Körperkunst

Wenn Künstler unter die Haut gehen

19.12.2016

Bunte Motive mit Tinte und Nadeln permanent in die Haut eingebracht: Die Kunst auf dem Körper ist wohl so individuell wie ihre Künstler selbst. Eine Handschrift, die von Tätowierer zu Tätowierer nicht unterschiedlicher sein könnte.

Mit der elektrischen Tätowiermaschine werden Bilder für immer unter die Haut gestochen. | Quelle: Lina Breitenbürger, Paula Longin

Die Markiererin

„Tattoos sind für immer, individuell und es ist Kunst – Körperkunst."

Ein Motto, dem sich Viviana Troiano ganz und gar verschrieben hat. Die junge Frau mit den leuchtenden Augen heißt uns in ihrem ersten eigenen Tattoostudio in Stuttgart-Rohr willkommen. Ihr Studio „P!ks" ist wie sie selbst: klein, bunt, etwas chaotisch, aber voller Lebenslust. Spätestens als ihr ansteckendes Lachen den Raum erfüllt, wird uns klar, dass es keinen Ort gibt, an dem sie mehr aufgehen könnte.
Die Künstlerin sticht seit rund zwei Jahren unter dem Künstlernamen Ceesira, doch den Wunsch nach einem eigenen Tattoostudio hatte sie schon früh. Von klein auf fand ihre Fantasie den Weg auf Papier, auf Tische, auf die Arme ihrer Sitznachbarn in der Schule. „Mein Papa hat jede Woche Säcke voller Bilder wegschmeißen müssen, so viel habe ich gemalt", gibt sie schmunzelnd zu.
Nach ihrem Realschulabschluss folgte zunächst eine Ausbildung zur Grafikdesignerin. Ihrem Traum kam sie mehr oder weniger durch Zufall näher. Als sie neben ihrer Ausbildung in einer Bar arbeitete, wurde Björn Schmidt – ein Tätowierer aus Filderstadt – auf ihre Zeichnungen aufmerksam. „Wenn du das, was du auf dem Papier hinbekommst, auch auf meiner Haut hinbekommst, dann arbeitest du für mich", war der Satz, der Vivianas Leben auf einen Schlag veränderte. Ihre ersten Versuche an der Tätowiermaschine sind immer noch unglaublich präsent – so beeindruckt war sie von der Endgültigkeit ihrer Arbeit.

Viviana „Ceesira" Troiano gibt einen Einblick in ihre Gefühlswelt während ihrer ersten Stech-Versuche.

Auch gerade deswegen legte ihr damaliger Mentor Schmidt viel Wert darauf, ihr den richtigen Umgang mit der Versorgung von Tattoos zu vermitteln. „Tätowierer ist kein anerkannter Beruf in Deutschland. Den kann man in keiner Ausbildung lernen", erklärt Viviana uns weiter. Theoretisch könne sich jeder eine Maschine im Internet bestellen und loslegen. Jedes Tattoo sei jedoch eine Arbeit an einer offenen Wunde und damit ein kleiner operativer Eingriff, weswegen die 21-Jährige hier ein großes Risiko sieht.
Sie spricht dabei mit einer Selbstverständlichkeit und Reife, die man kaum erwarten würde. Trotz ihres jungen Alters weiß sie um ihre Verantwortung und ist sich ihrer Sache sicher. Vielleicht ist es auch deswegen so überraschend, dass sie selbst kein einziges Tattoo ziert. Das Problem sei die Entscheidung für etwas, das ihr für immer gefallen müsse, führt die Tattoo-Künstlerin aus. Für sie unvorstellbar. Ihr Studio soll allerdings ein Ort für all diejenigen sein, die dafür bereit sind. Die Motive entstehen gemeinsam. Eine grobe Idee verwandelt sich durch Vivianas Feder in ein Kunstwerk, das vor allem eines ist: so einzigartig wie sein zukünftiger Besitzer.

„Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch hat eine unglaubliche Persönlichkeit; ich darf das jeden Tag aufs Neue kennenlernen. Da muss auch dieses Tattoo perfekt an den Kunden angepasst sein."
In welcher Rolle sie sich selbst dabei sieht? Die Kunst am Körper anderer sei schlichtweg erfüllend: „Das ist eine unglaubliche Leere, die gefüllt wird: Von dem Bild das ich auf der Haut zeichne und dem Menschen, der vor mir sitzt und mir seine Geschichte erzählt." Das Lächeln ihrer zufriedenen Kunden ist für sie die größte Belohnung.

Die Tätowiererin verrät, was sie bei ihrer Arbeit antreibt.

Der Sammler

So unterschiedlich und individuell wie die Kunst sind auch ihre Künstler. Claus Neugart arbeitet seit 1994 als Piercer im Tattoostudio seines Bruders. Seit ungefähr sechs Jahren tätowiert auch er im Tattoo und Ethnoshop. Zunächst per Hand, dann ebenfalls mit der Maschine. Er selbst ist eine wandelnde Leinwand, vereint verschiedene Arten der Körperkunst eindrucksvoll auf seinem Körper. Die Motive gehen größtenteils weg von der Moderne, hin zum Ursprung der Tattookunst. „Mein Ziel ist es, sämtliche traditionelle Stile auf mir drauf zu haben", erklärt er stolz. Viel fehlt ihm dazu nicht.

Der Tätowierer Claus Neugart vereint verschiedene traditionelle Tattostile auf seinem Körper. Fahre über die einzelnen Tattoos und erfahre mehr über ihre Geschichte.|Quelle: Lina Breitenbürger, Paula Longin

Aus der Sammelleidenschaft seines Vaters für ethnologische Gegenstände aus Afrika und der Südsee entwickelte sich schon früh sein Interesse für das künstlerische Handwerk dieser Stämme. Eine Leidenschaft, die Claus Neugart bis heute behalten hat. So findet sie sich nicht nur auf seiner Haut, sondern auch in seiner Arbeit wieder: „Am liebsten tätowiere ich im Stil des Blackwork, Dotwork und Handpoking." Für ihn die perfekte Möglichkeit, Spaß und Tradition zu vereinen, denn als Künstler sieht er sich selbst nicht.
Es bereitet ihm große Freude, Tattoos zu entwerfen, die Auswahl der Motive überlässt er jedoch seinen Kunden. „So etwas wie das Infinity-Zeichen versuche ich jedem auszureden, wenn es aber jemand unbedingt will, mache ich das natürlich", bemerkt er. Denn in seinen Augen kann er einen gewissen Trend nicht aufhalten: „Tattoos standen für Kultur und Individualismus, sind mittlerweile doch zum Mainstream geworden."

Impressionen aus dem Alltag der Tätowierer

So unterschiedlich die beiden Tätowierer auch sind, verbindet sie doch die Leidenschaft für die Kunst, die unter die Haut geht.

Die Kultur der Tattoos reicht bereits bis ins vierte Jahrtausend v. Chr. zurück und findet seine Wurzeln rund um den Globus. Die Tradition hinter dem Trend ist groß. Doch wie wir nun damit umgehen, ist uns stets selbst überlassen. Bestehen wir auf Einzigartigkeit? Oder lassen wir uns gar vom Mainstream inspirieren?
Das Schöne an dieser Kunst: Sie ist in ihrer Vielfältigkeit an Möglichkeiten und Menschen so unvergleichlich, dass sie schier grenzenlos scheint. Grenzenlos, wie das stetige Surren der Maschine, das wortwörtlich stechende Geräusch. Beängstigend und doch entspannend, beklemmend und doch magisch.

Der Ursprung der traditionellen Tattookunst reicht mehr als 7000 Jahre zurück. | Quelle: Lina Breitenbürger, Paula Longin

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Über die Autoren

Lina Breitenbürger

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016

Paula Longin

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Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016