Schulversager trotz hohem IQ

Wenn Hochbegabung unsichtbar bleibt

25.05.2016

Julia ist hochbegabt. Trotzdem möchte ihre Mutter Alexandra Petersen nicht, dass sie darüber spricht. Denn Julia ist zwar vielseitig hochbegabt, aber auch eine Underachieverin. Von Underachievement spricht man dann, wenn trotz weit überdurchschnittlicher Begabung nur durchschnittliche oder gar unterdurchschnittliche Leistungen in Schule oder Beruf erzielt werden. Wie wird aus diesem Fluch ein Segen?

Probleme in der Schule gibt es auch bei besonders talentierten Kindern | Bild: Adriane Hendlmeier

Im Unterricht hängt die elfjährige Julia ihren Gedanken nach, schaut nur aus dem Fenster. Sie macht sich Gedanken über Dinge, über die sie mit ihren Mitschülern nicht sprechen kann – denn die verstehen sie nicht, beschreibt die Mutter Julias Situation. Julia hat das logische Denkvermögen einer Sechzehnjährigen, es gibt einfach keine gemeinsamen Themen. Dass ihre sozialen und emotionalen Kompetenzen aber trotzdem ihrem Alter entsprechend entwickelt sind, erschwert die Lage zudem. (Anm. d. Red.: Aus Gründen des Personenschutz sind Namen und Bild anonymisiert)

Meine Tochter, ein „Problemkind"

Ein Gesprächswunsch der Lehrerin sorgte bei Petersen zunächst für Verwirrung. Julia ist keine schlechte Schülerin. Oft bringt sie gute Noten mit nach Hause – hin und wieder auch mal nur ein „befriedigend". Kein Grund zur Beunruhigung für Petersen. Im Gespräch mit der Lehrerin wird klar, Julia ist in der Klasse eine Außenseiterin, die nicht am Unterricht teilnimmt. Sie träume ständig und würde nicht aufpassen. Woran das liegt, kann sich die Lehrerin nicht erklären. Für Petersen ist die Situation klar: Ihre Tochter ist unterfordert.

Das Thema Hochbegabung hat sie der Schule gegenüber bewusst nicht erwähnt. Zu häufig erntet Julias Mutter nur Unverständnis: „Eltern wollen sich nur profilieren, das Kind möchte sich von den anderen abheben." Das sind nur zwei von vielen Vorbehalten, die einem begegneten.

Was bedeutet Hochbegabung?
Kinder mit einem Intelligenzquotienten über 120 gelten als überdurchschnittlich begabt, ein IQ ab 130 wird als hochbegabt bezeichnet. Sie zeichnen sich oft durch großen Wortschatz, Ausdauer, Kreativität und ein hervorragendes Gedächtnis aus. Mehr dazu bei SmartKids Aschaffenburg e.V.

„Dass Hochbegabte keine Förderung brauchen, ist ein Mythos"

Eine allgemein gültige Definition für das Phänomen Underachievement gibt es nicht. Eigentlich heißt es: Der Betroffene schöpft seine Leistungsmöglichkeiten trotz Hochbegabung nicht aus. Auch herrscht Uneinigkeit darüber, was Hochbegabung ausmacht. Unterschiedliche Dimensionen werden herangezogen: Die einen lassen den Intelligenzquotienten allein entscheiden, die anderen beziehen unterschiedliche psychosoziale Umweltfaktoren mit ein.

Zu diesen psychosozialen Umweltfaktoren gehören verschiedene Einflüsse, die das Underachievement verursachen können. Hartmut Bernart von der Lerntherapeutischen Einrichtung (LTE) in Degerloch beschreibt: „In den meisten Fällen kann man davon ausgehen, dass familiäre und psychische Störungen dahinter stecken." So kann die Trennung der Eltern oder Traumata durch Mobbing oder Missbrauch zu Underachievement führen. Eine genaue Ursachenermittlung für das Underachievement ist häufig gar nicht möglich.

Vor allem sei Hochbegabung und Underachievement weit mehr als „Good Will Hunting": Der Film-Klassiker mit Robin Williams und Matt Damon zeigt den Weg des vorbestraften Will, der durch Zufall das mathematische Genie in sich entdeckt. Viele Filme beschreiben fälschlicherweise Hochbegabte als Jugendliche „zwischen Genie und Wahnsinn", meint Bernart.

