Auszeit vom Alltag

Wenn einem Flügel wachsen

19.01.2016

Rauskommen aus dem eintönigen Alltagstrott, dem Kopf eine Pause gönnen – diesen Wunsch hat fast die Hälfte aller Deutschen. Am besten geht das mit einer mehrmonatigen Auszeit vom Job, auch Sabbatical genannt. Solch ein Schritt ist eine einschneidende Veränderung im Leben. Sowohl für denjenigen, der sich diese Auszeit nimmt, als auch für die daheimgebliebene Familie.

Jeder hat seine Lebensträume. So auch Eckhard. Einen der Größten erfüllt sich der 48-Jährige seit September 2015: Er ist unterwegs. Auf Weltreise. „Er wollte einfach schon immer die Welt sehen", weiß seine Tochter Sarah. „Für ihn war das selbstverständlich und gar keine Frage, dass er das irgendwann mal machen wird." Für Sarah kam seine Abreise dann aber doch etwas überraschend.

Willst du wirklich gehen?

Einfach mit der Maus auf den Hotspot klicken, dann geht’s los! Quelle: Alina Engfer via Thinglink.com

Warum gerade jetzt? Darüber redet Sarah auch oft mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester. Sie denken, den letzten Anstoß hat ihm wohl ein Urlaubserlebnis im Frühjahr gegeben. Dort sah er einige Gruppen älterer Menschen, die nur im Rahmen ihrer eingeschränkten körperlichen Möglichkeiten unterwegs sein konnten und daher viele der dort gebotenen Attraktionen nicht mehr in vollem Maße auskosten und erleben konnten. „Da wurde ihm wohl bewusst, wenn er es jetzt nicht macht, kann er sich diesen Wunsch vielleicht nie richtig erfüllen. Denn er hatte sich das immer mit Wandern und im Zelt schlafen vorgestellt – das volle Programm eben.", erzählt Sarah.

Von da an begann Eckhard, sein Sabbatical systematisch zu planen. Das beinhaltete natürlich auch, sein Vorhaben mit seinem Arbeitgeber zu besprechen. Dieser reagierte aber auf Anhieb positiv und stand voll und ganz hinter der Idee. Verwandte und Freunde konnten es am Anfang erst nicht so wirklich glauben. Sie hatten diesen Traum immer eher als Fantasie und „Spinnerei" abgestempelt. Als daraus dann Realität wurde, hatte natürlich jeder eine Meinung dazu. „Viele haben sich gefragt: Wie, er geht alleine? Ohne die Familie?", erinnert sich Sarah. Insgesamt hatte das Umfeld der Familie Respekt vor Eckhards Entscheidung, empfand es als mutig und war gespannt, was dieser Schritt alles mit sich bringen würde. Sarah weiß, wie es ist, für längere Zeit von der Familie getrennt zu sein und aus dem Alltag auszubrechen. Denn nach dem Abitur hat sie für ein halbes Jahr in Amsterdam in einem Jugend-Hostel gearbeitet. Doch wie fühlt es sich an, wenn man auf der anderen Seite steht?

Meine Gefühle

Was hat Sarah gedacht, als ihr Vater sich entschieden hatte, ein Sabbatical zu machen? Das erfahrt ihr, wenn ihr auf den Hotspot klickt. Quelle: Alina Engfer via Thinglink.com

Eckhards Blog

Auf discoverer11 könnt ihr euch anschauen, was Sarahs Vater alles erlebt.

Aber inzwischen kann Sarah ihren Vater verstehen und akzeptiert seine Entscheidung. „Sein Job ist einfach echt anstrengend. Er hat viel Verantwortung und arbeitet häufig stundenlang am Computer. Ich glaube, er hat sich gedacht, dass es noch etwas Anderes geben muss außer diesem Leben - immer nur aufstehen, arbeiten, heimgehen, schlafen. Wahrscheinlich kann man schon sagen, dass das so etwas wie eine Mid-Life-Crisis ist. Er wollte sein Leben nicht so eintönig weiterleben und es irgendwann bereuen, dass er nicht gegangen ist." Was die Zeit für Sarah, ihre Schwester und ihre Mutter einfacher macht ist, dass sie viele Möglichkeiten haben, um mit Eckhard in Kontakt zu bleiben. Mit WhatsApp-Anrufen und über ihre „Familien-Gruppe" auf WhatsApp werden sie fast täglich auf dem Laufenden gehalten, wo er sich gerade befindet und was er so erlebt.

