Arbeiten aus Leidenschaft

Wenn Arbeit beflügelt

26.01.2017

Sie schlummert in uns allen. Die Frage ist: Füttern wir sie, bis sie groß wird und lassen sie dann frei? Oder halten wir sie unser Leben lang klein und versteckt? Buchbinderin Meike Lehmann hat sie frei gelassen – ihre Leidenschaft. Sie lebt sie, mit all ihren Folgen.

Meike Lehmann vor dem großen Holzregal in der Buchbinderei „Lehmanns Manufakte" | Bild: Franziska Ott, Maria Schmid

Es ist kalt, Dezember eben. Die Buchbinderei von Meike Lehmann liegt direkt gegenüber der U-Bahnstation Seidenstraße in Stuttgart. „Lehmanns Manufakte" steht in großen Lettern über dem Laden. Hastig gehen wir über die Straße. Durch die Glastür lächelt uns eine schick in schwarz gekleidete Dame zu. Ihr erwartungsvoller Blick spiegelt auch unsere Gefühle wider. Das ist sie also – Meike Lehmann. Bevor wir die Hand nach dem Türgriff ausstrecken können, öffnet sie uns bereits. Und schon strömt er uns entgegen – der Geruch von Papier, Holz und Leder. Der Geruch nach Handwerk. Meike Lehmann begrüßt uns mit einem warmen festen Händedruck. Sie führt uns an der Theke vorbei durch einen schmalen kurzen Gang, der in die Buchbinderei mündet. Der Geruch nach Papier wird intensiver. Es ist ein angenehmer, abenteuerlicher Geruch. Die Wände des Raumes sind mit zahlreichen Holzregalen gesäumt, in deren Fächer jemand sehr akribisch unterschiedliche Papierarten einsortiert hat. Wir dürfen unsere Jacken, Schals und Mützen auf der sogenannten „Pappschere" ablegen. Meike Lehmann holt drei Holzhocker unter dem massiven Tisch vor dem Fester hervor. Wir setzen uns. Sie schaut uns gespannt an und wir schauen gespannt zurück. Es liegen so viele Fragen in der Luft. Und dann legen wir einfach los: „Warum sind Sie Buchbinderin aus Leidenschaft?"

Meike Lehmann erzählt über ihre Liebe zur Buchbinderei | Audio: Franziska Ott, Maria Schmid

Seit dem Jahr 1994 arbeitet Meike Lehmann bereits als Buchbinderin. Wie es dazu kam? Ihr Kunstlehrer trug wohl maßgeblich dazu bei. Als Kind wollte Meike Lehmann, wie alle kleinen Mädchen, Prinzessin werden. Ihr Traum von einer Tätigkeit als Buchbinderin entstand erst viel später. Meike Lehmann hatte Kunst als Abiturleistungsfach belegt. Mit den Händen arbeiten, das hatte sie schon damals begeistert. Ihr Kunstlehrer erkannte diese Begeisterung und schlug ihr das Handwerk des Buchbindens vor. Ein Vorschlag, den Meike Lehmann letztlich in die Tat umsetzte. Ihre Ausbildung trat sie in genau den Räumen an, in denen sie heute mit uns sitzt. An ihr erstes, selbst gebundenes Buch erinnert sich Meike Lehmann noch genau.

Meike Lehmann über ihr erstes selbstgebundenes Buch | Audio: Franziska Ott, Maria Schmid

Wie ein Abendessen Meike Lehmanns gesamtes Leben veränderte

Drei Jahre später, im Jahr 1997, schloss Meike Lehmann ihre Ausbildung erfolgreich ab. Der Betrieb konnte sie leider nicht übernehmen. Trotzdem stand für Meike Lehmann fest: Es gibt keinen Plan B, sie wollte ihrer Leidenschaft nachgehen und als Buchbinderin tätig sein. Wenn nicht hier, dann eben woanders. Sie arbeitete unter anderem in Berlin und Heilbronn. 2000 zog es sie dann zurück an den Ort, an dem ihre Liebe zum Handwerk Jahre zuvor entflammte: in die Buchbinderei in Stuttgart. Sie bekam eine Teilzeitstelle und startete 2002 ihre Meisterausbildung. Eines Tages kam ihr damaliger Chef Martin Kugler auf sie zu und lud sie zum Essen ein. Ihr erster Gedanke: „Er wird mich ja wohl nicht zum Essen einladen, wenn er mir kündigen will?" Um die Antwort schon einmal vorweg zu nehmen: Nein, Martin Kugler wollte ihr nicht kündigen.

