Pestizidbelastung in Obst und Gemüse

Wie gesund ist unser Obst und Gemüse?

14.11.2014

Obst und Gemüse hat den Ruf gesund zu sein. Vitamine, Mineralien und überhaupt... je mehr man davon isst, desto gesünder lebt man, oder!? Angesichts der Tatsache, dass in der Landwirtschaft, mächtig viel gespritzt wird wollte ich herausfinden, ob unser Obst und Gemüse wirklich so gesund ist wie wir denken. Was steckt eigentlich noch in ihnen? Und welche Unterschiede gibt es zu Bioprodukten?

Markus Heid, Bio-Winzer, prüft kritisch seinen Wein. (Foto: Christian Meeh)

Ohne sie geht nichts

Pestizide – sie sorgen dafür, dass unsere Obst- und Gemüsesorten ästhetisch aussehen, länger haltbar sind und nicht von Pilzen und Bakterien angegriffen werden. Und genau sie waren es, die insbesondere im Herbst 2006 in ganz Deutschland für Furore sorgten. Greenpeace veröffentlichte eine Testreihe, bei der die Organisation im deutschen Handel verkauftes Obst und Gemüse geprüft hatte. Das erschreckende Ergebnis: 29 Prozent der in Deutschland angebauten Obst- und Gemüseproben aus Supermarktketten wie Edeka, Aldi, Tengelmann, Real, Rewe oder Wal-Mart enthielten illegale Pestizide.

Fast acht Jahre nach diesem beunruhigenden Skandal interessiert mich nun, wie es denn heute um unser Obst und Gemüse steht. Haben Staat und Landwirte dazugelernt? Oder ist unser Obst und Gemüse nach wie vor belastet?

Gut zu wissen…

Pestizide: sind chemisch-synthetische Spritzmittel, die Landwirte einsetzten um Obst und Gemüse zu behandeln, um so ihre Erträge vor Schädlingen zu sichern.

Wirkstoffe: sind chemische Mittel (sozusagen die Zutaten für ein Pestizid), die gemischt werden um ein Spritzmittel zu erzeugen. Ein Spritzmittel (Pestizid) kann mehrere Wirkstoffe enthalten.

Man unterscheidet: Insektizide (Insektenbekämpfungsmittel), Fungizide (Spritzmittel bei Pilzbefall) und Herbizide (Unkrautbekämpfungsmittel)

Das Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA) testete im Jahr 2013 insgesamt 861 Proben Frischobst aus konventionellem Anbau auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. 806 dieser untersuchten Proben (das entspricht 94%) wiesen Rückstände von insgesamt 193 verschiedenen Wirkstoffen auf. Dabei wurden bei 41 Obstproben sogenannten Höchstmengenüberschreitungen festgestellt. Das bedeutet, dass bei diesen 41 Proben zu viel, und somit gegen die gesetzliche Verordnung, gespritzt wurde.

Zwar bestätigen mir diese Fakten meine Vermutung, dass unser Obst und Gemüse wahrscheinlich doch nicht zu hundert Prozent gesund ist, aber das genügt mir noch nicht. Jetzt will ich wissen, ob Pestizide für den Menschen auch gesundheitsgefährdend sein können. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit antwortete mir dazu schriftlich: „In bestimmten Konzentrationen können Rückstände von Pflanzenschutzmitteln für den Menschen gesundheitsschädlich sein. Die gesetzlichen Höchstgehalte für Rückstände werden aber so festgesetzt, dass sie für den Menschen ungefährlich sind." Im Klartext heißt das also: Wird der Höchstgehalt überschritten, wie bei oben genannten 41 Proben, kann das schädlich für den Menschen sein.

Liegt hier also ein gesetzliches Problem vor? Werden Verstöße bei falsch gespritztem Obst und Gemüse oder gar der Anwendung von verbotenen Giften nicht hart genug bestraft? Immerhin: Das CVUA bestätigte mir, dass es seit dem Jahr 2007 Gesetzesänderungen gegeben habe, die den Verbraucher deutlich besser schützten.

In Bezug auf eine Strafverfolgung beim Einsatz von Pestiziden habe sich nichts geändert, so Christiane Huxdorff, Campaignerin für nachhaltige Landwirtschaft von Greenpeace. Nach wie vor gilt: Der Handel und Einsatz illegaler Pestizide ist in Deutschland ein Kavaliersdelikt und keine Straftat. Huxdorff sagt außerdem: „Eine Höchstmengenüberschreitung beim Einsatz von Spritzmitteln kann natürlich bewusst aber auch unbewusst erfolgen. Wenn Behörden mehr kontrollieren würden, wäre eher gewährleistet, dass die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden."

Werden Pflanzenschutzmittel mit krebserregenden Wirkstoffen zugelassen?

Grundsätzlich sind in Deutschland Pflanzenschutzmittel zulässig, die Krebs beim Verbraucher verursachen können. Hier wird ein Schwellenwert errechnet. Liegt der Wert der Belastung unter dem vorgeschriebenen Schwellenwert, so ist ein krebserregendes Pestizid zur Behandlung von Obst und Gemüse zulässig. „Unterhalb dieses Wertes ist mit einer krebsauslösenden Wirkung nicht zu rechnen", so das Bundesinstitut für Risikobewertung. „Für diese Stoffe können schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit ausgeschlossen werden." Verboten sind hingegen nur Stoffe die „gleichzeitig krebsauslösend und erbgutschädigend wirken", so das Institut in einer aktuellen Stellungnahme zu Fragen und Antworten zu Pflanzenschutzmittel-Rückständen in Lebensmitteln vom 29.11.2010.

