Protest im Wandel

Von Parolen zum Klick

19.06.2017

Elisabeth ist 72, Stefan 35 Jahre alt. Sie engagierte sich 1968, er ist Hacker im Chaos Computer Club. Was sie verbindet? Der Protest gegen Missstände in unserer Gesellschaft. Was sie unterscheidet? Die Formen ihres Engagements.

Früher laut auf der Straße, heute anonym im Web: Protestformen haben sich entwickelt.| Foto: Anja Agert

Ihre Wangen glühen rosig, ihre hellblauen Augen werden etwas glasig, als sie sich an eine Demonstration von vor knapp 50 Jahren erinnert. Es war das erste Mal, dass sie Polizeigewalt sah – auf einer Demonstration gegen die geplanten Notstandsgesetze. Personen neben ihr wurden von Wasserwerfern in die Knie gezwungen. Elisabeth Marquart war Teil der deutschen 68er-Bewegung.

Der Bildschirm wirft ein kühles Licht auf Stefans Gesicht. Auf der Straße protestierte er noch nie. Stefan Leibfarth ist Hacker. Der Ort seines Protests ist das Web. Seit zehn Jahren ist er Mitglied im Chaos Computer Club Stuttgart (CCC). Als Aktivistenverein versteht sich der Club nicht. Dennoch sehen sich die Mitglieder verpflichtet für den Schutz unserer Daten aktiv zu sein. „Computer und Smartphones nehmen einen immer größeren Teil unseres Lebens ein. Wir lagern so viele unserer privaten Daten auf sie aus. Daher sollten sie bestmöglich geschützt sein", sagt Leibfarth.

Studierende auf den Straßen

Die kurze Chiffre „68" steht heute für den Protest tausender Studierender. In den 1960er demonstrierten sie gegen starre Strukturen an Universitäten, das Schweigen ihrer Eltern über den Nationalsozialismus und den Vietnamkrieg. Aber auch die traditionellen Erziehungsmodelle stellten sie in Frage. Darin lag Elisabeth Marquarts Interesse. Der damalige Lehrplan sah vor, dass bereits Kindergarten- und Vorschulkinder lernen sollten, mit Zahlen und Buchstaben umzugehen: „Man dachte, diese Kinder würden kleine Genies werden", so Marquart. Sie war dagegen, die Kinder in ein solch schulisches Programm zu zwingen. Ihr war es wichtiger, den Kindern Sozialkompetenz wie Respekt und Toleranz zu lehren. Dafür entwickelte sie alternative Erziehungsmethoden.

Elisabeth Marquart spricht über ihre Erlebnisse während den 1960er Jahren. |Quelle: Anja Agert

Aktiv im Netz: Hacktivismus

Auch Stefan Leibfarth und der CCC sind dagegen, wenn der Mensch und seine Daten fremdbestimmt werden: Mit dem iPhone 5S führte Apple den Fingerabdrucksensor ein. Nur der Besitzer sollte mit seinem einzigartigen Daumenabdruck Zugang zu den eigenen Daten haben. Apple war sich seiner Sache sicher – zu sicher: Mit Hilfe einer hochauflösenden Fotografie des Fingerabdrucks, etwas Computerbearbeitung und Holzleim konnten die Hacker eine Nachbildung erstellen – und somit das Smartphone innerhalb weniger Stunden entsperren.

Aktivismus im Netz hat auch einen Namen: Hacktivismus. Bisher sind fundierte Kenntnisse darüber sehr rar. Fest steht aber, dass Hacktivisten nicht mit Cyberkriminellen gleichzusetzen sind. Sie wollen sich nicht bereichern, sondern setzen sich mit Hilfe von Hacking-Tools für die Gesellschaft ein.

Stefan Leibfarth im Interview zu: Was ist ein Hacker? Und macht der Chaos Computer Club? |
Quelle: Anja Agert

Von Sitzblockaden zu Online-Petitionen

Die „68er" zogen damals mit Plakaten durch die Straßen, besetzten Hörsäle durch Sitzblockaden. Hier sieht Leibfarth eine Parallele zum Protest im World Wide Web – auch hier gäbe es eine Art von Sit-In: Bei der „Operation Payback" blockierten Anhänger des Internet-Phänomens „Anonymous" mit unzähligen Aufrufen die Webseiten der Kreditkartenunternehmen Mastercard und Visa. Sie besetzten sozusagen die Homepages.

Die Digitalisierung eröffnete den Menschen aber nicht nur neue Möglichkeiten zu protestieren – sie veränderte auch bereits existierende Protestformen: So war beispielsweise das Sammeln von Unterschriften noch vor zwei Jahrzehnten ein mühseliges Unterfangen. Heute gibt es Webseiten, auf denen man Petitionen erstellen und anschließend sogar gleich verbreiten kann. Zudem ist es leichter geworden, Menschen zu mobilisieren: Auf Twitter, Facebook und Co. vernetzen sich Tausende User mit Hashtags, diskutieren, tauschen Informationen aus.

Damals wie heute: kein Einsatz, keine Veränderung

Obwohl der Protest von Elisabeth Marquart und Stefan Leibfarth in verschiedenen Jahrzehnten stattfand, verschiedene Bereiche betraf und verschiedene Formen besaß: Beide sind gegen die Fremdbestimmung des Einzelnen durch andere. Marquart wollte Kindern mit neuen Erziehungsmodellen die Werte Toleranz, Respekt, Demokratieverständnis und Selbstbewusstsein vermitteln. Leibfarth hingegen setzt sich dafür ein, dass unsere persönlichen Daten im Web vor Dritten besser geschützt werden. Für damals wie heute bleibt eines gleich: Wer etwas verändern will, muss dafür aktiv werden.

Höhepunkte der Proteste in Deutschland und der DDR seit 1945

|Quelle: Anja Agert

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Über den Autor

Anja Agert

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017