Moderne Poesie

Was hat Poetry Slam mit Löwenzahn gemeinsam?

15.12.2016

Wir verraten es dir! Der Löwenzahn ist bekannt dafür, dass er trotz Beton und Stein den Boden aufbricht und seinen blühenden Kopf der Welt entgegenstreckt. Er bahnt sich seinen Weg, um wachsen zu können. Genau wie die Poesie unserer heutigen Zeit, die dank dem modernen Autorenwettstreit „Poetry Slam“ trotz Internet & Co. wieder mehr Aufmerksamkeit genießt.

Jan Philipp Zymny in Action bei seinem Auftritt „Kinder der Weirdness".

Bei Poetry Slam wird in erster Linie mit Worten gekämpft: Genau genommen mit selbstgeschriebenen Texten. Mit Rhythmus oder Prosa. Rap oder Komik. Gefühlen, Leidenschaft und Emotionen. Ob lustig, traurig, verrückt, nachdenklich, berührend oder mitreißend:

Poetry Slam ist alles - nur nicht langweilig.

Aber was genau ist Poetry Slam?

Was in den 80er Jahren in Chicago seinen Anfang nahm, hat sich bis heute zu einer großen Erfolgsstory entwickelt. Überall finden Poetry-Slam-Veranstaltungen statt und füllen Konzerthallen, Theaterhäuser oder Clubs dieser Welt. Die etwas andere Art von Bühnenliteratur ist auch in Deutschland fester Bestandteil unseres Kulturlebens geworden.

Dabei gilt: Jeder kann mitmachen, denn es gibt keine Altersbeschränkungen.

Jedoch gibt es drei Regeln, an die sich der „Slammer" halten muss:

  1. Der auf der Bühne vorgetragene Text muss selbstgeschrieben sein.
  2. Es sind keine Requisiten oder Musikinstrumente erlaubt.
  3. Man hat ein Zeitlimit von maximal 5 Minuten.

Der Slam-Poet hat also eine bestimmte Zeit, in der er das Publikum mit dem Vortrag seines selbstverfassten Textes zu begeistern versucht. Hilfsmittel können Körpersprache und ausdrucksstarke Mimik sein. Das ist aber kein Muss. Denn was hauptsächlich zählt ist das Wort und die Leidenschaft, damit Texte entstehen zu lassen. Texte, die das Publikum berühren, zum Nachdenken anregen oder einfach nur zum Lachen bringen.

In unserer Welt wird zunehmend virtuell kommuniziert, über das Smartphone oder den PC beispielsweise. Poetry Slam dagegen fördert die Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache und zeigt insbesondere den jungen Leuten von heute wie vielfältig und spannend die Welt der Lyrik sein kann.

Deutschsprachige Meisterschaften 2016- Europas größtes Festival für Bühnenliteratur

Erst Anfang November waren die 20. deutschsprachigen Meisterschaften in unserer Landeshauptstadt Stuttgart und das mit mehr als 10 000 Zuschauern und 130 teilnehmenden Slam-Poeten.

Philipp Herold war einer von ihnen, der sich zusammen mit Tobias Gralke als Casino Wetzlar den Vizetitel im Team Slam holte. Knapp hinter dem Team LSD, dem Gruppensieger diesen Abends. Es gibt also nicht nur Einzelvorstellungen, sondern auch Gruppenduos,-oder gar Trios.

Wir haben den 23-jährigen Slam Poeten Philipp persönlich getroffen und mit ihm über seine Leidenschaft Poetry Slam geplaudert. Seit knapp zehn Jahren ist er nun schon dabei und hat neben einer Menge Auszeichnungen auch viel Erfahrung im Gepäck. Außerdem verrät er uns sein Erfolgsgeheimnis, wie er mit Kritik umgeht und welche Rolle die vertrocknete Basilikumpflanze in seinem Leben spielt... Ach, lest einfach selbst.

Nach dem Interview zeigen wir euch noch ein selbst gedrehtes Video mit Jan Philipp Zymny, den wir bei einem seiner Auftritte live erlebt haben. Die beiden Künstler verbindet nicht nur die Vorliebe für Poetry Slam, sondern auch ihr ähnlicher Name.

„Ich möchte Gedanken so verpacken, wie man sie vielleicht schon mal gefühlt hat - aber nicht ausdrücken konnte."

Was reizt dich an Poetry Slam?

Ich sehe die Bühne als Chance eine Botschaft zu transportieren, die mir sehr wichtig ist. Ich bin ein großer Fan von Humor und ulkigen Sachen, aber mir ist auch wichtig dem Publikum etwas mitzugeben, das bleibt. Ein Gedanke zum Mitnehmen nach Hause über die nächsten Wochen oder vielleicht sogar Jahre...

Verarbeitest du mit deinen Texten bestimmte Gefühle oder Situationen?

Ja eigentlich, ist das ganz gut so auf den Punkt gebracht. Ich versuche in Worte zu fassen, was andere vielleicht nicht können. Also ich möchte keine stinknormalen Gedanken wie zum Beispiel „Ich hasse Gurken" einfach so rausplappern, sondern so verpacken wie man es vielleicht schon mal gefühlt hat, aber nicht ausdrücken konnte.

Du bist Vorbild für viele junge Slammer da draußen. Hast du selber einen Slam Poet zum Vorbild?