Außerdem schreibt Eckhard einen Blog, den er mit selbstgeschossenen Fotos bebildert. Hauptsächlich macht er das für sich selbst. Dann kann er, wenn er wieder zurück ist, seine ganze Reise nachverfolgen und einzelne Etappen, die nicht mehr ganz präsent sind, noch einmal Revue passieren lassen. Zudem ist der Blog für die Familie auch eine Möglichkeit, seine Reise mit zu verfolgen und ein wenig daran teilzuhaben. Jede Woche gibt es mindestens einen Post. Wenn zwei Wochen einmal nichts hochgeladen wurde, kann man sich sicher sein, dass in der nächsten Woche mehrere Berichte online gehen, damit die Leser wieder über alles informiert sind. „Die Berichte auf seinem Blog sind sogar ein bisschen ausführlicher und genauer, als er uns immer von seinen Erlebnissen erzählt. Von daher ist das ganz praktisch", lacht Sarah. Direkt nachdem sie einen Post gelesen oder mit ihm telefoniert hat, merkt sie stärker als sonst, was fehlt und was sich verändert hat. Mittlerweile hat sie sich aber einigermaßen an den neuen Alltag ohne Vater gewöhnt. Eine große Unterstützung ist ihr dabei in erster Linie ihre Schwester: „Natürlich kann ich auch mit Mama darüber reden, wenn es mir mal nicht so gut geht. Aber für sie ist das einfach ganz anders. Bei ihr spielen Fragen und Gefühle eine Rolle, über die meine Schwester und ich uns wiederum gar keine Gedanken machen."

Du gibst mir Halt

Sarah erzählt, was sich in ihrem Alltag verändert hat und wie sie damit umgeht, wenn sie ihren Vater sehr vermisst. Quelle: Alina Engfer via Thinglink.com

Wie wird es wohl sein, wenn Eckhard wieder zurück ist? Diese Frage stellt Sarah sich oft. Sie merkt, dass sich das Familienleben gewandelt hat und stellt auch fest, dass ihr Vater sich verändert. Jeder ist an sein „neues Leben" gewohnt und gespannt, ob sich das miteinander vereinen lässt. Sarah denkt: „Es kann auch sein, dass er ganz schnell wieder in alte Verhaltensmuster zurückgedrängt wird. Das war bei mir so, nachdem ich aus Amsterdam zurückgekommen bin. Natürlich nimmt man was aus dieser Zeit mit, aber ob man seine Vorsätze dann auch verwirklichen kann… Er hat mir auf jeden Fall erzählt, dass ihm Einiges neu bewusst geworden ist und er sich Dinge vorgenommen hat, die er anders machen will."

Lena Knorr hat die Phase des Zurückkommens und der Veränderung schon durchlebt. Sie hat im Sommer 2015 ein dreimonatiges Sabbatical gemacht und ist seit September wieder in Stuttgart. Laut einer Forsa-Umfrage träumen 38% der Deutschen von solch einer Auszeit, andere Studien sprechen sogar von nahezu der Hälfte aller Bundesbürger. Doch die Wenigsten setzen ihre Träume in die Tat um. Lena Knorr gehört zu den geschätzten vier Prozent, die tatsächlich ein Sabbatical machen - Tendenz steigend. Die 30-jährige nahm sich diese Auszeit, da sie eine Pause von ihrem stressigen Alltag brauchte: „Ich habe einen berufsbegleitenden Master in Public Management gemacht. Schon bei Beginn des Studiums war mir klar, dass ich nach dieser Doppelbelastung auf jeden Fall noch einmal eine gewisse Zeit für mich selber möchte. Außerdem war ich schon immer sehr reiselustig." Damit sind ihr genau die beiden Dinge am wichtigsten, die auch bei der Mehrheit der Bevölkerung ganz oben im Ranking stehen. Jeweils 44 Prozent gaben Arbeitsstress und den Wunsch nach mehr und längeren Reisen als Beweggründe für ein Sabbatical an.

