Von schwofen bis abfiedeln

Wenn Smombies auf der Gammelfleischparty steil gehen – Sprachwandel oder Sprachverfall?

18.01.2016

Die Jugendsprache – von den Jungen genutzt, von den Älteren belächelt oder sogar gefürchtet. Die Sprache befindet sich im ständigen Wandel. Alte Wörter verschwinden und neue, heutzutage oft englische, Begriffe ziehen in unseren Wortschatz ein. Warum also wird nicht mehr geredet, sondern „getalked“?

Eine Welt für sich ist die Jugendsprache ohne Frage. Da sitzt man nicht mehr einfach nur in geselliger Runde zusammen, nein, man trifft sich zum Chillen. Statt einfach nichts zu tun, wird „rumgemerkelt". Und wenn einmal etwas nicht so klappt, wie sich der Jugendliche das vorgestellt hat, dann gilt das Grundprinzip: You only live once, kurz: Yolo.

Die Jugendsprache lebt von Fantasiebegriffen und erfundenen Wörtern. Besonders deutlich zeigt sich das beim diesjährigen Jugendwort „Smombie". Dieses setzt sich aus den Wörtern Smartphone und Zombie zusammen und soll einen Menschen beschreiben, der wegen seines ununterbrochenen Starrens auf den Handybildschirm nicht mehr allzu viel von seiner Umwelt mitbekommt und dadurch wie ein Zombie durch die Gegend wandelt.

Straßenumfrage zur Jugendsprache

Wir wollten von Stuttgarter Passanten im Alter zwischen 14 und 65 Jahren wissen, wie sie die Jugendsprache wahrnehmen oder nutzen und ob es in ihren Augen einen Sprachwandel gibt.

Kennst du denn das Wort Smombie? Wenn nicht, gehörst du zur Mehrheit. Doch das ist kein Makel. Denn nun einmal ehrlich: Wie oft würdst du das Wort, wenn du es denn kennen würden, nutzen? Die Neuerscheinung „Smombie" bleibt kein Einzelfall. Auch andere Faktoren deuten auf einen Wandel der Sprache hin. So etwa das „Verschwinden" von Wörtern. Ein Beispiel hierfür ist das Wort „Tonbandgerät", wie Dr. Annette Trabold vom Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim mitteilt. Doch bevor man sich mit dem Verschwinden und Neuerscheinen von Wörtern beschäftigt, muss man erst einmal die Frage klären, was die deutsche Sprache überhaupt ist. Trabold erklärt hierzu, dass die deutsche Sprache immer nur das sei, was wir zum aktuellen Zeitpunkt an gesprochener und geschriebener Sprache nutzen. Sprache existiere nur, wenn wir sie sprechen, so die Expertin.

Wie Innovationen den Sprachgebrauch ändern

So wird ein Wandel nicht nur durch die Sprache selbst hervorgerufen, sondern durch unterschiedlichste Faktoren bedingt. Dazu gehören laut dem deutschen Sprachwissenschaftler Peter von Polenz die Ökonomie, Variation, Evolution und Innovation. Letztere nennt auch Trabold. Der Wandel habe nicht nur mit den technischen Möglichkeiten zu tun, sondern auch mit Innovationen, für die wir neue Wörter benötigten, so die Sprachwissenschaftlerin. Eine solche Innovation ist etwa das sogenannte „Smartphone". Vor dieser technischen Grandiosität gab es keine Notwendigkeit, ein solches Wort zu haben, geschweige denn zu nutzen. Doch mit dieser und vielen anderen Neuerungen kamen auch neue Wörter.