Da gibt es eine ganze Reihe. Ken Yamamoto ist einer davon. Er war unser Coach in Stuttgart, der Tobias und mich als Casino Wetzlar, abseits der Bühne beim Proben im Hotelzimmer gecoacht und unterstützt hat. Er hat gemeint ihr seid so gut von den Texten her, wichtig ist einfach, dass ihr auf der Bühne strahlt. Das hat es glaube ich auch ausgemacht. Eine Strahlkraft auf der Bühne zu haben, weil es nicht nur der Text ausmacht, sondern auch die Performance, wie man die ganze Sache rüberbringt. Ich kenn ihn seit fünf Jahren, fand ihn auch textlich immer sehr gut und besonders als Mensch seh ich ihn als Vorbild, wie man mit anderen umgeht.

Ihr werdet auch noch gecoacht, obwohl ihr alte Hasen in dem Geschäft seid?

(Lacht.) Wir sind keine alten Hasen. Wer alte Hasen sind, das ist das Team LSD, ohne denen zu Nahe treten zu wollen. Ich glaub Volker macht seit fast 20 Jahren Poetry Slam. Aber man kann noch so sehr alter Hase oder noch so lange schon dabei sein: Der Blick von außen ist einfach immer noch ein riesen Gewinn, weil man selber so sehr in seine Texte und dessen Materie vertieft ist, dass einem manchmal genau das fehlt. Jemand, der sagt: „Hört mal zu , an der Stelle komme ich nicht mit. Ihr solltet uns ein bisschen mehr an eurer Gedankenwelt teilhaben lassen." Man muss versuchen Kritik so weit wie möglich an sich ranzulassen, wenn sie konstruktiv ist. Ob ich dann was ändere, ist ja letztendlich mir überlassen. Aber das von vorne rein abzublocken ist glaube ich ein riesen Fehler, weil man viel verpasst, wo man sich noch verbessern kann.

Wie agierst du mit dem Publikum?

Blickkontakt ist mir total wichtig, deswegen lese ich auch nicht so gerne vom Textblatt ab, sondern trage lieber frei vor. Ich habe meistens meine Tiergedichte, um mit dem Publikum warm zu werden. Das könnte man jetzt als Trick bezeichnen. Aber ich will eine Beziehung aufbauen, gerne mit was Witzigem am Anfang, um damit das Eis zu brechen oder eben auch nicht. (lacht) Wenn das der Fall ist, schließe ich einfach die Augen und mache weiter bis die Veranstaltung vorbei ist. (lacht wieder)

Wenn wir schon beim Thema Tiere sind, hast du denn ein Haustier?

Nein. Also kein lebendes. Einen goldenen Totenkopf aus Holz. Was hab ich noch (überlegt). Sonst hab ich nichts...ah doch, eine vertrocknete Basilikum-Pflanze. (lacht)

Zurück zu Poetry Slam. Du bist seit knapp zehn Jahren erfolgreicher Slam Poet. Dein Name ist bekannt in der Szene. Hast du irgendein Erfolgsgeheimnis?

Man muss einen eigenen Antrieb entwickeln, weil es nicht reicht darauf zu warten, dass man besser wird. Es geht darum, sich selbst immer wieder auszuprobieren und Neues zu wagen. Natürlich hab ich irgendwann meinen Stil gefunden und dafür bin ich vielleicht auch bekannt, aber ich möchte nicht darin einrosten oder festfahren.

Kannst du dich gezielt noch an ein schönes Kompliment erinnern, dass man dir mal gemacht hat?

Leider nicht so vereinzelt. Man würde die Momente dazu festhalten müssen, aber dazu sind sie nicht gemacht. Manchmal kommen Leute nach dem Slam zu mir und sagen, wie sehr sie das berührt hat und dass sie Gänsehaut hatten oder auch mal weinen mussten, weil sie den Text so schön fanden. Manchmal kommt lange nichts. Und dann hat man wieder einen Abend, an den man beim Text eine Stecknadel fallen hören könnte und du die Gänsehaut selber auf der Bühne spüren kannst. Deshalb: Ich kann keinen einzelnen Moment festhalten. Ich möchte lieber alle, die jemals da waren, irgendwo mit mir tragen.

Wer mehr über den gebürtigen Heidelberger mit Dreitagebart erfahren will, kann dies gerne auf seiner Website tun.

Der Stuttgarter Poetry Slam

Die nächste Meisterschaft wird zwar in Hannover veranstaltet, aber das ist kein Grund zum traurig sein, liebe Stuttgarter! Denn auch in unserer Landeshauptstadt finden seit dem Jahr 1999 regelmäßig Poetry Slam Veranstaltungen statt. Da gibt es zum Beispiel den Hörsaal Slam an der Uni Stuttgart, den „Slam auf der Couch" im Jugendhaus Mitte, den Open Air Slam im Juli im GAZI- Stadion oder den größten Slam Stuttgarts (immer am dritten Sonntag eines Monats) im Keller Klub. Um nur einen kleinen Auszug des riesigen Angebots zu nennen.

Wir waren für euch im Keller Klub am Rotebühlplatz und haben Jan Philipp Zymny bei seinem voll ausverkauften Auftritt „Kinder der Weirdness" gefilmt. Er hat die Poetry Slam-Meisterschaften sowohl im Jahr 2013, als auch 2015 gewonnen.

Jan Philipp Zymny - Kinder der Weirdness

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Über die Autoren

Lisa Maria Könnecke

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Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016

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