Sexueller Missbrauch

Warum ich?

29.06.2016

Laut offiziellen Schätzungen wird jedes vierte Mädchen Opfer sexueller Gewalt. So auch Carina F.*, die von ihrem eigenen Vater missbraucht wurde. Sie erzählt, wie sie mit dieser Belastung umgeht und wie schwer es ihr fiel, Hilfe zu suchen.

Auf sexuellen Missbrauch folgt meist Rückzug und Isolation der Kinder. | Bild: Lisa-Marie Casselmann

Heute ist Carina 33 Jahre alt und Mutter einer Tochter. Dass sie sich an den einfachen Dingen des Lebens noch einmal erfreuen wird, damit hatte sie vor ein paar Jahren noch nicht gerechnet. Als zurückhaltend beschreibt sie sich, klein und zierlich. Sie zählte schon als Kind zu den Unauffälligen mit den guten Noten, erzählt sie weiter. Doch mit acht Jahren passierte etwas, das dem ruhigen Mädchen das letzte Selbstbewusstsein raubte.

„Ich konnte mich nicht wehren"

„Mein Vater war schon immer der raue Part der Familie", erzählt Carina über ihre Kindheit. Er sei schnell ausgeflippt, weshalb sie schon immer Angst vor ihm hatte. Liebe zu seinen Kindern zeigte er nie. Auch ihre Mutter hatte sich nicht getraut gegen ihn vorzugehen. Heute weiß Carina, dass auch sie Angst vor ihrem Mann hatte.

Am Tag, an dem sich Carinas Leben für immer verändert hatte, waren die Geschwister und die Mutter außer Haus. „Er kam in mein Zimmer, legte sich zu mir ins Bett und fing an mich zu berühren", berichtet Carina. Sie wusste nicht wie ihr geschah, auch nicht was das soll – schließlich war sie erst acht Jahre alt. Wehren konnte sie sich nicht. Er tat ihr weh und missbrauchte sie brutal, berichtet Carina leise und stockend. Auch wenn die Erlebnisse lange her sind, darüber zu sprechen fällt ihr bis heute nicht leicht.

Die Dunkelziffer bei Kindesmissbrauch wird als extrem hoch eingeschätzt. Dies ist oft durch die nahe Beziehung zum Täter bedingt.
Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik 2015 BRD, Bundeskriminalamt |Grafik: Lisa-Marie Casselmann via Piktochart

Der Albtraum beginnt

Carina sprach nicht über das, was ihr Vater ihr antat. So wurde es ihr von ihm befohlen. Mit der Zeit habe sie mitbekommen, dass auch ihre Mutter Opfer der Gewalt ihres Vaters war. „Einmal, als ich von der Schule kam, sah ich wie er brutal auf sie einschlug", erzählt sie von der schlimmen Zeit. Gewehrt habe sich ihre Mutter nie. Deshalb habe Carina auch nicht mit ihr über die Vorfälle gesprochen. Aus Angst, dass ihr sowieso nicht geglaubt wird.

Die Misshandlungen veränderten Carina: „Meine Noten wurden schlechter, ich war wie in einem Teufelskreis", beschreibt sie. Sobald ihr Vater von den Noten erfuhr, wurde sie dafür bestraft.

Leska Kaufmann vom CORA Verein e.V - Verein gegen sexuellen Missbrauch und Gewalt beschreibt die Vertrauenssituation von sexuell Missbrauchten.

Ein Ende in Sicht

Als Carina 13 Jahre alt wurde, sollte sich alles ändern. Ihre ältere Schwester hielt es nicht mehr aus, dass sich ihre Mutter vom Vater schikanieren und schlagen ließ – von Carinas Leiden ahnte da noch niemand etwas. Sie sorgte dafür, dass Carina mit ihrer Mutter und allen Geschwistern in eine andere Stadt zog. Dort baute sich die Familie ein neues Leben auf, der Kontakt zum Vater wurde abgebrochen. Keines der anderen Geschwisterkinder wurde vom Vater sexuell missbraucht, dennoch litten alle unter seiner Art und den Schlägen.