Einfluss von allen Seiten

Im Fall des „Smartphones" kommt noch hinzu, dass es ein Anglizismus ist und die englische Sprache immer mehr Einzug ins Deutsche hält. Annette Trabold erläutert hierzu, dass die deutsche Sprache als solche gar nicht existiere. Nehme man als Beispiel an: Du sitzt in deinem Büro, trägst eine Bluse, schaust aus dem Fenster und trinkst einen Kaffee. So ist nur ein Bruchteil der genannten Wörter „deutsch". Die deutsche Sprache habe sich im Laufe der Zeit aus verschiedenen Sprachen zusammengesetzt, so die Expertin. In diesem Fall ist das „Fenster" lateinischen Ursprungs und der „Kaffee" ist italienisch. Das Ganze habe sich über Jahrhunderte hinweg eingeschlichen, wie Trabold erklärt. So waren damals etwa die Römer und ihr Latein eine Leitkultur wie es heutzutage die US-Amerikaner sind. Daher und aufgrund der Army-Soldaten in der Nachkriegszeit sei die heutige Sprache immer mehr von Anglizismen beeinflusst. Beispielhaft dafür ist für Trabold der Sport. Schaut man auf die Spielfelder der Nation, wird statt Federball Badminton gespielt, es wird gesurft und nicht auf Wellen geritten und man fährt Mountainbike anstatt Fahrrad.

Eine typische Konversation zwischen zwei Jugendlichen. Foto: Luisa Merklinger und Julia Falk

Den Gebrauch von Anglizismen sieht die Expertin vor allem als das Setzen eines modischen Signals. Große Firmen etwa unterstreichen mit der vermehrten Nutzung der englischen Sprache ihre Internationalität. Annette Trabold sieht das nicht als Problem an. Viel mehr aber, dass Deutsch als Wissenschaftssprache von unseren britischen Nachbarn verdrängt werde, da in diesem Bereich immer mehr auf Englisch publiziert werde. Doch auch wenn man sich nun denkt, dass man von Anglizismen nahezu überflutet wird, beteuert Trabold das Gegenteil. Der Anteil an Anglizismen ist laut der Expertin nicht besonders hoch, der an etwa lateinisch geprägten Wörtern dafür umso höher. Anschaulich lässt sich das mit Blick auf die Musik erklären: Betrachtet man die Noten zu klassischen Musikstücken, ist in kleiner Schrift „forte" oder „piano" vermerkt.

Teil der Identität

Sprache als Rückzugsort kann sich die Expertin gut vorstellen, denn: „Egal, wie gut man eine Fremdsprache beherrscht, in der eigenen Sprache kann man immer am besten denken." Laut Trabold werden die Menschen weiterhin in ihrer Muttersprache sprechen, „denn die gehört zu unserer Identität." Von einer Verdrängung ganzer Wörter möchte die Sprachwissenschaftlerin nicht sprechen: „Es ist vielmehr einfach so, dass bestimmte Wörter nicht mehr genutzt werden." So etwa der Kassettenrekorder oder das Tonbandgerät. Diese Begriffe seien durch zeitgemäße Wörter ersetzt worden. Angepasst habe sich auch so mancher Dialekt. „Heutzutage wird immer mehr das Standarddeutsch verlangt. Wenn man etwa aus der Kurpfalz kommt und nach Hamburg geht zum Studieren, muss man sich ja auch verständigen können", sagt Trabold. Sonst ecke man an. Früher sei das anders gewesen, so die Expertin. Also: Sprachwandel oder Sprachverfall? Annette Trabold äußert sich dazu so: „Ja, es findet ein Wandel statt. Wir sprechen ja heute auch anders als Goethe." Für die Expertin sind wir der Grund für diese Veränderung. Wir – die Sprechenden – initialisieren das. Wir wandeln uns und die Sprache wandelt sich mit. Also aufgepasst ihr Smombies, Yolos und Swagger – vielleicht sind wir alle ganz bald „hoverboarder" – who knows?!

Die deutschen Jugendwörter von 2008 bis heute

Seit 2008 kürt der Langenscheidt Verlag jährlich ein Jugendwort. Das Bild zeigt, welche Wörter das bisher waren und was sie bedeuten. Foto: Luisa Merklinger und Julia Falk via ThingLink

Alles Neue auf einen Blick

Seit 1997 sammelt die Forschungsgruppe „Neologismen" des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim Wörter, die neu in unseren Wortschatz eingezogen sind. Im Jahr 2004 hat das IDS diese gesammelten Begriffe in einem Buch veröffentlicht.

IDS Mannheim

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Über die Autoren

Julia Falk

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015

Luisa Merklinger

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015