Amnesie - ohne Erinnerung

Wenn das Vergessen Überhand nimmt

21.06.2016

Etwas vergessen, das passiert jedem hin und wieder. Doch wenn man mehr und mehr vergisst, nicht mehr weiß, was man gestern oder vorgestern getan hat. Vielleicht sogar wichtige Menschen aus dem eigenen Leben vergisst, dann wird es beängstigend. Amnesie ist häufig die Diagnose, doch was genau bedeutet das?

In der Erinnerung gibt es keine Grenzen; nur im Vergessen liegt eine Kluft, unüberwindlich für eure Stimme und euer Auge. (Khalil Gibran, 1883-1931) | Bild: Natascha Kratsch

Freitagabend – Silas ist mit seiner Mannschaft in der Halle zum Voltigier-Lehrgang. Das Team misst sich in einem Rückwärtssalto-Wettkampf. Es wird geblödelt, wie es wohl wäre, wenn man sich selbst mit den Knien an die Stirn schlägt. Da passiert es, er verkalkuliert sich und schlägt sich tatsächlich selbst k.o.. Zuerst lachen seine Teamkollegen als er ohnmächtig da liegt, denken, er macht wieder einen Witz. Als sie bemerken, dass es ernst ist, versuchen sie ihn zu wecken. Mit Erfolg, ihm scheint es gut zu gehen. Also wieder anstellen, weitermachen. Dann beginnt seine Nase zu bluten. Auf einmal kommen die Fragen: Wieso blutet eigentlich meine Nase? Und wie bin ich hierher gekommen? Jetzt sorgt sich auch sein Team. Sie fahren ins Krankenhaus.

Auf dem Weg ins Krankenhaus - auf der Suche nach Erinnerungen

Gehirnerschütterung und in Folge dessen Amnesie heißt es im Krankenhaus. Der Begriff „Amnesie" kommt aus dem Griechischen. Er setzt sich aus „a" (ohne) und „mnéme" (Erinnerung, Gedächtnis) zusammen. Es ist also eine Form der Gedächtnisstörung, bei der die Erinnerung nicht mehr funktioniert und der Betroffene nicht mehr auf Gedächtnisinhalte zurückgreifen oder Neues abspeichern kann.

Die häufigsten Arten der Amnesie

Es gibt verschiedene Arten des Vergessens, am häufigsten leiden Betroffene aber unter der anterograden Amnesie. Anterograd bedeutet so viel wie „vorwärtswirkend". „Hierbei können Betroffene sich nur schwer an Vergangenes erinnern, sind aber zusätzlich noch schlecht oder gar nicht mehr in der Lage, neue Gedächtnisinhalte aufzunehmen und abzuspeichern", sagt Doktor Stephan Schleich, Notarzt im Raum Bad Wörishofen. In den meisten Fällen wird hier sogar die Vergesslichkeit an sich wieder vergessen. Somit ist für Patienten nur ein Leben im „Hier und Jetzt" möglich.

Die zweite Ausprägung ist die retrograde, die rückwirkende Amnesie. In dieser können Patienten Informationen, die vor dem Auslöser des Vergessens lagen, nicht mehr abrufen. Dies kann Sekunden, aber auch Monate andauern. Die verlorenen Gedächtnisinhalte kehren meist im Laufe der Zeit zurück, jedoch bleibt häufig eine gewisse Lücke. Je näher eine Erinnerung an dem Zeitpunkt des Auslösers liegt, desto eher würde sie vergessen, berichtet Schleich. Oftmals ist aber länger Zurückliegendes besser abrufbar als erst vor kurzem Erlebtes. Es können sowohl einzelne Erinnerungssequenzen, als auch das komplette Gedächtnis betroffen sein. Eine Ausnahme bildet der Teil des Gedächtnisses, der für „prozesshaftes Denken" verantwortlich ist, in dem Abläufe und Handlungen gespeichert werden. Dieser ist meist nicht von einer Amnesie betroffen. „So sind Patienten teilweise sogar noch in der Lage, ein Auto zu fahren, aber können sich nicht mehr daran erinnern, wohin sie fahren und manchmal nicht einmal daran, was genau sie gerade machen", sagt Schleich.

Was so durch den Kopf geht, wenn das Gedächtnis einen im Stich lässt.

Viele Patienten reagieren mit Existenzangst und Unverständnis auf eine Amnesie, da sie den Auslöser schon wieder vergessen haben. Nach der Diagnose seien sie häufig beruhigt, denn gegen einen Feind, den man kenne, kämpfe es sich leichter als gegen einen, den man nicht kenne, so Schleich.

Gründe für Amnesie

Ursachen gibt es viele, die „wohl häufigste sind Traumata in Folge von Unfällen, also so genannte Schädelhirntraumata", sagt Schleich. Weitere mögliche Auslöser können schwere psychische Belastungen, Epilepsien, Gehirnhautentzündungen oder Hirnschläge sein. Zusätzlich kann auch Alkohol eine Amnesie auslösen oder sie kann mit Medikamenten absichtlich hervorgerufen werden. Hypoxie und Migraine accompagneé sind weitere Gründe.

Amnesie – was jetzt?

Eine generelle medikamentöse Behandlung für Amnesie gibt es nicht, da Amnesie keine Krankheit an sich ist, sondern ein Symptom, das zu vielen verschiedenen Krankheitsbildern passt. Ähnlich wie Schwindel, erläutert Schleich. Deshalb könne man Amnesie als solche nicht therapieren. Es lässt sich jedoch in jedem Einzelfall, abhängig von der Ursache der Amnesie, eine spezifische Therapie finden.

In Silas Fall ist die Amnesie jedoch von selbst wieder zurückgegangen, sodass er sich bereits nach ein paar Stunden langsam an alles erinnern konnte. Ihm sind keine Lücken geblieben, der Unfall ist eine gern erzählte Anekdote und sogar für manchen Lacher gut.

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In „Wenn die Vergangenheit zu einem schwarzen Loch wird" porträtiert Luisa Kübler die junge Mutter Katrin, die sich nach einem Unfall weder an ihre Familie, noch an sich selbst erinnern konnte.

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Über den Autor

Natascha Kratsch

Crossmedia Redaktion und Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/16