In Lena Knorrs Umfeld haben alle sehr positiv auf ihr Vorhaben reagiert und sie bei ihrer Planung immer unterstützt. Drei Jahre lang hat es gedauert, bis sie mit der Organisation ihrer Auszeit zufrieden und fertig war. Einige Leute wollen oder können diese Zeit nicht aufwenden. Daher gibt es inzwischen viele Beratungsstellen, die speziell darauf fokussiert sind, über Sabbaticals zu informieren und bei der Planung und Durchführung zu helfen. Mit dieser Unterstützung können Hoffnungen und Erwartungen oft klarer definiert und auch leichter erzielt werden.

Ein Sabbatical muss gut geplant sein

Lena Knorr berichtet von ihren Hoffnungen und Wünschen für ihr Sabbatical. Quelle: Alina Engfer via Thinglink.com

Diese Hoffnungen teilt sie mit vielen anderen Deutschen. 53 Prozent wünschen sich, nach einer Auszeit ausgeruhter an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Mehr als ein Drittel glaubt, motivierter zu sein und erhofft sich mehr Produktivität. Der Großteil würde während des Sabbaticals gerne sportlichen Aktivitäten wie Wandern oder Tauchen nachgehen. Auch hier gehört Lena Knorr zur Mehrheit. Sie war die meiste Zeit unterwegs, hat einen Segelschein gemacht, lebte für eineinhalb Monate in der Altstadt von Palma auf Mallorca und unternahm einige Kurztrips durch Europa. Zwischendurch war sie manchmal für ein paar Tage zu Hause, aber dann ging es auch schon wieder los zur nächsten Etappe. Bedenken, nach ihrer Auszeit nicht mehr in den normalen Alltag zurückzufinden beziehungsweise es gar nicht mehr zu wollen, hatte sie schon: „Auf der einen Seite habe ich mich wieder sehr auf das Arbeiten gefreut und mich gerüstet gefühlt. Ein bisschen mulmig zu Mute war mir aber trotzdem. Wie komme ich wieder mit dem frühen Aufstehen und den vollen Tagen klar, wie ist es mit den Kollegen? Werde ich überhaupt gebraucht?"

Um ihre finanzielle Sicherheit hingegen musste sie sich keine Gedanken machen. Lena Knorr leitet die Abteilung für Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit beim Amt für Sport und Bewegung in Stuttgart. Dort gibt es bestimmte Modelle für Sabbaticals: „Ich habe eine Zeit lang Vollzeit gearbeitet, da aber nur 80 Prozent meines Gehalts ausbezahlt bekommen. Dafür habe ich während meiner Auszeit dann weiterhin den gleichen Anteil erhalten." Diese Modelle sind hilfreich und ein wichtiger Bestandteil, um überhaupt ein Sabbatical antreten zu können. Doch Lena Knorr erläutert weiter: „Man kann sich natürlich nur eine Auszeit nehmen, wenn der Arbeitgeber dahinter steht. Bei meinem Amtsleiter war das gar kein Problem, da hatte ich wirklich Glück." Hatte sie solch ein Glück auch während ihres Sabbaticals? Haben sich ihre Wünsche und Hoffnungen erfüllt? Und was hat sich verändert seitdem sie zurück ist?

Einfach mal die Seele baumeln lassen

Wie denkt Lena Knorr im Nachhinein über ihre Auszeit vom Job? Und was genau hat sich verändert, seitdem sie wieder da ist? Quelle: Alina Engfer via Thinglink.com

Dass sie mit ihrer Meinung über Sabbaticals nicht alleine ist und die Auszeit immer mehr zum Trend wird, kann man an der gesellschaftlichen Veränderung beobachten. Laut des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln boten 2,6 Prozent der Unternehmen im Jahr 2002 ihren Mitarbeitern die Möglichkeit einer Auszeit an, 2013 waren es schon 16 Prozent. Lena Knorr sagt, sie würde auf jeden Fall noch ein weiteres Sabbatical machen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. „Auch für eine Neuorientierung ist das sehr hilfreich, glaube ich. Man guckt einfach noch einmal von der Meta-Ebene – wo stehe ich, was ist in den letzten Jahren in meinem Leben so passiert? Das ist unheimlich schwer zu schaffen, wenn man sich selbst nicht rausnimmt." Empfehlen würde sie ein Sabbatical „absolut Jedem". „Egal, aus welchem Grund man sich eine Auszeit nimmt – es ist immer eine Bereicherung."

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Über den Autor

Alina Engfer

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Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015