale Medien wie Facebook oder Youtube bieten unendliche viele Möglichkeiten, Gedanken mit Freunden, Fremden, der ganzen Welt zu teilen. Die Reaktion anderer Nutzer erfolgt direkt und ungefiltert. „Diese kommunikative Explosion macht es leichter, Gedanken zu bekommen oder mitzuteilen. Dieses Netz ist aber mittlerweile so dicht, dass es schwer ist, sich davon zu lösen und die Zeit zu nehmen, sich ruhig und gelassen mit einem Gedanken auseinanderzusetzen", erklärt Scheipers.

Die Sicht der Wissenschaft
Gedanken als solche sind wissenschaftlich schwer zu fassen oder zu standardisieren. Die sogenannte „Memtheorie", die auf der Arbeit des Evolutionsbiologen Dawkins beruht, definiert Gedanken als einzelne Bewusstseinsinhalte. Diese sogenannten „Meme" sorgen laut der Theorie für einen soziokulturellen Fortschritt, wenn Menschen sie untereinander weitergeben – vergleichbar mit der genetischen Vererbung.
Die Theorie ist in Fachkreisen umstritten: Sie basiert weder auf empirischen Studien, noch ist ihre Hypothese trennscharf formuliert. Barz sagt dazu: „Gedanken werden aus dem einzelnen Organismus heraus erzeugt. Dabei greift der Organismus auf Bekanntes zurück und imitiert gegebenenfalls auch Gedanken anderer." Trotzdem können Gedanken, anders als Gene, nicht an einen anderen Organismus weitergegeben werden.

Wo früher ein Brief geschrieben wurde, wird heutzutage eine E-Mail oder eine Nachricht auf Whatsapp verschickt. Dass man ein anderes Medium verwendet, ändert zwar den Inhalt nicht, aber wie mit ihm umgegangen wird. So werde ein handgeschriebener Brief laut Scheipers mit einer anderen Wertigkeit gelesen als eine schnelle Nachricht auf dem Handy, selbst wenn die Botschaft dieselbe ist.

Ein Phänomen, das aktuell auf sozialen Medien weit verbreitet ist, sind die sogenannten „Memes". Das sind Bilder, die – mit einem kurzen, prägnanten Text versehen – eine Botschaft übermitteln, teilweise satirisch, meistens witzig, immer als unmittelbarer Ausdruck von Gedanken. Die Bilder, die für Memes verwendet werden, sind unter anderem Szenen aus bekannten Filmen, lustige Momentaufnahmen und auf sozialen Medien bekanntgewordene Skizzen.

Hier sind einige bekannte Memes und Memeseiten zum Stöbern und Schmunzeln:
9gag
Grumpy Cat
Memes.com
Webfail
Greatest Memes

Memes, das echte Leben und eine Tür an der Uni Mainz

Zurück zur Tür des Philosophicums: Eine Studentin druckt einen Zettel aus, auf dem steht: „TECHNIKER AUCH DEFEKT" und hängt ihn kurzerhand dazu. „Wer das war, blieb lange Zeit ein Mysterium", erzählt Robert Vettel, einer der Mainzer Studenten. „Dieser Zettel wurde ursprünglich aus Protest aufgehängt!" Viele lassen sich von diesem direkten Ausdruck von Kritik inspirieren und hängen selbst Bilder und Sprüche auf, die das Technikerproblem aufgreifen. Diese werden, so Vettel, nach und nach immer mehr zu Memes.

Memes aus der eigenen Fotogalerie

Ein kleiner Selbstversuch - man nehme: eigene Fotos, die unerschöpfliche Inspirationquelle Social Media und eine kostenlose App zum Erstellen von Memes

An der Uni Mainz werden alle Memes auf den fehlenden Techniker bezogen, bald hängen die Tür und die Wand um sie herum voll damit. Vettel gründet die Facebook-Seite „Die virale Philo-Tür". Zur selben Zeit werden auch andere Medien auf die Aktion aufmerksam, auf mehreren Plattformen ist die Tür im Gespräch. Innerhalb von knapp einer Woche nimmt die Aufmerksamkeit für die Meme-Sammlung in Mainz Fahrt auf, die Facebook-Seite gewinnt über 10.000 Likes. Dann berichtet der Springer-Verlag, und die „Philo-Tür" geht endgültig viral.

In Mainz wurde eine für soziale Medien typische Ausdrucksform von Gedanken ganz selbstverständlich in das echte Leben (zurück-)übertragen – mit großem Erfolg. Im darauffolgenden Semester fand sogar ein Seminar zum Thema „Memes" statt, Professoren setzten sich mit dem Thema auseinander und die Studenten schmunzeln immer noch, wenn sie an „ihrer Philo-Tür" vorbeilaufen.

Hier sind einige Berichte zur „Philo-Tür":
Buzzfeed
Süddeutsche
Bild
Allgemeine Zeitung

So nahm die Geschichte in Mainz doch noch ein Happy End:
Die Reparatur der „Philotür"

Und diese Bilder sind ganz aktuell nach dem deutschen EM-Auftakt auf Social Media zu finden:
Wenn die Stadtbahn nach Boateng fährt
Stuttgarter Zeitung: Die besten Boateng-Memes auf Twitter

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Über den Autor

Muriel Gévaudan

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015