Kammerjäger

Wenn die Vorratskammer zum Leben erwacht

27.06.2016

Vorratskammern und Großküchen sind ein Eldorado für Ungeziefer und Schädlinge. Was viele Restaurantbesucher nicht wissen: Hinter den Kulissen gastronomischer Einrichtung sorgen Schädlingsbekämpfer für einen reibungslosen Ablauf bei der Lagerung und Verarbeitung von Lebensmitteln. So auch in der Betriebskantine eines großen Industriebetriebes, für die Christina H. und ihr Vater regelmäßig im Einsatz sind.

Bild: Elisa Oberst

Von Betrieb zu Betrieb fahren, Fallen kontrollieren, zwischendurch ein Notruf und auch Büroarbeit; das ist der Alltag von Christina H. Die 33-Jährige ist Schädlingsbekämpferin und führt den Familienbetrieb schon in dritter Generation. Ein ungewöhnlicher Beruf für eine Frau: „Mein Traumjob war das nach der Schule natürlich nicht und ich habe zuerst eine andere Ausbildung abgeschlossen. Mittlerweile kann ich mir aber nichts anderes mehr vorstellen und würde mich freuen, wenn auch meine Kinder mal in das Unternehmen einsteigen würden. " Auch Freunde und Bekannte der Zweifachmutter sind anfangs überrascht von diesem frauenuntypischen Beruf. Ob sie nicht Probleme mit so manchem Getier hätte, wird sie oft gefragt.

Auftritt im TV
Christina war 2014 in einer Folge des Formats „Checker Tobi" im KiKa zu sehen. Gemeinsam mit Tobias Krell hat sie sich in einem alten Fabrikgelände in Dachau auf Schädlingsjagd gemacht.

Schädlinge gefährden Leib und Leben

„Ich erinnere mich noch daran, als sich einmal eine Ratte in unsere Küche verirrt hat. Die hat sich dann in einer Schiebetür eingeklemmt und geschrien wie am Spieß. Unser zuständiger Schädlingsbekämpfer musste sofort kommen und hat sie dann irgendwie wieder befreit", erzählt Christian Meier*, Chefkoch der Betriebskantine eines großen deutschen Betriebes. Eine Ratte in der Küche, wie es Meier passiert ist, ist zwar eher ein Ausnahmefall, bedeutet jedoch Gefahr im Verzug: Der Nager kann die Gesundheit von Restaurantgästen und Personal enorm gefährden. Und nicht nur das, die Folge von Schädlingsbefall jeder Art ist, dass alle betroffenen Lebensmittel entsorgt werden müssen und dadurch auch ein hoher finanzieller Schaden entstehen kann. In einer Küche, in der täglich bis zu 3000 Essen über den Tresen wandern, ist das natürlich ein No-Go.

Aus diesem Grund ist ein breiter Teil von Kammerjägerin Christina’s Arbeitsalltag der Prävention von Schädlingsbefall gewidmet. Doch das ist meist gar nicht so einfach, denn die Gefahr lauert auch im Verborgenen. Sogar winzige Insekten, die mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind, können in kürzester Zeit ganze Vorratslager vernichten. Genau nach diesem Schaden werden Schädlinge in Fachkreisen auch kategorisiert. Sie teilen sich in Hygiene- und Gesundheitsschädlinge, Vorrats- und Materialschädlinge und Lästlinge auf. Letztere stellen kein offensichtliches, gesundheitliches oder wirtschaftliches Problem dar, erregen durch ihren Anblick oder Geruch aber Ekel oder behindern Arbeitsabläufe. In die Kategorie der Lästlinge fallen hierzulande zum Beispiel viele Spinnen oder gewisse Ameisenarten.

Schädlingsarten und Bekämpfungsmethoden im Überblick. |Grafik: Elisa Oberst via PiktoChart

Prävention ist der Schlüssel zum Erfolg

Prävention ist zwar die halbe Miete, verhindert den Befall aber nie zu 100 Prozent. Das muss sich auch Meier eingestehen: „Momentan haben wir mit Kakerlaken zu kämpfen. Wir sind uns ziemlich sicher, dass sie durch eine Gemüselieferung eingeschleust wurden, aber jetzt haben wir sie nunmal und hoffen, dass die aufgestellten Fallen ihren Dienst leisten. Im schlimmsten Fall kann das Gesundheitsamt die Küche dann zumachen, aber so weit ist es bisher noch nie gekommen." Kakerlaken, im Volksmund auch als Schaben bekannt, lösen bei ihm und Hüttiger Schweißperlen auf der Stirn aus. Durch ihre Erkundungstouren kommen die Krabbeltiere mit Essensresten, Kot und anderen Bakterien in Berührung, die sie dann auf den Lebensmitteln verteilen. Christina H. weiß aber genau, wie in so einem Fall vorgegangen werden muss: „Vor allem in der Gastronomie ist es ratsam einen Köder für die Tiere zu wählen, der keine Arbeitsabläufe beeinflusst oder Lebensmittel dekontaminiert. Für Schaben haben wir da kleine durchsichtige Kästchen, sogenannte Sicherheitsköderdosen, in denen sich eine Insektizid in Gelform befindet. Auf die Anwendung von Spritz- oder Sprühmitteln sollte so lange wie möglich verzichtet werden." Dafür müssen Teile der Küche nämlich geschlossen und geräumt werden und es bedarf einer langen Vorlaufzeit eines solchen radikalen Schrittes. Außerdem kommt dann auch die typische Schutzkleidung, wie man sie sich vielleicht vorstellt zum Einsatz: Einwegoverall, Handschuhe, Atemschutzmaske mit Brille und sogar Schuhüberzieher. Praktiken wie diese sind deshalb meist nur der letzte Ausweg.

„Viele Gäste denken, dass ein Kammerjäger nur kommt, wenn ein akuter Notfall vorliegt. Da das so nicht stimmt versuchen wir die regelmäßigen Kontrollen von den Gästen abzuschirmen, damit sie ohne Sorge bei uns schlemmen können", verrät Meier. Deshalb ist es auch im Interesse der Betriebe, dass die Fallen so klein und versteckt wie möglich sind.

Tipps vom Experten

Wer jetzt den Drang verspürt panisch in seine Speisekammer zu rennen, um die teure Nussschokolade oder die Haferflocken auf Befall zu checken, dem seien folgende Tipps ans Herz gelegt: „Ich kann Betrieben, wie Privathaushalten nur raten ihre Einkäufe grundsätzlich in luftdicht verschließbaren Behältern aufzubewahren und Plastik- sowie Papierverpackungen zu vermeiden. Neue Ware sollte nach dem Einkauf sofort ordentlich unter die Lupe genommen werden."

*Name von der Redaktion geändert

Eindrücke aus Meiers Arbeitsumfeld

Für den Ernstfall sind in jedem Betrieb verschiedene Köderfallen aufgestellt.

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Über den Autor

Elisa Oberst

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016