Deutschland, die neue Heimat

Was haben ein Perser und ein Kasache gemeinsam?

06.05.2015

„Unser Nachbar hat einen Migrationshintergrund.“ Achso, super, da kann ich mir etwas darunter vorstellen. Schlechtes Deutsch, Jogginghose und Gelegenheitsjob. Zum Glück gibt es Stereotypen, da hat man schnell ein Bild im Kopf. Wir haben zwei Musterimmigranten getroffen und sie von ihrer Motivation erzählen lassen, dem Hotel „Randgruppe“ zu entkommen.

Integration ist ein heiß diskutiertes Thema in Deutschland und nicht selten wird hier auch mit vielen Vorurteilen um sich geworfen. Dass diese nicht immer bestätigt werden müssen, haben uns Saeed Kakavand aus dem Iran und Arthur Wall aus Kasachstan in einem Interview gezeigt. Sie sind aus verschiedenen Gründen nach Deutschland gekommen, hatten unterschiedlichste Startvoraussetzungen und dennoch merkt man kaum, dass die beiden nicht in Deutschland geboren wurden. Und trotzdem ist da etwas anders an ihnen.

Latein für Anfänger, heute im Kurs: integrare

Aber ist perfekte Integration nicht, wenn es keine Unterschiede mehr gibt? Was ist überhaupt eine perfekte Integration? In vielen Köpfen herrscht hier die Meinung: Integriert ist, wer nicht auffällt und wer sich vollkommen angepasst hat. Interessant ist, dass wenn man nach der ursprünglichen Bedeutung von Integration forscht, man beim Onlinewörterbuch Pons, abgeleitet vom lateinischen integrare, diese Übersetzung bekommt: erneuern, ergänzen, geistig auffrischen, von neuem beginnen.

Die Definition passt sehr gut auf das, was wir von den beiden erzählt bekommen haben. Denn nur wer sich offen hält für Neues, kann sich auch in ein bestehendes System einbringen und somit auch seine eigene Kultur integrieren

Wer es ganz genau wissen will

integrare

wirklich alles über Integration auf Wikipedia

schon gewusst dass Kasachstan...

und dass der Iran...

„Du kommst hier nicht rein"

Dass das nicht so einfach ist, wie in der Theorie gesagt, hat Saeed am eigenen Leib erfahren müssen. Als er nach Deutschland kam, war es nicht unbedingt einfach für ihn – trotz seiner Offenheit– überall akzeptiert zu werden. So wurde ihm z.B. schon mal ein Clubbesuchwegen eines zu „ausländischen" Aussehens verwehrt. Heute kann er darüber schmunzeln, aber man merkt ihm an, dass das nicht immer so war. Wenn man dann am Anfang gleich mit Fremdenfeindlichkeit in Berührung kommt, könne einem das schon schwer zu setzen, erzählt Saeed. Mittlerweile hat er aber seinen Weg gefunden und ist wie kein Zweiter an seiner Hochschule engagiert. Kaum einer kennt ihn nicht und jeder kommt gut mit ihm aus.

Vorbilder nachbilden

Vorbilder sind wichtig für die Eingliederung in eine neue Kultur, das konnten uns beide berichten. Was bei Saeed der Onkel war, der schon seit einiger Zeit in Deutschland lebte, war bei Arthur der Vater. Kaum ein anderer Mensch habe ihn so geprägt. „Wir sind mit nichts hier gestartet, haben viel gearbeitet und den Willen gehabt, hier ein gutes Leben zu haben", meint Arthur. Sein Vater hat mit eigenen Händen ein Haus für seine Familie gebaut und Arthur hat es ihm später gleich getan. Das ginge natürlich nur, wenn man die finanziellen Mittel dazu hätte. Und die gäbe es nur über eine gute Arbeit und Ausbildung, so die Meinung des Grundschullehrers. Hierfür die sprachliche Barriere zu überwinden war für Saeed und Arthur selbstverständlich. Um das zu schaffen, war ein eisenharter Wille notwendig, erinnert sich Arthur. Eine Gemeinsamkeit des Persers und des Kasachen. Beide hatten ganz klare Ziele vor Augen als sie nach Deutschland kamen und haben nicht einmal eine Minute in Frage gestellt, sich hier zu integrieren und von neuem zu beginnen. Vielleicht ist das auch eines der wichtigsten Elemente bei der Integration.

Interview mit Arthur und Saeed

Arthur Wall und Saeed Kakavand haben über ihrer Erfahrungen mit Integration erzählt.

Kosmonaut mit eigenem Satellit

Doch warum funktioniert das dann nicht bei allen so gut? Arthur ist sich sicher, dass es eine Sache von „in seinem eigenen Kosmos" leben ist. Nach Deutschland kommen, russisches Fernsehen per Satellit, nur mit Landsleuten reden und am besten die eigene Sicherheitszone nicht verlassen. Da bleibt die Integration zwangsläufig auf der Strecke. Saeed hat eine ähnliche Erklärung. Manche öffnen sich einfach nicht dem Neuen. Sind nur in ihrer eigenen Welt gefangen und scheuen den Kontakt zur anderen Kultur. Man müsse nicht jeden Tag Sauerkraut mit Würstchen Essen, aber man könne ja mal versuchen, ob es einem schmecke, scherzt Saeed.

Eins wurde bei den beiden Gesprächen ganz klar: Perfekte Integration heißt nicht, unauffällig zu sein und sich vollkommen angepasst zu haben. Arthur ist heute immer noch jedes Wochenende bei seiner Familie und freut sich über die alten Bräuche seiner Kultur, auch wenn er manche davon nur noch aus Erzählungen kennt. Vielmehr wurde deutlich, dass es eine Selbstverständlichkeit benötigt, um sich in einer neuen Kultur zurecht zu finden. Und nicht zuletzt eine Menge Mut. Denn letztlich haben beide alles hinter sich gelassen was sie hatten. Sie haben aber auch gleichzeitig die Bereitschaft gehabt, sich auf ein neues Leben einzulassen.

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Über die Autoren

Natascha Joachim

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2010/2011

Bertram Oeler

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2014