„Die Frage nach dem Warum zehrt noch immer an mir, warum ich?"

Carinas Verhalten veränderte sich. Sie beschreibt, dass Monate und Jahre an ihr vorbeizogen und sie keinerlei Elan spürte zu leben. Mit den Folgen der Taten hat sie auch heute noch zu kämpfen: „Ich leide bis heute unter einem Waschzwang, muss mir ständig die Hände waschen – manchmal denke ich immer noch, dass ich seinen Schmutz an mir trage." Sie konnte keine Nähe zulassen, hatte keine richtigen Freunde, keinen Freund. Hinter jedem Mann sah sie eine Bedrohung. Mit 20 Jahren wagte sie den großen Schritt und suchte Hilfe bei einer Selbsthilfegruppe.

Der wichtigste Schritt

„Wenn ein Mensch, der so etwas erlebt hat, beschließt, Hilfe zu suchen, dann ist er bereits auf dem Weg zur Heilung", erklärt Leska Kaufmann, ehrenamtliche Mitarbeiterin bei CORA Baden-Baden e.V – einem Verein gegen sexuellen Missbrauch und Gewalt. Sie ist dort für die Beratung und Therapie zuständig. CORA ist eine Anlaufstelle für Opfer, bei der Betroffene ein offenes Ohr finden, betreut werden und Hilfe bei einem möglichen Verfahren gegen den Täter bekommen.

Schnelle Hilfemöglichkeiten
http://www.frauennotruf.de/ Frauennotrufe sind Fachberatungsstellen für Vergewaltigungsopfer oder Opfer anderer Formen sexueller Gewalt an Frauen und Mädchen, welche kostenlose Beratung anbieten.

Angezeigt hat Carina ihren Vater nie. Manchmal fragt sie sich jedoch, ob es ihr dadurch leichter fallen würde mit den Erlebnissen abzuschließen. Ihre Familie, die heute über die Vorfälle Bescheid weiß, hat ihr anfangs geraten zur Polizei zu gehen, auch ihre Mutter. Leska Kaufmann erklärt hierzu, dass sie nicht allen Betroffenen empfiehlt Anzeige zu erstatten: „Es ist oft so, dass eine Einstellung des Verfahrens, was möglich ist wenn die Zeugenaussage nicht stringent genug ist, sehr verletzend für Betroffene ist. Da kommt häufig das Gefühl auf, dass ihnen schon wieder nicht geglaubt wird." Besteht jedoch die Chance auf eine Ermittlung betreut sie den Weg ihrer Klienten. Sie ist auch diejenige, die Klienten auf die anstrengende Verhandlung vorbereitet, damit diese dem Täter begegnen können und keine Blackouts bekommen.

Leska Kaufmann erklärt die drei Faktoren, welche dafür sorgen, dass die Opfer schweigen.

Die Taten nicht vergessen

Carina führt heute ein einigermaßen normales Leben. Sie geht nicht mehr zur Therapie und fühlt sich stark genug mit den Erlebnissen abzuschließen, auch durch den Halt ihrer Familie. Möglich wurde das allein durch ihre Therapie und Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe. Dort lernte sie auch, wieder Normalität in den Alltag zu bringen. Eine große Hilfe ist dabei das Gefühl der Sicherheit.

Leska Kaufmann erläutert, welche wichtige Rolle die Sicherheit beim Prozess der Therapie spielt.

Den Vorfall nicht zu vergessen oder zu verdrängen, sondern lernen damit zu leben ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Leska Kaufmann rät Teenagern und auch Erwachsenen mehr Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie man miteinander umgeht.

*Name von der Redaktion geändert

Total votes: 175
 

Über den Autor

Lisa-Marie Casselmann

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016