Amnesie

Wenn die Vergangenheit zu einem schwarzen Loch wird

28.06.2016

Es sind nur wenige Sekunden, die Katrin W.‘s* Leben komplett auf den Kopf stellen. Nach einem schweren Autounfall im Jahr 2009 wacht sie mit einem Schädelhirntrauma im Krankenhaus auf – und kann sich an nichts mehr erinnern. Nicht an ihre Familie, nicht an ihre engsten Freunde, vor allem aber nicht mehr an ihre eigene Lebensgeschichte. Wie geht sie damit um?

Für Betroffene ist der Blick in den Spiegel meist eine Qual - Sie wissen nicht mehr, wer sie einmal waren. |Foto: Luisa Kübler

Katrin muss tief durchatmen, bevor sie anfängt, von ihrem Schicksal zu erzählen. Sie sitzt zusammengesunken auf ihrem Stuhl und hat sichtbar damit zu kämpfen, sich an den Tag zu erinnern, an dem sie ihr ganzes Leben vergaß. „Ich lag in einem weiß bezogenen Bett, als ich aufwachte", berichtet Katrin und ihre Stimme bebt. „In diesem Moment fühlte ich nichts außer Leere. Ich wusste nicht, warum ich hier liege oder was zuvor passierte". Irgendwann kam ein Arzt mit einem Mann und zwei Kindern in ihr Krankenzimmer. Die drei Personen lächelten sie an, konnten kaum glauben, dass Katrin wieder wach war. „Die Kinder kamen an mein Bett und griffen nach meinen Händen", erzählt Katrin. „Doch ich kannte sie nicht." Genauso wenig, wie sie ihren Mann erkannte. Als ihr der Arzt auch noch erklärt hätte, dass sie über dem Berg sei, war Katrin vollends verwirrt: „Welcher Berg?"

Katrin W. beschreibt die Situation, als sie im Krankenhaus aufwachte.

Katrin erkennt ihre Familie nicht

Es dauerte eine Weile, bis der Arzt merkte, was mit Katrin los war. Er stellte ihr einige Fragen. Ob sie ihren Namen wusste, ob ihr etwas zu dem Unfall einfiel. Doch auf keine einzige Frage wusste sie die Antworten. Bestürzt schaute Katrin in die Gesichter des Mannes und der beiden Kinder, wobei sie nur langsam realisierte, dass diese Menschen wohl ihre Familie sein mussten. „Ich kann nicht beschreiben, was ich in diesem Moment fühlte", sagt Katrin heute leise. „Irgendwie war ich verzweifelt. Ich hatte keine Ahnung, wo ich hingehörte."

Ihrer Familie gegenüber spürte Katrin keine Nähe mehr.

Damals erklärte ihr der Arzt, dass sie mit einer Amnesie zu kämpfen hat. Vor allem bei Patienten, die bei einem Unfall ein Schädelhirntrauma erleiden, komme das durch Schäden im Gehirnbereich häufig vor. „Der Arzt meinte, ich hätte gute Chancen, mich bald wieder erinnern zu können, da die Erinnerung von vielen Patienten nach einem Sturz auf den Kopf wieder zurückkommt", sagt Katrin. Außerdem erklärte ihr der Arzt, dass es jetzt wichtig sei, den Kontakt zu Freunden und Familie zu stärken, um in den Alltag zurück zu kehren. Allerdings stellte sich das als schwieriger heraus, als gedacht.

Die Amnesie belastete die ganze Familie

Denn am Anfang waren sich Katrin und ihr Mann seltsam fremd. Katrin fiel es nicht gerade leicht, mit Menschen zusammen zu wohnen, die zwar irgendwie ihre Familie, aber ihr zugleich auch unbekannt waren. In den ersten Tagen kam es nicht selten vor, dass sie nachts aufwachte und das Gefühl hatte, aus dem Haus rennen zu müssen. In den Momenten realisierte sie, dass sie ihrer Familie zu diesem Zeitpunkt nicht die Vertrautheit geben konnte, die diese gewohnt war. Ein Gefühl, das auch den Rest der Familie übermannte. „Meine Amnesie war für meinen Mann mindestens genauso schlimm, wie für mich selbst", erzählt Katrin.

Für Katrin war der erste Blick in den Spiegel eine Horrorsituation.

Das gegenseitige Fremdeln versuchte die Familie mit ständigen Ausflügen zu überwinden. Oftmals fuhren sie alle gemeinsam zu Orten, die Katrin von früher kannte – oder zumindest kennen sollte. Ihr Mann und ihre Kinder gaben die Hoffnung nicht auf, dass bald wieder alles werden würde wie früher. „Meinem Mann bin ich jetzt dankbar für alles", erzählt Katrin.

Katrin fühlte sich allein mit der Krankheit

Und trotzdem brauchte sie eine Weile, um mit der Krankheit klarzukommen. Gerade dann, wenn sie einen Nachbarn nicht erkannte, oder beim Einkaufen überfordert war – und mit niemandem darüber reden konnte. „Meine Mutter konnte mit dem Wort Amnesie gar nichts anfangen", berichtet Katrin. Bei einer Gedächtnisstörung habe ihre Mutter nur an Demenz oder Alzheimer gedacht. In Katrins näherer Umgebung gab es keine Selbsthilfegruppen. Genauso, wie keine anderen Betroffenen in der Nähe wohnten. „Häufig dachte ich, ich sei mit dieser Krankheit allein", berichtet Katrin. Im Internet konnte sie zuerst keine aussagekräftigen Zahlen und Fakten zu Amnesie-Betroffenen finden. Erst in einem Amnesie-Selbsthilfeforum habe sie Antworten auf ihre vielen Fragen bekommen. „Es hat mir geholfen, mit anderen Betroffenen zu schreiben", erzählt Katrin.

Aber trotzdem empfand sie die Zeit nach dem Krankenhaus, als ein einziges auf und ab. „An manchen Tagen fand ich mich mit meinem Schicksal ab und nahm mir fest vor, neu anzufangen. Und kurz darauf kam wieder ein Rückschlag." Dann nämlich, wenn sie wieder niemanden erkannte.

Die Hoffnung nie aufgeben

Drei Wochen nach der Diagnose der Amnesie fuhr Katrin mit ihrem Ehemann zum Einkaufen. „Wir wollten nach einer neuen Matratze für unsere Tochter schauen", erzählt sie und lächelt. Während sie im Bettgeschäft zwischen den Lattenrösten entlangliefen, hatte Katrin auf einmal das Gefühl, hier schon einmal gewesen zu sein, berichtet sie. Plötzlich erinnerte sie sich an den Moment, als sie vor ihrem Unfall mit ihrem Ehemann das neue Bett ausgesucht hatte. „Die Erinnerung kam nach und nach zurück", sagt Katrin. Das Verhältnis zu ihrer Familie habe sich wieder komplett normalisiert, aber trotzdem bleiben bei Katrin noch Zweifel: „Ob ich mich wieder an alles erinnern kann, weiß ich nicht, ich habe ja keine Ahnung, was ich vorher wusste."

Das Thema Amnesie interessiert dich?
Hier findest du weitere Informationen.

* Name von der Redaktion geändert.

Total votes: 196
 

Über den Autor

Luisa Kübler

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016