Mutter(un)glück

Wenn mit dem Baby die Verzweiflung kommt

27.01.2017

Jede siebte Mutter kann nach der Geburt keine Bindung zu ihrem Baby aufbauen. Postpartale Depressionen sind noch immer ein Tabuthema, betroffene Mütter werden oft als Rabenmütter bezeichnet, obwohl sich mittlerweile auch viele Stars öffentlich zu der Krankheit bekennen. Zwei Experten und eine Betroffene berichten.

Wenn Mütter unter postpartalen Depressionen leiden, fühlen sie sich vom Muttersein oft überfordert. | Bild: Lisa Christin Lang, Lorena Metzger

Magda sitzt am Fenster, ihr Blick schweift in die Ferne, sie wirkt, als wäre sie ganz weit weg. Ihren Sohn Finn, der neben ihr in seinem Kinderwagen liegt, nimmt sie kaum wahr. Als Finn zu schreien beginnt, zuckt sie zusammen und sieht sich hilflos um, als sei sie sich nicht sicher, wie sie reagieren soll. Erst als Magdas Mann Stefan ins Zimmer kommt, um Finn zu beruhigen, entspannt sich ihr Blick ein wenig und sie wirkt erleichtert.

Magda leidet an einer postpartalen Depression, die es ihr unmöglich macht, sich um ihr Kind zu kümmern. Sie fühlt sich überfordert, antriebslos und ausgelaugt. Finns Schreien macht ihr Angst und sorgt für Panik, Gefühle der Mutterliebe kann sie nicht empfinden.

„Ich wusste bereits vier Wochen nach der Geburt, dass mit mir etwas nicht stimmt und habe mir große Vorwürfe gemacht, da ich dachte, ich sei eine schlechte Mutter", sagt sie. „Als dann die Diagnose postpartale Depression kam, war ich fast schon froh, denn das bedeutet immerhin, dass ich nichts für meine fehlenden Muttergefühle kann."

Doch nicht nur für Magda ist die Situation schwer. Stefan wird nun doppelt belastet. Neben seiner zeitaufwändigen Führungsposition ist er auch für Finns Versorgung zuständig. Anfangs fiel es ihm schwer zu verstehen, weshalb Magda sich ihrem Kind gegenüber so abweisend verhielt. „Finn war ein Wunschkind", berichtet er. „Wir haben lange versucht, ein Baby zu bekommen und als es endlich klappte, waren wir überglücklich. Bis zur Geburt – danach änderte sich alles." Auch die Verwandten reagierten zunächst mit Unverständnis, so Stefan. „Jeder geht davon aus, dass man nach der Geburt eines Kindes überglücklich ist. Keiner versteht, dass auch das Gegenteil der Fall sein kann."

Was sind postpartale Depressionen?

Grafik: Lisa Christin Lang, Lorena Metzger via Piktochart

Eine postpartale Depression tritt meist in den ersten Wochen nach einer Geburt auf, kann jedoch auch innerhalb der ersten beiden Lebensjahre des Kindes auftreten. Die Symptome ähneln einer normalen Depression: Die Mutter fühlt sich erschöpft, überfordert, körperlich angeschlagen und traurig. Teilweise kann sich die Krankheit in Aggressionen gegenüber dem Ehemann oder dem Kind äußern. Auch wenn die Mutter eine Bindung zum Kind aufbauen möchte, fällt ihr dies aufgrund der Symptome äußert schwer und sie fühlt sich bereits von kleinsten Aufgaben völlig überfordert. Hilflos zieht sich die Mutter dann emotional zurück.

Viele Frauen schämen sich für ihre Krankheit. Sie fühlen sich, als hätten sie als Mutter versagt und glauben, die Gesellschaft verurteile sie für ihr Verhalten. Tatsächlich ist die Wochenbettdepression noch immer ein Tabuthema, das in der Öffentlichkeit lieber verschwiegen, als offen diskutiert wird.

Ärztin und Psychotherapeutin Beate Schwämmle berichtet über Ursachen und Behandlung postpartaler Depression.

Der Krankheit kann nicht vorgebeugt werden

Frauenärztin Dr. Birgit Stahl weist außerdem darauf hin, dass postpartale Depressionen nicht vermieden werden können. Während der Schwangerschaft gibt es meist keine Vorzeichen für eine spätere Erkrankung. Dennoch kann der Frauenarzt die schwangere Frau zu ihrer Vorgeschichte befragen, um das Risiko für eine spätere Erkrankung besser einschätzen zu können.

„Wenn eine Mutter bereits nach einer früheren Schwangerschaft eine Wochenbettdepression hatte, wird man ihr Verhalten in den ersten Wochen nach der Geburt aufmerksamer beobachten und gegebenenfalls frühzeitig Maßnahmen ergreifen", sagt Dr. Birgit Stahl.

Wichtig ist, dass die Krankheit schnell erkannt wird und die Mütter Hilfe bekommen, entweder durch ambulante Maßnahmen in Form von Gesprächstherapie oder – in schweren Fällen – durch stationäre Klinikaufenthalte. Auch Antidepressiva können unterstützend eingenommen werden.

Umgang mit postpartalen Depressionen

Grafik: Lisa Christin Lang, Lorena Metzger via Piktochart

Postpartale Depressionen belasten die ganze Familie, aber es gibt Hoffnung

Für Magda und Stefan war die Situation anfangs sehr belastend. „Wir wussten nicht, ob es Magda jemals besser gehen würde", gesteht Stefan. „Aber dann fand Magda Halt in einer Selbsthilfegruppe." Viele Vereine bieten Selbsthilfegruppen für Mütter an. Dort treffen sich Betroffene und sprechen über ihre persönlichen Probleme. So fühlen sich die Frauen nicht alleine und bekommen Verständnis für ihre Situation.

Mittlerweile wollen auch berühmte Persönlichkeiten wie Adele oder Hayden Panettiere anderen Müttern Mut machen und die Tabuisierung des Themas bekämpfen, indem sie über ihre postpartalen Depressionen sprechen. So werden Mütter irgendwann hoffentlich statt Vorurteilen mehr Unterstützung und Verständnis erhalten.

Auch Magda geht es dank der Therapie mittlerweile besser. Auch wenn sie erstmal keine weiteren Kinder möchte, sagt sie: „Ich freue mich darauf, irgendwann ein ganz normales Familienleben zu haben." Sie streichelt Finn über den Kopf und blickt wieder aus dem Fenster. Diesmal lächelt sie.

Anlaufstellen für Betroffene
Der Verein Schatten und Licht e.V. informiert über postpartale Depressionen und unterstützt betroffene Mütter im Umgang mit der Krankheit. Zudem bietet er auch eine Kontaktliste mit Selbsthilfegruppen und behandelnden Therapeuten.

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Über die Autoren

Lisa Christin Lang

Unternehmenskommunikation Master
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17

Lorena Metzger

Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17