Gesprächsstoff

Wie aus einem Liebesbrief ein Herzensprojekt wurde

06.06.2017

Martin Kluck ist einer von vielen Start-up-Gründern, die es heutzutage gibt. Wie nur wenige andere stellt er faire, biologische und nachhaltige Mode her – und das sogar in Tansania. Eine einzigartige Unternehmensgeschichte, entstanden durch glückliche Zufälle und eine besondere Begegnung.

                               Kipepeo-Gründer Martin Kluck mit dem T-Shirt „Taschen-Affe" in seinem Büro in Stuttgart. | Foto: Maximilian Sepp

„Kipepeo ist ein komplettes Zufallsprodukt", sagt der 34-Jährige rückblickend, sieben Jahre nach der Gründung. Der Name seines Start-ups bedeutet Schmetterling auf Swahili, der Landessprache Tansanias. Bevor er an ein eigenes Unternehmen dachte, arbeitete Martin Kluck noch bei einem Baustoff-Großhandel und studierte nebenbei BWL. Sein damaliger Job frustrierte ihn und er suchte nach dem Sinn in seinem Berufsleben – bis zu diesem einen Tag vor knapp zehn Jahren. Sein ältester Freund Tim rief Martin an und fragte, ob er nicht mit ihm nach Tansania reisen und dort Kinder unterrichten möchte. „Es war wie ein Weckruf", bemerkt Martin heute. „Ich habe auf irgendetwas gewartet, dass mein Leben verändert." Direkt danach kündigte Martin seinen Job und flog ohne einen genauen Plan nach Ostafrika.

Vor der Abreise schenkte ihm seine Schwester ein Tagebuch, in dem er seine Reise dokumentieren sollte. Anstatt zu schreiben, zeichnete Martin aber lieber Porträts von den Schulkindern in sein Tagebuch. Dieses hat kurz darauf eine ganz besonderen Schülerin ausgeliehen – Abigail. Zu der siebenjährigen Abigail hatte Martin von Anfang an die engste Bindung. Und sie war es auch, die Martins Leben später entscheidend beeinflussen sollte.

„In Tansania gibt es einen extrem starken Zusammenhalt zwischen den Kindern"

Martin Kluck erzählt über seine Anfangszeit in Tansania und eine besondere Begegnung. |Quelle: Maximilian Sepp

Heimkehr

Zu Martins Abschied aus Tansania gab Abigail ihm einen Brief mit einer Zeichnung, einem gemalten Herz und dem Satz „I love you". Zurück in Deutschland ließ er sich diese Zeichnung auf ein T-Shirt drucken, erstmal nur um ein Andenken an Afrika zu haben. Dass aus dieser Kinderzeichnung mal ein Unternehmen werden würde, konnte Martin damals noch nicht ahnen.

Nach einigen Monaten in Deutschland erreichte ihn die Nachricht, dass Abigails Eltern ihre Schulgebühren nicht mehr zahlen konnten. Um dem Mädchen zu helfen, das ihm so viel bedeutete, wollte er etwas für sie tun. „Also habe ich auf der Baustelle Sonderschichten eingelegt, damit Abigail zur Schule gehen konnte."

Im Skiurlaub Monate später fragte ihn ein Wirt, was das für ein „komisches" Shirt sei, das er da anhabe. Nachdem der Wirt Martins Geschichte gehört hatte, legte er ihm 100€ auf den Tisch und sagte zu Martin: „Du musst mir versprechen, dass das bei dem Kind ankommt, von dem du mir erzählt hast." Martin ging das Versprechen ein und erklärte seinen Freunden: „Hey Leute, ich will ein Modelabel gründen."

Von der Idee zum Unternehmen

Seine Idee war es, viele Zeichnungen seiner tansanischen Schüler auf Stoffe zu drucken und sie dann im Internet zu verkaufen. Die gewonnen Einnahmen wollte er dann zurück in die Schulen nach Tansania fließen lassen. „Am Anfang habe ich einfach weiße T-Shirts gekauft und mit schwarzer Farbe bedruckt", erinnert sich Martin heute.

