Russische Gastronomie

Warum man in Stuttgart keine Pelmeni essen kann

22.06.2015

Was es in der italienischen, griechischen oder spanischen Küche zu essen gibt, weiß jeder: Lasagne, Gyros und Paella ein. Aber ein großer Teil der Einwanderer in Deutschland hat seine Wurzeln nicht im Süden, sondern im Osten – Russland, Polen oder die Ukraine. Und doch findet man auf deutschen Speisekarten selten russische Speisen.

Auf der Suche nach einem russischen Restaurant stelle ich schnell fest, dass es fast keines in Stuttgart gibt. Wenn man lange genug sucht, findet man das Samowar (russ. für „Teekessel") in Weil der Stadt: das kleine, traditionell eingerichtete Restaurant von Vladislav Natsik. Er kam 1997 mit seiner deutschstämmigen Frau nach Deutschland, seine Kinder sind hier aufgewachsen und er fühlt sich hier sehr wohl. Gerade weil es in Deutschland kaum russische Restaurants gibt, hat er 2008 das Samowar eröffnet. „Es gibt zwar russische Cafés, es gibt Tanzlokale und Bars, aber nichts auf unserem Niveau." Hier gibt es keine laute russische Tanzmusik und keine Unmengen von Wodka – dafür klassische Konzerte und Lesungen von russischer Literatur, wie Puschkin und Tolstoi, wie Natsik erzählt.

Und natürlich traditionelles Essen – zum Beispiel Pelmeni, Blini und Bortschtsch, nur um die wichtigsten zu nennen. Es riecht sehr deftig, nach gebratenem Fleisch und Zwiebeln.

Für mich gibt es Blini das sind eingerollte Pfannkuchen, gefüllt mit Reis und Hackfleisch. Dazugibt es ganz typisch saure Sahne und zwei Scheiben Sauergurken. Es schmeckt wie bei Oma – lecker, gut gewürzt und gar nicht so fremd, wie man vermuten könnte. Foto: Diana Scholl

Schon gewusst?

Russisches Essen ist sehr deftig, würzig, bäuerlich und einfach. Das liegt vor allem an der Vegetation in Russland. Die kurzen Sommer und sehr kalten, langen Winter lassen machen es für viele Obst- und Gemüsesorten unmöglich zu wachsen. Also gibt das, was lange hält und auch bei rauem Klima wächst: Kartoffeln, Eintöpfe aus eingelegten Rüben und Kraut, eingemachte Beeren und Kompotte und viele Speisen aus Teig und Fleisch. Der schwäbischen Hausmannskost gar nicht so unähnlich.

Die Frage, weshalb es so wenige russische Restaurants gibt, bringt Natsik zum Schmunzeln:. „Das fragt mich fast jeder zweite Gast hier." Und er kennt einen guten Grund, weshalb sich in deutschen Großstädten zwar viele Italiener, Spanier und Griechen tummeln, man nach einem Russen aber ewig sucht. „Die Generationen, die jetzt hier ein Restaurant besitzen könnten, kamen größtenteils als junge Leute nach der Wende aus der damaligen Sowjetunion nach Deutschland", erzählt er. In der Sowjetunion gab es so gut wie keine Restaurants. Als Student hat Natsik in Omsk gelebt, das damals über 1,5 Millionen Einwohner hatte. „Für diese 1,5 Millionen Menschen gab es genau drei Restaurants – und in diesen Restaurants fand man keine Familien, keine Studenten, sondern Kriminelle und Prostituierte. Restaurants waren damals keine Orte, die man als Durchschnittsbürger besuchte. Man versammelte sich stattdessen bei Freunden und Verwandten zu Hause." Diejenigen, die erst später nach Deutschland gekommen sind, machen durchaus Restaurants auf. Die schreiben aber meistens nach zwei Jahren rote Zahlen und müssen schließen, weiß Natsik. Er hat eine Vermutung, woran das liegen könnte: „Diese Leute betreiben Restaurants nach der russischen Mentalität der 90er Jahre – Restaurant eröffnen, Personal einstellen, auf Mallorca sitzen und reich werden. In Russland mit Mafiageld funktioniert das vielleicht. Hier nicht. In Russland ist es nicht üblich, dass der Chef selbst im Laden hinter der Theke steht, in Deutschland ist das normal." Natsik hat sich der deutschen Arbeitsmentalität angepasst. „Ich bediene selbst, koche oft selbst, mache selbst alle Abrechnungen und was sonst noch anfällt. Ich bin von morgens um sechs bis spät abends im Restaurant – und das mit vier Kindern. Deswegen haben wir hier auch schon acht Jahre überlebt, deswegen läuft mein Restaurant," sagt Natsik mit ein wenig Stolz in der Stimme.

Nur einer von zehn Gästen spricht russisch

Im Winter läuft es am besten, da ist das Samowar fast jeden Abend voll – auch weil sich Natsik den deutschen Gästen angepasst hat. Russische Tanzlokale funktionieren für russischsprachige Gäste gut – aber ebenfalls nicht lange. „Auf Dauer muss man sich vor allem auf die Menschen hier in Deutschland konzentrieren. Ins Samowar kommen fast nur Deutsche, nur einer von zehn Gästen spricht russisch", meint Natsik. Und tatsächlich: Während ich draußen sitze und meine Blini esse, füllt sich das Restaurant. Und es kommen fast nur ältere, schwäbisch sprechende Gäste. Ein Ehepaar verlässt das Samowar. „Wie hat es geschmeckt?", frage ich. „Guad woas – wie imma." Meiner Meinung nach würde es auch viel mehr Menschen gut schmecken und mehr solcher Restaurants würden in Stuttgart sicher gut ankommen.

Eindrücke aus dem Samowar

Das Samowar ist ein kleines, sehr gemütlich eingerichtetes Restaurant in der Altstadt von Weil der Stadt.

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Über den Autor

Diana Scholl

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015