Meike Lehmann berichtet über das alles verändernde Gespräch mit ihrem Chef | Audio: Franziska Ott, Maria Schmid

Jede Entscheidung hat seinen Preis

Die Entscheidung war gefallen und wurde 2005 in die Tat umgesetzt. Die Buchbinderei „Kugler" wurde zu „Lehmanns Manufakte" und die leidenschaftliche Buchbinderin wurde zur Geschäftsführerin – ein mutiger Schritt, der Meike Lehmann mit zahlreichen Herausforderungen konfrontierte.

Meike Lehmann erzählt von den schwersten Zeiten ihrer Buchbinderei | Audio: Franziska Ott, Maria Schmid

Von Familienchroniken über Präsentationsbooklets bis hin zu aufwändigen Verpackungen – Meike Lehmann und ihr Team bieten eine stolze Bandbreite an Leistungen an. Als „Buchdoktor" reparieren sie oft wertvolle antiquarische Bücher. Vor kurzem erst kam ein älterer Herr in die Buchbinderei mit einem von der Zeit gezeichneten Märchenbuch in den Händen. Das Buch gehörte seiner Frau schon seit diese ein junges Mädchen war. Er wollte es nun neu einbinden lassen. An Weihnachten sollte seine Frau das Buch dann unter dem Christbaum finden. Das war nur eine der zahlreichen Kundengeschichten, die Meike Lehmann für immer in Erinnerung bleiben werden.

Meike Lehmann erzählt von einem besonderen Buch und der Geschichte, die dahinter steckt | Audio: Franziska Ott, Maria Schmid

Diese Geschichten sind für Meike Lehmann genauso wertvoll, wie das liebevoll gebundene Buch selbst. Die Liebe zu Büchern lebt sie auch zu Hause. Im Hause Lehmann gibt es keinen Fernseher, dafür umso mehr Bücher. Lesen und Vorlesen steht hier fast täglich auf dem Programm. Meike Lehmann ist Mutter zweier Kinder: Ida (4 Jahre) und Paul (8 Jahre). Das sind gleich zwei Fulltime-Jobs – doppelter Stress – aber dem hält Meike Lehmann stand. Aufgeben ist für sie keine Option. Dafür liebt sie die Buchbinderei zu sehr. „Es ist alles eine Frage der Organisation", sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Ihr Mann ist auch Freiberufler. Er arbeitet abends und am Wochenende, sie tagsüber. Wenig Zeit gemeinsam mit ihrem Mann – das ist der Preis für ihre Leidenschaft zur Buchbinderei. Gelegentlich nimmt Meike Lehmann ihre Kinder mit in die Werkstatt. Der achtjährige Paul bastelt sich dort mittlerweile schon selbst kleine Bücher zusammen. Aber nicht nur er hat das Handwerker-Gen geerbt.

Meike Lehmann erinnert sich an Handwerker-Anekdoten von ihren Kindern | Audio: Franziska Ott, Maria Schmid

Die Buchbindermama macht sich keine Sorgen um die Zukunft. Natürlich findet sie es schade, wenn den Bibliotheken das Geld gestrichen wird, um Bücher neu einzubinden. Es macht sie traurig, dass viele Menschen die wunderbar riechenden warmen Bücher mit kalten E-Books ersetzten. Und dennoch.

Meike Lehmann über die Zukunft von Büchern | Audio: Franziska Ott, Maria Schmid

Während Meike Lehmann den Satz beendet, funkeln ihre Augen. Jetzt müssen wir nicht weiter fragen. Wir sind uns sicher: In ihr stecken noch jede Menge neue Ideen für die Zukunft. Draußen ist es immer noch kalt, immer noch Dezember. Wir sitzen seit mittlerweile zwei Stunden in „Lehmanns Manufakte". Hier ist es warm – warm vor lauter Begeisterung und Geschichten geprägt von der Faszination und Liebe zur Buchbinderei.

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Gehen Sie mit uns auf Audio-Reise durch die Buchbinderei....

Wollen Sie wissen, was es in der Buchbinderei von Meike Lehmann so alles zu entdecken gibt? Dann lehnen Sie sich jetzt entspannt zurück, drücken Sie auf „Play" und schließen Sie Ihre Augen.

Wir nehmen Sie mit auf eine Audio-Reise durch „Lehmanns Manufakte" | Audio: Franziska Ott, Maria Schmid

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Nach der Audio-Reise wissen Sie, wie sich die Maschinen anhören - Aber wie schauen sie aus?

Rund 75% der Arbeit in der „Lehmanns Manufakte" sind Handarbeit - Die restlichen 25% werden unter anderem mit diesen Maschinen geleistet. | Bilder: Franziska Ott, Maria Schmid

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Über die Autoren

Franziska Ott

Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17

Maria Schmid

Unternehmenskommunikation (Master)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17