Mit den Lügen ein Ende

Als rational denkender Mensch könnte man nun zu der Ansicht gelangen, dass man durch das Abwaschen, bzw. das Schälen von Obst und Gemüse ganz einfach diesen Wirkstoffen entkommen könnte – ganz so einfach ist es aber nicht. Der aufgeklärte Obst- und Gemüse-Konsument weiß: die meisten Pestizide dringen in die Pflanze ein und verteilen sich in der gesamten Frucht. Nur sehr wenige Pestizide wirken oberflächlich, also auf der Schale der Frucht und sind dort wirksam. Das erklärt das CVUA auf seiner Internetseite. Dennoch sollte man auf das Waschen von Äpfeln und Co. nicht verzichten, um wenigstens Keime, die auf der Schale liegen, durch die Nahrungsaufnahme zu vermeiden.

Bio als Ausweg?

Gut zu wissen…

Weingut Heid Fellbach (Stuttgart)

Zertifiziertes Bio-Weingut

Fläche = 95.000 m², das sind 9,5 Hektar

Drei Halbzeitkräfte (40% und 60%), ein Auszubildende

15 Hilfskräfte bei der Weinlese (von Ausländer und Rentner bis zur Hausfrau)

Ertrag: ca. 80 bis 90 Tausend dreiviertel-Liter Flaschen

Wichtigste Arbeitsgeräte: Traktoren und Handscheren

Auf der Suche nach der Antwort auf meine Frage, ob und wie sich Bio von konventionellem Anbau unterscheidet, führt mich mein Weg nach Fellbach ins Bio-Weingut Heid. Das Familienunternehmen wird von Markus Heid in der zehnten Generation geführt und produziert im Jahr rund 60.000 bis 70.000 Liter Wein.

Die Weinlese ist natürlich die anstrengendste Zeit im Jahr, verrät mir Heid, aber auch jetzt im langsam anbrechenden Winter steht viel auf dem Programm. Sei es der Verkauf seiner edlen Tropfen in der Weinhandlung oder anfallende Bürotätigkeiten. Für den Winzer, bzw. den „Wengerter", so heißt sein Beruf hier korrekt im Schwabenland, beginnt der Tag pünktlich um 6 Uhr 30. Doch bevor der Tag so richtig starten kann, ist zunächst mal eine andere „Frucht" wichtig. Kaffee – ohne das beliebte Heißgetränk der Deutschen starten auch Makus Heid und sein Team nicht in den Tag.

Was mich natürlich nun interessiert: Was ist denn so das besondere an Bio-Wein? Und hier hat Markus Heid seine ganz eigene Philosophie. Denn er ist „Wengerter" aus Leidenschaft. „Der Ansatz im Bio-Bereich ist, die Rebe nicht zu sehr in ihrer Natur zu stören. Das Kultivieren der Pflanze muss im Einklang mit der Natur sein! Das bestätigen mir auch meine Beobachtungen. Wir hatten beispielsweise schon den Fall, dass wir einen höheren Ertrag bei Reben erzielen konnten, die zwar mit Pilzkrankheiten befallen waren, wir aber nicht eingegriffen haben. Und wiederum weniger Erträge dort, wo wir eingegriffen und versucht haben den Pilz in den Griff zu bekommen." Deshalb kommen beim Bio-Weinbau nur natürliche Pestizide zum Einsatz, chemisch-synthetische Stoffe werden hingegen nicht verwendet.

Weitere Informationen zum Bio-Weinbau finden Sie im Video-Interview mit Markus Heid.

Bio-Wein

Markus Heid, Bio-Winzer, über nachhaltigen Weinanbau

Wie lautet also mein Fazit?

– Trotz gesetzlicher Änderungen auf EU-Ebene in den letzten acht Jahren sowie verschärften Kontrollen, zeigen die Jahrestests und Proben von Institutionen wie der CVUA, dass immer noch in zahlreichen Obst- und Gemüsesorten überhöhte Rückstände an Pestiziden aufzufinden sind.

– In wenigen Fällen finden sich immer noch Obst- und Gemüse-Produkte, die von Landwirten mit dafür nicht zugelassenen Pestiziden behandelt wurden.

– Der Anteil an konventionell angebauten Obst- und Gemüsesorten, die mit Pestiziden behandelt und in denen Wirkstoffe durch Tests der CVUA nachgewiesen wurden, beträgt annähernd 100 Prozent.

– Bio-Produkte werden in der Regel weniger gespritzt und der Pestizidrückstand ist deutlich geringer. „So lag 2007 die mittlere Pestizidbelastung von Öko-Obst und -Gemüse bei 0,002 mg/kg, konventionelles Obst und Gemüse enthielt dagegen im Mittel 0,28 mg Pestizidrückstand pro Kilogramm, also 140-mal mehr", so die CVUA.

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Über den Autor

Christian Meeh

Crossmedia-Redaktion/Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: SS 2014