Binge Eating

Wenn Essen zum Feind wird

06.06.2016

Die Nahrungsaufnahme ist für uns Menschen ein Grundbedürfnis, lebensnotwendig und für die Meisten ein Genuss. Gerät unser Verhältnis zum Essen durcheinander, hat das schnell weitreichende Folgen. Hanna erzählt ihre Geschichte.

Kein Alkohol, keine Drogen: Nahrung wird für Betroffene der Binge-Eating-Störung zum Suchtmittel. | Foto: Kim Späth

Besonders abends kann Hanna (Name von der Redaktion geändert) dem Kühlschrank nicht widerstehen. Sie isst, wie fremd gesteuert, und sie fühlt weder Hunger noch Sattsein. 27 000 Kalorien: 15 Stück Butter, 5 Kilogramm Schokolade oder 30 Tüten Gummibärchen. Für Hanna kommt es meist etwa zweimal die Woche zu einer unkontrollierbaren Essattacke, bei der sie den Kalorienbedarf von mehreren Tagen innerhalb weniger Stunden verschlingt. Sie leidet an der Suchterkrankung Binge-Eating-Disorder, einer recht unbekannten und wenig erforschten Essstörung. Von 100 Menschen sind etwa ein bis vier von der unkontrollierbaren Sucht nach Essen betroffen. Das Meiste spielt sich im Verborgenen ab. Eltern, Freunde oder Kollegen ahnen oft nichts von den heimlichen Essgelagen.

Hanna über ihr Schicksal und den Weg in die Esssucht

Anzeichen Binge-Eating-Störung
- Sehr schnelles Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl, Kontrollverlust
- Alleine essen aus Verlegenheit
- Ekelgefühle, Schuldgefühle
- Essen aufgrund verschiedenster Gefühle
-Mindestens 2 Essanfälle pro Woche über einen Zeitraum von mehreren Monaten
-Teste dich selbst

Wer ist gefährdet?

Die Gründe, warum Menschen eine Binge-Eating-Störung entwickeln, sind sehr unterschiedlich. „Oftmals sind es attraktive, erfolgreiche Frauen, die an sich selbst den Anspruch stellen, perfekt zu sein", sagt Iris Augenstein, Psychotherapeutin und Geschäftsführerin der Beratungsstelle für Essstörungen „Netzwerk looping". „Die Frauen haben nie gelernt, sich und ihren Körper richtig wertzuschätzen. Sie mögen sich selbst nicht und kompensieren nicht verarbeitete Gefühle mit übermäßigem Essen."

Am häufigsten treten die unkontrollierbaren Essattacken erstmals zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf. Es sind allerdings nicht nur Frauen, die an Binge-Eating erkranken. Rund ein Drittel der Betroffenen sind Männer – damit ist der Anteil an erkrankten Männern viel größer als bei anderen Essstörungen wie Magersucht oder der Bulimie. Da die Betroffenen nach der Essattacke keine Gegenmaßnahmen wie Erbrechen oder übermäßigen Sport betreiben, neigen sie meist zu Übergewicht.

Zwischen Ekel, Völlegefühl und Suchtbefriedigung

Leide ich nun an der Binge-Eating-Störung, wenn ich abends vor dem Fernseher eine Tafel Schokolade verschlinge oder mir die Tüte Chips das Gefühl des Kontrollverlusts vermittelt? – Nein, beruhigt die Expertin. Essen sei für die Betroffenen keine Reaktion auf Hungergefühle, sondern vor allem eine Befriedigung von emotionalen Bedürfnissen, die ansonsten unerfüllt bleiben. Sobald die Essattacke vorbei ist leiden die Betroffenen unter großen Ekel-, Scham- und Schuldgefühlen und es kann zu depressiven Verstimmungen kommen.

Hilfe suchen
- Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:
(02 21) 89 20 31
-ABAS – Geschäftsstelle des Arbeitskreises Essstörungen Stuttgart
- Netzwerk looping Gesundheitsförderung und Prävention

Langer Weg zur Normalität

Es dauert meist lange, bis die Betroffenen genug Mut gesammelt haben, um sich jemandem anzuvertrauen und Hilfe zu suchen. Familien sind oft überfordert, Kollegen oder Freunde ahnen nichts. „Sobald ihr Mann und ihr Kind eingeschlafen waren, fuhr sie zu einem Fast Food Restaurant und kaufte sich dort zehn Burger, um ihre Sucht zu befriedigen", erzählt Augenstein von einer Betroffenen. Um sich aus der Suchtspirale zu befreien, ist eine Therapie sehr wichtig. „Je früher die Behandlung beginnt, desto größer sind die Heilungschancen", gibt Augenstein zu bedenken. Der Umgang mit Essen bleibe für viele ein Leben lang problematisch. Durch Psychotherapie wird in 80 Prozent der Fälle eine Verminderung der Essanfälle erreicht, mehr als die Hälfte der Betroffenen können vollständig geheilt werden. Der Schritt aus dem Verborgenen in die Öffentlichkeit ist zwar schwer, lohne sich aber in jedem Fall, betont Augenstein. Auch Hanna kämpft noch mit ihrer Sucht. Trotz zahlreicher Therapien und Gesprächen mit Psychologen quälen Sie immer wieder Ess-Attacken. Sie ist aber zuversichtlich, den Kampf um Normalität zu gewinnen und rät jedem Betroffenen, sich Hilfe zu suchen.

Die Esssucht besiegen

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Über den Autor

Kim Jennifer Späth

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016