Arbeit, die Leiden schafft

Wenn Arbeit krank macht

26.01.2017

Schlecht geschlafen, alles nervt, nichts geht mehr – und das über Wochen hinweg. Die Arbeit, die einmal Spaß gemacht hat, ist nur noch mit Mühe zu bewältigen. Sandra erinnert sich nur zu gut an dieses Gefühl. Aber wie ist es eigentlich, wenn auf einmal nichts mehr geht?

Für Burn-out-Patienten wird selbst der Alltag zur Stresssituation. |Bild: Pixabay

20 Jahre war Sandra in der Automobilbranche tätig, dann ging plötzlich gar nichts mehr – und das gleich zweimal innerhalb weniger Jahre. Nun hat sie gekündigt und wandert zusammen mit ihrem Mann in den Süden aus. | Audio: Sabrina Pfeifer, Theresa Schmid

Burn-out – was ist das eigentlich?

Burn-out – ausgebrannt sein. Herbert J. Freudenberger hat dieses Gefühl 1974 erstmals beschrieben. Der deutschstämmige Psychotherapeut arbeitete in seiner New Yorker Praxis oft bis spät in die Nacht. Plötzlich ging nichts mehr. Er fühlte sich erschöpft, überfordert – vollkommen ausgebrannt. Freudenberger schrieb seine Erfahrungen auf und begründete damit den Begriff „Burn-out": Einen Zustand ständiger körperlicher und emotionaler Erschöpfung. Es ist eine psychische Beschwerde, deren Symptome bei jedem Menschen in verschiedenster Weise auftreten. Ein vielschichtiges Problem – aber fest steht, dass es immer in Zusammenhang mit Arbeit auftritt. Und: „Burn-out ist immer ein Anzeichen für einen Veränderungsbedarf", erklärt Burn-out-Coach Helene Prölß.

Kategorien von Symptomen
Die kalifornische Psychologin Christina Maslach erforschte das Krankheitsbild von Burn-out weiter und teilte die Symptome in drei Kategorien ein:
1. Emotionale Erschöpfung: Ständig müde, leicht reizbar und nicht mehr wirklich mit Begeisterung bei der Sache. So wirkt sich der Stress auf die Betroffenen aus. Der Stress kann von der Arbeit, von der Familie oder vom sonstigen Umfeld ausgehen.
2. Depersonalisierung: Zynische Bemerkungen und keine Lust mehr auf nichts. Die Betroffenen stehen nicht mehr hinter den Aktivitäten, die sie machen – sei es bei der Arbeit oder in der Freizeit.
3. Erleben von Misserfolg: „Ich habe so viel zu tun, aber es kommt nichts dabei heraus." Das ist ein typisches Statement von Burn-out-Patienten. Die Betroffenen sind nie einfach mit einem Ergebnis zufrieden. Zu groß ist die Angst, dass es nicht genug ist. Es muss immer alles zu 200% gemacht werden. Selbstzufriedenheit ist ein Fremdwort.

Burn-out verläuft meist in Schüben und wirkt sich in gefährlicher Weise auf den Gesundheitszustand aus. Es kann Auslöser akuter Krankheiten sein. Prölß, Leiterin des Burn-out-Zentrums Stuttgart, erinnert sich an einen ganz typischen Fall: „Eine Freundin hat mir von ihrem Sohn erzählt, der an einer Autoimmunerkrankung leidet. Auf wiederholte Nachfrage stellte sich heraus, dass er in seiner Firma keinerlei Wertschätzung erfährt. Er ist tief unglücklich und das über viele Jahre hinweg. Zuerst waren es schwache Symptome. Jetzt ist er akut krank."

Modeerscheinung Burn-out

Wer bei sich eine der Symptom-Arten feststellt, sollte jedoch nicht gleich in Panik verfallen. Die Ursache könnte auch ganz woanders liegen. Wichtig ist: Diagnosen sollten nur von Fachärzten gestellt werden. Selbstdiagnosen sind – vor allem im Zeitalter des Internets – zwar schnell gestellt, aber unzuverlässig. Helene Prölß hält das Internet für völlig ungeeignet, um Burn-out zu diagnostizieren: „Von den Informationen im Internet geht eher eine Gefährdung aus, als dass sie helfen. Die Inhalte werden dramatisiert und aufgebauscht. Und meistens wollen die Anbieter am Ende ihr Produkt verkaufen."

Burn-out – Zahlen und Fakten | Grafik: Sabrina Pfeifer, Theresa Schmid

Ursprünglich wurde Burn-out hauptsächlich bei Menschen in sozialen Berufen diagnostiziert. Also bei Krankenschwestern, Erzieherinnen oder auch Rettungssanitätern. Ab den 2000ern wurde es als „Manager-Krankheit" bekannt und damit als Modeerscheinung abgetan. Und tatsächlich: Burn-out ist laut der internationalen Klassifizierung von Krankheiten (dem ICD-10-Schlüssel) keine Behandlungsdiagnose. Stattdessen zählt es zu den „Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung" (Abschnitt Z63, ICD-10). Der Grund dafür: Burn-out hat keine einheitlichen Anzeichen. Bei jedem Menschen ist der Verlauf anders.

Tabuthema Burn-out

Wer wirklich von Burn-out betroffen ist, sollte nicht leichtfertig damit umgehen. Irgendwann kann der Körper den Stress nicht mehr kompensieren. Dann kippt der Zustand. Prölß weist ausdrücklich darauf hin: „Wenn man zu spät in den Veränderungsprozess eingreift, kann Burn-out akut gefährlich werden – bis hin zu lebensgefährlich". Suizid-Gedanken sind keine Seltenheit – selbst die Schädigung innerer Organe ist im Bereich des Möglichen. Deshalb ist es wichtig, auf frühe Anzeichen zu achten. Hier kommen die Medien wieder ins Spiel: Sie haben einen großen Beitrag dazu geleistet, dass Burn-out zu einem gesellschaftlich relevanten Thema wurde. Das ist für Helene Prölß eine große Verbesserung:

„Je mehr die Menschen darüber wissen, umso eher können sie selbst korrigieren
oder rechtzeitig zu einem Berater gehen."

Burn-out scheint trotzdem vielerorts noch ein Tabuthema zu sein, über das vor allem die Betroffenen nicht offen sprechen wollen. Auch für diesen Artikel war es schwer, ehemalige Patienten für ein Gespräch zu finden – auch nicht unter Zusicherung ihrer Anonymität.

Diagnose Burn-out – und jetzt?

Dennoch: Burn-out ist offenbar in allen Berufsgruppen angekommen. Jeder kann sich in dem sprichwörtlichen Hamsterrad wiederfinden. Es ist ein Teufelskreis, der sich nur mit professioneller Hilfe durchbrechen lässt. Der Kern jeder Behandlung ist, der Überlastung mit Entlastung zu begegnen. „Die Betroffenen müssen ihren Ruhezustand wiederfinden. Sei es passiv durch Meditation oder aktiv durch Sport. Das ist – wie vieles bei Burn-out – typabhängig", erklärt Prölß.

Anlaufstellen und Selbsthilfegruppen
Burn-out-Zentrale Stuttgart „Auszeitkultur" www.auszeitkultur.de
Burn-out-Telefon (Helene Prölß) Tel.: 0711 / 6203 1503
Selbsthilfekontaktstelle „KISS" www.kiss-stuttgart.de
Offene Gesprächsrunde: Jeden 2. Mittwoch im Monat um 19:30 Uhr, Ort: KISS Stuttgart, Tübinger Straße 15, 70178 Stuttgart

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Über die Autoren

Sabrina Pfeifer

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Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17

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