Kunststoff

Wer ist hier der Feind?

03.02.2015

Kunststoffe verschmutzen heute in einem hohen Maße unseren Planeten. Wenn sie aus der Produktwelt heraus in die Umwelt gelangen, führt das zu Problemen. Jeder weiß von den riesigen Müllstrudeln in den Weltmeeren. Bei der Zersetzung geben Kunststoffe giftige und hormonell wirksame Zusatzstoffe wie Weichmacher und Flammschutzmittel in die Umwelt ab. Doch wie kann man Kunststoffe besser machen?

Isabelle Butzmann„Umweltbelastungen durch Kunststoff-Abfälle" (Infografik Isabelle Butzmann)

„Die Bedeutung von Kunststoff nimmt zu", sagt Sascha Roth, Referent für Umwelt- und Ressourcenpolitik des Naturschutzbundes (NABU). Es ersetzt viele Werkstoffe aufgrund seiner einzigartigen technischen Eigenschaften. Kunststoff ist extrem leicht, besitzt eine hohe Festigkeit und Härte, ist temperaturbeständig und wird einfach geformt. So sparen wir beispielsweise im Automobil- und Luftfahrzeugbau enorme Massen ein, indem Kunststoffe anstatt schweren Metallen genutzt werden. Folglich werden der energetische Aufwand, d.h. der Kraftstoffverbrauch, und die damit verbundenen Emissionen erheblich reduziert. Die meisten Kunststoffe können zudem sehr oft wiederverwendet werden und schneiden dadurch oftmals in der Ökobilanz besser ab als andere Werkstoffe. Stefan Albrecht vom Fraunhofer Institut in Stuttgart bemerkt dazu, dass besonders Kunststoff-Produkte, für die kein Weiter-, Wiederverwendungs- oder Entsorgungskonzept vorliegt, das Abfall-Problem darstellen.

Kunststoff muss also gezielt genutzt werden und darf nicht bei Produkten verschwendet werden, die wir nicht zwingend benötigen. Dabei sollte dieser so lange und häufig wie möglich wiederverwertet werden. Nach Roth soll deshalb die Abfallhierarchie mit den Punkten

  1. Vermeidung,
  2. Wiederverwendung und
  3. Verwertung

beachtet werden. Doch bis zu dieser Optimallösung ist es ein langer Weg, der bisher von unausgereiften Lösungsansätzen und Alternativen begleitet wird. Auch der wachsende Mittelstand in Asien und Südamerika trägt zu diesem Problem bei. Die Nachfrage nach Kunststoffen und das damit verbundene Beseitigungsproblem steigen auch hier rasant an. Die Debatte muss also lauten: Welche Anforderungen müssen wir an einen Kunststoff stellen?

Ist Bio-Kunststoff die Lösung?

Eine mögliche Alternative gegenüber herkömmlichen Kunststoffen stellt der biogene Kunststoff dar. Dieser wird auf Basis von nachwachsenden Rohstoffen (Mais, Zuckerrüben, Kartoffeln) erzeugt. Warum der Bio-Kunststoff bislang kein wirklicher Ersatz ist, aber Hoffnung für die Zukunft besteht, gibt Albrecht in drei Gründen an. „Der Aufwand für die Produktion ist für viele Bio-Kunststoffe bislang noch zu hoch und in der Herstellung bestehen viele technische Hürden. Zudem wachsen Pflanzen von Natur aus ungleichmäßig, was letztendlich zu unterschiedlichen Werkstoffeigenschaften führt." Zusätzlich müssen auch die ethischen Komponenten beachtet werden, wie der Experte hinzufügt.

Es muss die Frage gestellt werden, ob aus Ölpflanzen, die auch zur Ernährung dienen, Produkte und Energie erzeugt werden dürfen, während auf der Welt Menschen verhungern. Aufgrund der ethischen Aspekte sieht auch Roth den Bio-Kunststoff als weniger gute Alternative an. Hinzu kommt, dass Bio-Kunststoff von Recycling-Anlagen nicht erkannt und als Störstoff eingestuft würden. Realistische Alternativen zum Kunststoff existieren demnach noch nicht wirklich.

Das Ziel ist der Produktkreislauf

Statt also den Kunststoff selbst „grüner" zu machen, müssen die Produktkreisläufe mehr gefördert und entwickelt werden. In Deutschland haben wir gelbe Säcke und gelbe Tonnen, um Kunststoffe gezielt entsorgen zu können. „In den meisten Ländern fehlt jedoch eine geregelte Müllentsorgung", so Albrecht. Die Menschen haben dort nicht die Möglichkeit ihren Abfall zu trennen. Dabei gibt es bereits viele Möglichkeiten den Kunststoff zu verwerten. Alles, was wir an Polyestermaterialien als Kleidung tragen, besteht zu großen Teilen aus recycelten Kunststoffbehältern, also aus Ein- und Mehrwegflaschen. Sie werden aufgeschmolzen, gesponnen, modifiziert und letztendlich werden Textile daraus gewebt. Diese Materialien werden besonders in Südostasien produziert. Auch wenn Rohstoffe wiederverwertet werden, müssen hier ethische und umweltliche Zusammenhänge beachtet und grundsätzlich dafür Verantwortung übernommen werden. „Hier kann auch der Käufer von Textilien einiges mit seiner Kaufentscheidung beitragen."

Teils werden auch Produkte aus Kunststoff-Abfällen produziert, denen Ingenieure erst einmal keinen Nutzen zuweisen – z.B. künstlerische Objekte. Doch Albrecht meint auch, dass alles, was nicht unkontrolliert irgendwo landet, zwar schwer zu bewerten sei, an sich aber einen gewissen Nutzen habe. Man schafft schließlich auch ein Bewusstsein dafür, Dinge nicht nur als Abfall zu sehen, sondern als wiederverwertbar. Das schafft Aufmerksamkeit und eine gewisse Sensibilisierung für den Werkstoff.

Die Verwertung von Plastik

(Grafiken Isabelle Butzmann)

Der Fehler liegt bei uns selbst

Nach Albrecht liegt es nicht am Material an sich, sondern wann welches Material wofür eingesetzt wird und ob man die Verantwortung für den Lebenszyklus übernehmen kann. Es muss ein genereller Blick darauf geworfen werden, wie Ressourcen genutzt werden und was mit den Produkten nach der Nutzung geschieht. Dabei steht die Optimierung des Produktlebenszyklus an erster Stelle. Roth fordert sogar ein entsprechendes Gesetz. Man sollte den Preis für ein Produkt zahlen, den er auch für die Umwelt kostet.

Doch von der Erfüllung des Traums – Produktkreisläufe ohne Abfall – sind wir noch viele Schritte entfernt. Vielleicht sollte damit angefangen werden, den Kunststoff-Abfall nicht als Müll zu deklarieren, sondern als Rohstoff.

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Über den Autor

Isabelle Butzmann

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Eingeschrieben seit: WS 14/15