Ohne Druck

Voneinander lernen, miteinander wachsen

16.06.2017

Beziehungen aufbauen und nicht nur durch Leistungsdruck Lernfortschritte erzielen: Ein Projekt des Würzburger Kinderschutzbundes unterstützt seit mittlerweile zehn Jahren Kinder mit Migrationshintergrund bei der Integration. Im Rahmen des Projekts „Kind=Kind“, das auf ehrenamtliches Engagement baut, fahren Gymnasiasten wöchentlich zu den Kindern und fördern gezielt nach den jeweiligen Bedürfnissen.

Zusammen lernen: Die sogenannten Lesehelfer fördern wöchentlich Flüchtlingskinder. |Foto: Ina Mangold

Mittlerweile ist es für die Lesehelfer Routine. Sie klopfen an der Tür des Klassenzimmers, holen ihr Lesekind ab und suchen sich einen freien Tisch im Schulhaus. Dann beginnt eine Art Nachhilfestunde. Wobei Nachhilfestunde schon fast das falsche Wort ist. Nicht nur Theorie und Grammatik sollen bei der individuellen Sprachförderung vermittelt werden, sondern auch der Spaß an der Sprache durch Lesen, Spiele und Gespräche.

„Kind=Kind" startete im Jahr 2007 als Hausaufgabenhilfe an einer Würzburger Flüchtlingsunterkunft. Studenten unterstützten die Kinder am Nachmittag, wenn die Eltern durch die sprachliche Barriere ihren Kindern nicht helfen konnten. Als das Projekt an der Gemeinschaftsunterkunft auslief, sollte die Idee des Projekts nicht verloren gehen. Projektleiterin Sybille Suryana wandte sich an die Würzburger Mönchbergschule, eine Grund- und Mittelschule mit speziellen Integrationsklassen als neue Zielgruppe. Als neuer pädagogischer Ansatz kam die Idee auf, den Altersunterschied zwischen den Lesehelfern und ihren Betreuungskindern zu verringern. „Die Hemmschwelle, sich zu öffnen, fällt. Lesehelfer und -kind haben ähnliche Interessen", erklärt Sybille Suryana die Überlegungen.

Zwischen Schulprojekt und pädagogischer Verantwortung

Das Projektseminar während der Oberstufe an bayerischen Gymnasien bot sich an, um jüngere Lesehelfer ehrenamtlich für das Projekt zu engagieren. Daher ging Sybille Suryana auf das Röntgen Gymnasium Würzburg (RGW) zu. „Kind=Kind" bietet hier neben den überwiegend schulinternen Projekten etwas Neues: Einen Einblick in die pädagogische Arbeit außerhalb der Schule. „Wir gehen raus in die richtige Welt und sind deshalb ganz klar in der Pflicht, gute Arbeit zu leisten", betont Karin Bachl, betreuende Lehrkraft am RGW.

Das P-Seminar
Das Projektseminar an bayerischen Gymnasien findet während der gesamten Oberstufe statt. In Gruppen sollen kleinere Projekte umgesetzt werden, um aus der Schülerrolle herauszutreten sowie Verantwortung, Organisation und Konfliktfähigkeit zu lernen. Je nach Interesse können die Schüler aus den unterschiedlichen, fachspezifischen Seminaren auswählen.

Seit dem Beginn des Projekts im Schuljahr 2012/2013 ist das Seminar restlos belegt. „Ich finde es wichtig, persönlichen Kontakt zu Menschen zu haben, die schwere Dinge erlebt haben", erklärt Oliver Pfeuffer, einer der diesjährigen Lesehelfer. „Situationen wie diese kennt man sonst nur aus den Medien. Der direkte Kontakt hätte ohne das Projekt vermutlich nicht stattgefunden."

Bevor die Lesehelfer ihre Stunden eigenständig durchführen, bekommen sie einen Crash-Kurs in Sachen Pädagogik. Grundkenntnisse müssen vorhanden sein: Die Schüler sind während des Projekts offizielle Mitarbeiter des Kinderschutzbundes. Auch während des Projekts gibt es pädagogischen Input. Alle vier Wochen treffen sich die Lesehelfer, um Lernfortschritte und Probleme zu diskutieren. Außerdem bleibt Sybille Suryana kontinuierlich mit den Helfern im Gespräch. Denn nicht allen fällt die Arbeit auf Anhieb leicht. „Es sind jedes Jahr vereinzelt Lesehelfer dabei, die einen größeren Unterstützungsbedarf haben", gibt Suryana zu. „Aber die Schüler bringen unheimlich viel Herzblut mit. Das können selbst ausgebildete Pädagogen nicht toppen."

Für den Großteil der Jugendlichen ist das Projekt eine neue Erfahrung. Vor allem vor der ersten Stunde herrscht Nervosität. Das erste Ziel ist, ins Gespräch zu kommen. Nicht immer wird mit Worten kommuniziert. Das Lesekind von Anna Schäfer konnte kaum Deutsch: „Ich musste ihm mit Händen und Füßen beibringen, wer ich bin und was meine Aufgabe ist."

Viele Lesehelfer bauen schon nach wenigen Treffen eine Beziehung zu dem Kind auf, sie werden zu Bezugspersonen. Für die Projektleiter ist das genauso wichtig wie der sprachliche Fortschritt der Flüchtlingskinder. „Wenn am Wochenende etwas Besonderes war, kommen wir auch mal vom vorbereiteten Konzept ab und unterhalten uns einfach", meint Anna.

Durch Belastungen wachsen

Die Arbeit ist jedoch nicht immer einfach. Einige Kinder haben vor oder während ihrer Flucht traumatische Szenen erlebt. Vereinzelt reden sie darüber, doch den Lesehelfern sind die psychischen Belastungen bewusst. Oliver wurde mit solchen Erfahrungen konfrontiert: „Mein Lesekind konnte mit seiner Familie direkt nach Ausbruch des Krieges fliehen. Es hatte noch Glück."

Am Ende profitieren nicht nur die Kinder von der Sprachförderung. Die Lesehelfer müssen sich mit einer grundlegend anderen Lebenswelt auseinander setzen, lernen sich zu organisieren und auf andere einzugehen. Neben diesen Social Skills, ändert das Projekt oftmals die Denkweise der Schüler: Die Projektteilnehmer denken differenzierter. „Viele Lesehelfer reifen unwahrscheinlich an ihrer Persönlichkeit", stellt Sybille Suryana stolz fest.

„Kind =Kind..."

Was bedeutet „Kind=Kind" für mich? Die Lesehelfer erzählen. |Fotos: Ina Mangold

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Über den Autor

Ina Mangold

Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017