Sneaker-Kult

Wenn Turnschuhe zur Leidenschaft werden

05.02.2017

Sportliche Treter gehören schon lange zum Erscheinungsbild modebewusster Menschen. Mittlerweile sind sie weit mehr als nur Mode-Accessoire und junge Leute campieren für limitierte Paare nächtelang auf offener Straße. Über eine Szene, die sich ein Leben ohne Turnschuhe nicht vorstellen kann.

Für viele Jugendliche sind Schuhe ein wichtiger Teil ihrer Außendarstellung. |Bild: Simon Wörz

„Eigentlich ist es nichts anderes wie mit Briefmarken oder Modelleisenbahnen", sagt Markus und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der Plochinger sammelt seit etwa sieben Jahren leidenschaftlich Turnschuhe. Wann er denn wirklich zum Sneaker-Head geworden ist, kann er heute gar nicht mehr so genau sagen.

Als der Schrank zu klein wurde

Fließend sei seiner Meinung nach der Übergang vom normalen Sneaker-Fan zum passionierten Sammler. Mit der Zeit stieß der heimische Schuhschrank an seine Kapazitätsgrenzen und das Interesse an Turnschuhen ließ einfach nicht nach. Mit zwölf oder dreizehn erinnert er sich, stand Klein-Markus das erste Mal für einen Schuh über drei Stunden vor der Stuttgarter Foot-Locker-Filiale. Dabei ergatterte er ein Modell von Adidas, das damals zu Ehren von Box-Legende Muhammad Ali auf den Markt kam.

Heute besitzt der sympathische Bartträger etwa 130 Paar Turnschuhe. Wie viele es genau sind, kann oder will er nicht verraten. In der Szene prahlt man nicht gern mit genauen Stückzahlen oder dem Wert der privaten Sammlung. Eins gibt Markus aber preis: Insgesamt 365 Paare sollen es zukünftig einmal sein.

Viele Sammler besitzen den gleichen Schuh (hier den Asics Gel Lyte 3 x Alife NYC - Monster Pack) in verschiedenen Farben. |Bild: Simon Wörz

Sammler mit Sportschuh-Faible gab es in Deutschland schon vor dem 24-Jährigen, der sich eher in der goldenen Mitte, also zwischen junger und alter Generation verortet. Schon Mitte der neunziger Jahre schwappte die Begeisterung für Sportschuhe über den großen Teich und wurde vor allem von der amerikanischen Basketball- und Hip-Hop-Welle mitgetragen. Es dauerte nicht lange und der Siegeszug des Sneakers als Freizeit- und Straßenschuh begann. Ältere Sammler vermeiden den Begriff „Sneaker" oft absichtlich und sprechen lieber von Sport- oder Turnschuhen. Damit wollen sie an die ursprüngliche Bedeutung erinnern. Dabei sind die Grenzen zwischen Sneaker und explizitem Sportschuh schon lange verschwommen.

Woher kommt der Begriff „Sneaker"?
Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien wurde mit der neu entdeckten Freizeit der Sport immer populärer und die Leute benötigten geeignete Schuhe. Der Name „Sneaker" tauchte erstmals 1870 in US-Zeitungen auf. Das amerikanische Slangwort „to sneak" lässt sich mit „heranschleichen" ins Deutsche übersetzen. Es wurde vor allem von Kindern genutzt, da sie sich auf den neuen Gummisohlen fast lautlos bewegen konnten. Richtig populär wurde der Begriff im Jahr 1917 durch Henry Nelson McKinney, den Vertreter einer New Yorker Werbefirma. Er verwendete den Begriff für eine Kampagne der Schuhmarke „Keds".

Vom Papa abgeguckt

Den Großteil von Markus Sammlung machen Modelle der Marke Puma aus. Die Marotte hat er von seinem Vater übernommen, der das Haus meistens selbst mit Puma-Schuhen verlässt. Von seinen Schätzen trennt sich Markus indes äußerst ungern. Erst drei Paar hat er seit Sammelbeginn verkauft. Im Gegensatz zu anderen Sneaker-Begeisterten kommen bei ihm jedoch alle seine Stücke auch auf der Straße zum Einsatz.

Hier hat Markus einen seiner Favoriten am Fuß, den Puma Comic x Solebox.|Bild: Simon Wörz

Nicht selten trifft sein ungewöhnliches Hobby auf Unverständnis. Von Fremden bekommt Markus manchmal zu hören, dass er doch einen an der Klatsche habe. Vor allem am Anfang wunderten sich seine Eltern noch über die vielen Pakete, die wöchentlich für ihren Sohn abgegeben wurden. Momentan wandert pro Monat durchschnittlich ein Paar in sein Schuhregal.

