Tierpräparation

Wenn das Haustier ewig bleibt

30.05.2016

Bei einem Besuch im Museum oder in einem waschechten Jagdzimmer sind ausgestopfte Tiere keine Seltenheit. Doch woher kommen diese Präparate? Wie können die Tiere Jahre über ihren Tod hinaus noch so lebensecht aussehen? Stefan Schimmer, Jäger und Tierpräparator aus dem bayerischen Nassenfels hat Antworten auf diese Fragen.

Auf diese Installation ist der 58-Jährige besonders stolz: Sie zeigt drei Waschbären, die auf einem Baum klettern. |Foto: Elisa Oberst

„Des lernt ma’ wia’s Laffa", sind die Worte von Schimmer auf die Frage, wie lange er seinem Beruf schon nachgeht. Der 58-jährige Tierpräparator hat sich das Ausstopfen bereits im Kindesalter von seinem Onkel abgeschaut. Ein anerkannter Lehrberuf ist das Präparieren von Tieren aber bis heute nicht. An seinem Arbeitsplatz – einem zur Werkstatt umfunktionierten Einfamilienhaus – hat er gerade eine Katze auf dem Tisch liegen.

Ordnung ist die halbe Miete: Für seine Arbeit braucht Stefan Schimmer viele, handelsübliche Werkzeuge. |Foto: Elisa Oberst

Haustiere sind eine Herausforderung

Das gescheckte Tier war der langjährige Weggefährte einer Berliner Geschäftsfrau und soll nun auch über den Tod hinaus einen Platz an ihrer Seite finden. Haustiere sind, genauso wie Fische, besonders schwer zu bearbeiten: „Die Besitzer kennen ihre Tiere in und auswendig. Da muss man schon besonders genau arbeiten." Anhand von Fotos wird die gewünschte Position und die Mimik der Tiere bestmöglich nachempfunden.

Keine blutige Angelegenheit

Nachdem der tiefgefrorene Körper der Katze den Präparator einige Tage zuvor per Post erreicht hatte, muss dieser zunächst auftauen. Danach erst ist es möglich die Haut samt Fell von Fleisch und Knochen zu trennen. Wer jetzt denkt, dass das eine blutige Angelegenheit ist, der irrt: Der Präparator schlitzt die Tiere, die ihm vorliegen, nicht etwa auf und entnimmt die Innereien; er entfernt lediglich Haut und Haar des Tieres. Der darunter liegende Körper bleibt im besten Fall am Stück. Ist das erledigt, kommt die leere Hülle der Katze zu einem befreundeten Gerber. Dieser weicht das Fell in Chemikalien ein, um die letzten Gewebereste von der Haut zu trennen und sie haltbar zu machen.

Zum Füllen der gegerbten Haut wird individuell gebundene Holzwolle verwendet. |Foto: Stefan Schimmer

Kuriose Aufträge
Sogar der Deutsche Meister im Hochsprung hat es schon bei Stefan Schimmer auf die Arbeitsplatte geschafft. Dabei handelt es sich selbstverständlich um ein Kanninchen. Versehen mit einer goldenen Platte, auf der sein Titel zu lesen ist, wird er seinem Besitzer nun auch über den Tod hinaus erhalten bleiben.

Zwei Zebras, die den Eingang seines Büros säumten, waren einem Geschäftsmann auf Dauer zu langweilig. Er bat Schimmer, sie mithilfe eines nachempfundenen Narwal-Zahnes in Einhörner zu verwandeln.

Aufgeregt berichtete ein Kunde, er hätte einen kleinen Eisbär in seinem Garten gefunden und wolle diesen gleich vorbeibringen. Als er mit seinem Fund bei Schimmer ankam, dann die Enttäuschung: Bei dem Eisbären handelte es sich um ein heimisches Hermelin, ein Wiesel im Winterkleid.

Holzwolle, Draht und Glasaugen

Zurück bei Schimmer beginnt nun die eigentliche Arbeit: Das Füllmaterial muss ausgesucht und gebunden werden. Während bei Jagdtrophäen und Wildtieren oft auf vorgefertigte Schaumstoffformen zurückgegriffen wird, muss der Korpus von Heimtieren jedes Mal individuell angefertigt werden. Hierfür werden hauptsächlich Styropor, Holzwolle und Draht verwendet. Natürlich dürfen auch die Augen nicht fehlen. Diese sind in der Regel aus Glas und können je nach Tierart und Rasse in den unterschiedlichsten Formen und Farben bestellt werden.

Vor allem bei den Augen, erklärt Schimmer, gibt es Qualitätsunterschiede. Für Museen gibt es extra angefertigte Modelle in sogenannter Museumsqualität. Hat ein Präparat seine Augen weit aufgerissen, ist es ratsam in die teurere Variante zu investieren. Döst ein Tier, so wie die Katze, die der 58-Jährige gerade bearbeitet, reichen auch weniger hochwertige Augen. Aber nicht nur das Privileg der besseren Augen ist Museen vorbehalten: Nicht jedes beliebige Tier schafft es auf Schimmers Präparationstisch. Es gibt einige Arten, die dem Naturschutzgesetz unterliegen und deshalb ausschließlich für Lehrzwecke, wie in Museen oder Schulen, der Nachwelt erhalten bleiben dürfen. Zu diesen geschützten Tieren zählen hierzulande zum Beispiel alle Eulen-Arten.

Ein aussterbendes Metier

Den immer strenger werdenden Gesetzen hat der fast aussterbende Beruf auch seine Nachwuchsschwierigkeiten zu verdanken. Da der Gesetzgeber den Umgang mit toten Tieren immer weiter verschärft, betreiben heute viele Präparatoren ihren ehemaligen Beruf nur noch hobbymäßig. So auch Schimmer: „Es bildet kaum ein Präparator mehr aus, weil man sich dann ja seine eigene Konkurrenz heranzieht. Mir macht die Arbeit sehr viel Spaß, aber leben kann ich davon nicht." Deutschlandweit decken rund 20 große Unternehmen, ganze 80 Prozent des Marktes ab. Für kleinere Ein-Mann-Unternehmen ist es deshalb zunehmend schwierig, ihren Lebensunterhalt mit diesem Beruf zu bestreiten.

Die letzte Reise

Bevor Stefan Schimmer seinen aktuellen Auftrag abschließen kann, föhnt er sorgfältig das Fell seiner Patientin. In ein paar Tagen können auch die Stecknadeln, die das Gesicht der Katze an Ort und Stelle halten sollen, entfernt werden. Danach tritt das fertige Präparat seine Heimreise nach Berlin an. Aufträge wie diese sind jedoch selten. Hauptsächlich präpariert er Jagd- und Angeltrophäen oder verendete Tiere, die in nahegelegenen Wäldern gefunden werden. Seinen eigenen Hund einmal ausstopfen zu lassen kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen. So lehnte er auch den Auftrag, zwei Doggen zu präparieren ab: „Ich hab den Besitzern gesagt, von dem Geld sollen sie lieber einen neuen Hund anschaffen. Da haben sie mehr Freude dran."

Der letzte Schliff wird dem Präparat durch das Föhnen verliehen. |Foto: Elisa Oberst

Eindrücke aus Schimmers Werkstatt

Das Arbeitsumfeld eines Tierpräparators. Dokumentiert in Bildern.

Total votes: 98
 

Über den Autor

Elisa Oberst

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016