Doch er wollte noch mehr. Er wollte eine nachhaltige Produktion seiner T-Shirts unter fairen Bedingungen für alle Beteiligten. Tansania war einmal ein Hotspot für Textilproduktion in Afrika. Doch nach den jahrelangen Importen hochwertiger Second-Hand-Bekleidung aus Europa brach die Textilindustrie in Ostafrika zusammen. Trotzdem konnte Martin Kluck die bestehenden Strukturen für seine Produktion nutzen. „Wir können alle unserer Kleidungsstücke, von der Baumwolle bis hin zum fertigen Produkt, in Tansania produzieren lassen." Der Fokus von Kipepeo liege neben der Unterstützung der Schulen in Tansania eindeutig auf der ökologischen, nachhaltigen und fairen Produktion der Kleidung.

Fairtrade – was bedeutet das eigentlich?

Es gibt viele verschiedene Fairtrade-Zertifikate. Sie versprechen eine transparente Wertschöpfungskette und eine faire Bezahlung aller Beteiligten, unabhängig von den Preisen auf dem Weltmarkt.

„Fairer Handel ist ein sehr freier Begriff", bemerkt Martin Kluck. Denn: Jedes einzelne Unternehmen, das an der Fairtrade-Produktion beteiligt ist, muss erst zertifiziert werden, damit das Produkt selbst als Fairtrade gehandelt werden darf. Allerdings hängt eine Zertifizierung oft mit hohen laufenden Kosten für die Produzenten zusammen. Deshalb vermeiden es einige Produzenten, sich zertifizieren zu lassen, auch wenn sie alle Standards für fairen Handel einhalten. Martin Kluck findet: „Es macht Sinn, dass es diese Zertifikate gibt, nur nicht, dass sie so teuer sind. Es ist gefährlich, wenn die Leute denken, dass ein Produkt nicht fair gehandelt ist, wenn darauf nicht explizit Fairtrade steht."


|Quelle: Maximilian Sepp via Piktochart

Nach dem kurzfristigen Ziel, Abigail eine Schulausbildung zu ermöglichen, wollte Martin Kluck langfristig „etwas Nachhaltiges schaffen, was die Leute verbindet und die Geschichte weiter zu erzählen lässt". Kleidung über die man reden muss – Gesprächsstoff also.

Mit den gestiegenen Verkaufszahlen vermehrten sich auch die Aufgaben, die sich Kipepeo setzte. Mittlerweile hat das Stuttgarter Unternehmen eine Küche und einen Computerraum für Abigails Schule gebaut und bezahlt außerdem die Lehrergehälter und die Mietkosten für die Nachbarschule.

Kipepeo ist sich seiner Verantwortung bewusst. Martin Kluck hat sich zum Ziel gesetzt, seine Produktion „zu hundert Prozent ethisch korrekt" ablaufen zu lassen. Nach sechs Jahren, in denen der Sindelfinger sein Herzensprojekt ohne Bezahlung neben seinem Job vorangebracht hat, arbeitet er nun seit zwei Jahren Vollzeit für Kipepeo. Den beruflichen Sinn hat er heute gefunden und verrät: „Kipepeo ist eine gesunde Mischung aus Hobby und Beruf." Bei seinen ehrenamtlichen Vorträgen und Workshops zu den Themen „soziales Unternehmertum" und „Nachhaltigkeit in der textilen Wertschöpfungskette" setzt er sich dafür ein, dass sowohl die Produzenten, als auch die Konsumenten reflektierter einkaufen. Er meint: „Fair handeln sollte in jedem Bereich die Maxime sein."


Die Welt von Kipepeo: Von der Bio-Baumwolle zum fertigen T-Shirt

Einblicke in die Produktion für Kipepeo und von Martins Besuchen in Tansania. | Fotos: Martin Kluck

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Über den Autor

Maximilian Sepp

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017