„Ich muss nicht mehr alles haben."

Sagt Markus heute, und erzählt von einem wilden Wochenende. Vor ein paar Jahren fuhr er mit einem Freund nach Köln, um für einen limitierten Schuh vor dem Store zu übernachten. In der Szene nennt man sowas „Campout". Drei Tage lang verteidigten sie bei Schnee sowie Minusgraden ihren Listenplatz und somit das Kaufrecht auf das Objekt der Begierde. „Dabei wollte eigentlich nur mein Kumpel den Schuh und ich bin halt mit", erinnert er sich lachend. Auf Nachfrage gesteht Markus, dass der finanzielle Aspekt seiner Freizeitbeschäftigung nicht zu unterschätzen ist. Außerdem gibt er zu: „Es ist eine leichte Sucht."

Aber des Geldes wegen aufhören? Kommt für den Bürokaufmann nicht in Frage.

Was macht ein Modell begehrenswert?

Kostbare Exemplare entstammen vielfach Kollaborationen zwischen einzelnen Läden und angesagten Marken, beziehungsweise deren Designern. Für Sammler werden solche Modelle besonders attraktiv, wenn sie auf eine bestimmte Stückzahl begrenzt sind. Für Markus allerdings steht die Optik eines Schuhs an erster Stelle, gefolgt von Verarbeitungsqualität und Tragekomfort.

Eine Erfolgsgeschichte aus dem Hause Adidas schreibt momentan der Yeezy. Entstanden aus einer Zusammenarbeit mit US-Rapper Kanye West entwickelt sich in kurzer Zeit ein unglaublicher Run auf den limitierten Turnschuh. Die Stuttgarter Sneaker-Boutique Suppa gehört zu den wenigen Stores in Deutschland, welche sich die Rechte für den Vertrieb gesichert haben.

Der normale Wahnsinn

Bei der neuesten Auflage des Yeezy bilden sich am Release-Tag schon lange vor den regulären Öffnungszeiten des Suppa lange Warteschlangen. Die angesagten Treter werden hier per „Raffle" verkauft. Im Sneaker-Jargon heißt das, dass die Schuhe vor Ort verlost werden. Stolze 220 Euro kostet ein Paar mit der schaumstoffartigen Boost-Sohle. Wer den Laden mit einer der begehrten weißen Papiertüten verlässt, wird schnell von anderen Interessenten angesprochen. Es lockt ein lukratives Geschäft, denn bereits am selben Tag ist der Schuh im Internet für den doppelten Preis zu finden. Nichts ungewöhnliches: Sogenannte „Reseller" verdienen auf diese Art und Weise viel Geld.

„Das macht ein bisschen was kaputt", findet Markus, der übrigens keinen Yeezy besitzt.

Yeezy Release in Stuttgart

Bilder: Simon Wörz

Auch sonst hat sich im Laufe der Jahre viel verändert, was Marktmechanismen und Szene angeht. Zu Beginn seiner Leidenschaft als Jäger und Sammler kannte Markus die anderen Turnschuh-Enthusiasten aus Stuttgart und der Region noch persönlich. Die Mehrheit war und ist übrigens männlich – so viel zum Klischee der schuhversessenen Frau.

„Heute ist das nicht mehr überschaubar."

Mit diesen Worten beschreibt Markus das Wachstum einer immer größeren und jünger werdenden Szene. Längst reicht ein Instagram-Bild mit dem richtigen Hashtag oder die Mitgliedschaft in einer bekannten Facebook-Gruppe. Auf der anderen Seite gibt es etablierte Veranstaltungen wie die Messe Bread-and-Butter, die alljährlich in Berlin stattfindet und Trends des kommenden Jahres vorstellt. In Stuttgart wird seit 2011 einmal im Jahr die Kicks-N-Coffee organisiert. Eine Plattform, die Sneaker-Begeisterten die Möglichkeit bietet sich auszutauschen und Sammlungen in einem sneaker-affinen Umfeld zu präsentieren. Egal ob Schüler, Gutverdiener oder Familienvater – bei solchen Events kommen alle auf einen gemeinsamen (Schuh-) Nenner, berichtet Markus. Das sei auch das Schöne an der Szene.

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Über den Autor

Simon Wörz

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016