Canto Elementar

Wenn jung und alt gemeinsam singen

05.07.2017

Singen macht glücklich, da sind sich viele Forscher einig. Aber Musik kann noch mehr. Canto Elementar will Generationen verbinden und das Volkslied wieder in Deutschlands Kindergärten bringen. Eine Geschichte über Senioren und Kindergartenkinder, die eine verlorene Alltagskultur wieder zum Leben erwecken.

Die Kinder tanzen im Singkreis zu „Brüderchen, komm tanz mit mir" | Foto: Canto Elementar

Beherzt schlägt Adele Weidlich in die Saiten ihrer Gitarre. Noch einmal nachstimmen. Gleich geht es los, die Kinder warten schon. 31 Jahre ist sie alt, die Gitarre. Und die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Der Lack auf dem Griffbrett nutzt sich langsam ab, hier und da sieht man eine Macke. Adele kümmert das wenig. „Das ist kein Vorführ- sondern ein Herzensprojekt", sagt sie und lacht.

Das Projekt, von dem sie spricht, heißt Canto Elementar. Es soll Generationen verbinden und eine Kultur wieder auferstehen lassen, die in Deutschland fast verschwunden ist – die Kultur des unbekümmerten Singens.

Singoma und Singopa

Adele ist eine von vielen „Canto-Trainerinnen" aus dem ganzen Land. Sie will die Musik wieder in Deutschlands Kitas bringen. Begleitet wird sie dabei stets von etwa zehn ehrenamtlichen Senioren, den Singpaten.

Gemeinsam singen sie Volkslieder, wie „Die Gedanken sind frei" oder „Häslein in der Grube". „Dabei entsteht eine wunderbare soziale Wärme", sagt Adele. „Viele Kinder suchen sich ihren Lieblingsopa oder ihre Lieblingsoma und bauen da einen wunderbaren Kontakt auf. Sie fühlen sich geborgen im Singkreis und trauen sich aus dieser Geborgenheit heraus viel mehr als im normalen Kindergartenalltag."

Das Projekt ist 2006 in Hamburg gestartet und seitdem schnell gewachsen. Mittlerweile nehmen rund 230 Kitas aus ganz Deutschland und etwa 2.000 Ehrenamtliche an dem Projekt teil. Adele war von Anfang an mit dabei. Im Kreis Kaiserslautern betreut sie 20 Kindergärten. Die Musik zieht sie auch nach elf Jahren noch in ihren Bann. „Manchmal passiert es mir immer noch, dass ich nach der Singstunde ins Auto steige und anfange zu weinen, weil es schon wieder so schön war", sagt die „Canto-Trainerin".

Zwei Jahre läuft die Förderphase, in der die Kitas intensiv durch den Canto-Trainer betreut werden. Danach sind die Kindergärten meist so selbstständig, dass die Singpaten und die Erzieher die wöchentlichen Singstunden selbst halten können.

Adele Weidlich musiziert auch zuhause gerne mit ihrer 31 Jahre alten Gitarre | Foto: Adele Weidlich

Die Geschichte eines Zerfalls?

Schon als die Menschheit noch in den Kinderschuhen steckte, spielte Singen eine große Rolle. Es gehörte zur Alltagskultur und sorgte für sozialen Zusammenhalt. Wie kam es also, dass diese Form der Kommunikation immer mehr verschwand?

Für Karl Adamek, Musikpsychologe und Initiator von Canto Elementar, liegt eine Ursache des Problems im Zweiten Weltkrieg. Das Volkslied wurde damals von den Nazis für ideologische Zwecke missbraucht. In der Nachkriegszeit galt singen daher bei vielen Pädagogen als problematisch. Mitte der 60er-Jahre wurden Singen und Musizieren aus dem Ausbildungsplan vieler Lehrer und Erzieher gestrichen. Von da an verschwand die Kultur schrittweise. Auch in den heimischen Kinderzimmern ist dieser Trend schon angekommen. Laut einer Umfrage des Apothekenmagazins „Baby und Familie" verliert das Schlaflied in vielen Familien an Bedeutung. Nicht einmal jedes zweite Kind wird noch in den Schlaf gesungen. Ganz verloren scheint die Kultur aber noch nicht zu sein. Eine Umfrage des Deutschen Musikrats zeigt, dass 26,5 Prozent der 9- bis 12-Jährigen regelmäßig singen. Ein Instrument spielen sogar 43,9 Prozent der Jugendlichen der selben Altersgruppe. Auch Karl Adamek beobachtet, dass allmählich das Bewusstsein zurückkehrt, dass singen und musizieren wichtig sind.

Musik im Blut

Wenn es nach Adamek geht, sollte Singen wieder in die Erzieherausbildung aufgenommen werden. Die Paten seien trotzdem unentbehrlich. „Kinder lernen singen von Menschen, die gerne singen, weniger von denen, die es nur für pädagogisch wichtig halten", so der Musikpsychologe. Die Singpaten sollen diese Leidenschaft mitbringen. „Die sind mit den Volksliedern aufgewachsen, die haben sie im Herzen und bringen unbewusst so viel Lebenserfahrung mit", bestätigt auch Adele. „Das kann keine Erzieherin, auch wenn sie noch so gut ist, leisten."

Wanda Stark ist eine dieser Singomas mit Lebenserfahrung und Musik im Blut. Die 62-jährige hat schon in ihrer Kindheit viel gesungen und ist auch heute noch Mitglied im Kirchenchor. Dort stellte Adele Weidlich eines Tages das Projekt vor. Wanda Stark war sofort begeistert. Als erste hat sie sich angemeldet und ist nun seit fünf Jahren mit dabei.

Wanda Stark ist Singpatin mit Leib und Seele. Jeden Donnerstag besucht sie die Kita Morlautern um mit den Kindern zu musizieren. | Quelle: Eva Mieves

Staubwischen für die Seele

Canto Elementar soll vor allem Spaß vermitteln. Spaß am Singen, am Volkslied und an der Musik. Die Idee des Projekts aber geht tiefer. Initiator Adamek hat selbst geforscht und ist von der Wirkung der Musik auf die Entwicklung überzeugt. „Es ist wissenschaftlich belegt, dass Singen die Gesundheit fördert", sagt er und verweist auf seine Studie „Singen in der Kindheit". 500 Vorschulkinder wurden untersucht: Einige von ihnen sangen viel, andere wenig bis gar nicht. Die Kinder, die viel sangen, wurden zu 89 Prozent als schulfähig eingestuft. Bei der zweiten Gruppe waren es nur 44 Prozent. Glaubt man den Forschungen des Neurobiologen Gerald Hüter, ist dieses Ergebnis wenig überraschend. Laut Hüter aktiviert Singen die emotionalen Zentren im Gehirn und macht deshalb glücklich und gesund.

Nun ist nicht jedes Kind ein begeisterter Sänger. Karl Adamek findet – kein Problem. „Das Singen mit den Singpaten ist freiwillig. Es gibt Kinder, die sitzen ein halbes Jahr nur still dabei und plötzlich, von einem auf den anderen Tag, fangen sie an zu singen und kennen alle Texte."

Solche Momente hat auch Adele Weidlich schon erlebt. „Singen ist wie Staubwischen für die Seele", sagt sie, „und man weiß ja, wie es zuhause aussieht, wenn man vier Wochen nicht staubgewischt hat."

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Über den Autor

Eva Mieves

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017