Ist Hochbegabung wirklich etwas Besonders?
Statistisch sind 2 Prozent der deutschen Bundesbürger hochbegabt - das sind 1,6 Millionen Menschen. In einem Fußballstadion mit 50.000 Besuchern findet man also 1.000 Hochbegabte. Mehr dazu beim Institut für Leistungsentwicklung.

Der Teufelskreis aus Hochbegabung, Unterforderung und Underachievement

Einen wirklichen Ausweg gibt es nur für Underachiever, bei denen man frühzeitig in der Schule die Ursachen erkennt. Eine professionelle Diagnostik und anschließende Evaluation der Schwächen und Stärken des Betroffenen sind dabei unerlässlich, um geeignete Maßnahmen bis hin zu Psychotherapien einleiten zu können.

Noch wichtiger als die Diagnostik ist die Offenheit des Betroffenen für Veränderung. „Hilfe von außen ohne eine Änderungsbereitschaft bedeutet Druck", erklärt Bernart. Empfehlenswert sei bei Kindern auch eine Co-Therapie für die Eltern, die oft lernen müssen, realistische Erwartungen zu entwickeln und das Verhalten des Kindes zu verstehen.

Bei Erwachsenen gestaltet sich alles noch schwieriger, meint Bernart. Auch dort können durchaus Erfolge erzielt werden, aber viele Möglichkeiten, die der Underachiever in der Jugend gehabt hätte, sind unwiederbringlich dahin.

„Nur weil man es weiß, hat man noch lange nicht aufgehört es zu sein"

Genau deshalb tut sich Peter B., ein erwachsener Underachiever, auch heute noch schwer. Aufgewachsen ist er bei seiner alleinerziehenden Mutter, die sich zwar große Mühe gab, aber doch nicht gegen seine absolute Unlust zu Lernen ankam. Diese Unlust war so ausgeprägt, dass Peter sein Abitur nicht schaffte.

„Als ich erfahren habe, dass ich trotz Begabung ein Underachiever bin, hat das zunächst sicherlich ein Stimmungstief ausgelöst. Ich war erst einmal frustriert über den eigenen Lebenslauf.", erklärt Peter. Bis er akzeptiert habe, dass es einfach Umstände wie die Trennung seiner Eltern gab, die diese Entwicklung begünstigt haben, dauerte es eine ganze Weile.

Heute tue ihm vor allem die Arbeit für einen bekannten Hochbegabten-Verein gut, für den er im Vorstand und in der Elternberatung tätig ist. Und er lerne gerne Dinge, um seine Allgemeinbildung zu erweitern – „das rasche Denken ist mir geblieben". Insgesamt habe es lange gedauert und vieler Gespräche bedurft, bis er mit sich und seiner Situation ins Reine gekommen sei.

„Manchmal lässt man es lieber ruhen"

So viel Offenheit wie von Peter ist bei weitem nicht bei allen Betroffenen vorhanden. Viele sind schon „über Jahrzehnte in ihrer Nische gefangen", erklärt Peter. Man wisse nie, wie die Menschen auf die späte Erkenntnis einer vorhandenen, aber nicht erkannten Hochbegabung reagieren. Häufig erweise man älteren „Underachievern", die sich ihr Leben eingerichtet haben, keinen Gefallen mit Hilfen zur Veränderung. Denn nicht nur Hilfe ohne Änderungsbereitschaft, sondern auch ohne wirkliche Änderungsmöglichkeiten bedeutet Druck.

Julia hat also dank ihres jungen Alters noch Chancen, aus diesem Teufelskreis zu entkommen. Die ersten Maßnahmen leitet ihre Mutter schon ein, besucht mit ihr Hochbegabten-Treffen und schickt sie zu Veranstaltungen des Freiburg-Seminars für Mathematik und Naturwissenschaften, die Hochbegabte Kinder speziell fördern.

Häufigkeit der Underachiever unter den Hochbegabten | Grafik: Adriane Hendlmeier via Piktochart

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Über den Autor

Adriane Hendlmeier

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016