Vom Stadtteil für den Stadtteil

Wo man sich im Osten trifft

04.07.2017

Kein Raum, kein Platz, kein Projekt, kein Einsatz: Vor diesem Problem standen die Gründer des Stadtteilzentrum Gasparitsch, bis sie im Stuttgarter Stadtteil Ost Räumlichkeiten für die Nachbarschaft eröffneten. Offen für alle Projekte, außer rechter Hetze und Kommerz, können hier Interessierte ihre Veranstaltungen durchführen.

Treffpunkt Rotenbergstraße 125: Im Stuttgarter Osten bietet das Gasparitsch Räumlichkeiten und Veranstaltungen für jedermann. |Foto: Ina Mangold

Im Mittelpunkt will im Gasparitsch niemand stehen, was zählt, ist die Gemeinschaft. Beim selbstverwalteten Stadtteilzentrum Gasparitsch kann sich jeder anschließen, der Ideen oder Engagement mitbringt – und auch sofort mitbestimmen.

Die Idee für das Gasparitsch entstand aus dem Stuttgarter Raummangel heraus. Es war schwer, kostenfreie Räumlichkeiten für Treffen zu finden, vor allem für politische Gruppierungen. Gaststätten waren auf Dauer wegen des regulären Betriebs ungeeignet, die Tür zum schon bestehenden Nachbarschaftskino ließ sich nur von Innen öffnen – eine Alternative musste her. Dabei war das Ziel von Beginn an etwas Größeres: Es sollte für den gesamten Stadtteil Stuttgart Ost Platz geschaffen werden. Die Gründer, die sich hauptsächlich aus der Nachbarschaft kannten, stellten sich Räumlichkeiten vor, die verschiedene Projekte ohne Kostenaufwand ermöglichen. Hierbei sollte ein Dreiklang aus Kultur, Sozialem und Politik entstehen. „Es war am Anfang schon ein finanzielles Wagnis, den Raum zu mieten", gibt Gründungsmitglied Peter Lang zu. Doch mit dem eigenen Raum etablierten sich die Projekte und die Nachbarschaft kam zusammen.

Warum eigentlich „Gasparitsch"?
Namensgeber Hans Gasparitsch war ein politischer Aktivist aus dem Stuttgarter Osten – vor allem während der Nazi-Zeit. Er gründete die „Gruppe G", wobei das G für Gemeinschaft steht, gegen Faschismus. Nicht nur damit, sondern auch mit seiner kommerzlosen Einstellung identifiziert sich das heutige Stadtteilzentrum.

Einsatz muss sein

Mittlerweile gibt es das Gasparitsch seit drei Jahren und stellt Räume mit Sitzmöglichkeiten, Bar, Kochnische, Bibliothek und einen geräumigen Keller zur Verfügung. Mehrmals die Woche bis monatlich organisiert das Gasparitsch selbst Veranstaltungen wie Kneipenabende, Nachbarschaftsfrühstücke oder eine Hausaufgabenbetreuung. An den restlichen Terminen finden mitunter politische Gruppen, eine Basisgewerkschaft und eine Band Platz – eine bunte Mischung. Nebenbei finden einmalige Veranstaltungen wie Konzerte oder Ausstellungen statt.

An den Veranstaltungen verdient niemand etwas. Nutzt man aber die Räumlichkeiten regelmäßig, ist die Anwesenheit bei Treffen oder Engagement bei Festlichkeiten für das Gasparitsch erwünscht. „Sonst funktioniert ein Projekt wie das Gasparitsch nicht", macht Lang deutlich. „Sich für die Gemeinschaft zu engagieren, gehört zu unserem Selbstverständnis." Es gibt keine bezahlten Mitarbeiter, die sich um das Stadtzentrum kümmern, alles passiert ehrenamtlich und in der Freizeit.

Diskutieren bis alle zufrieden sind

Sören Kienzle ist Vorstand des dazugehörigen eingetragenen Vereins – jedoch nur, um die rechtlichen Vorgaben einer Vereinsgründung zu erfüllen. „Wir sind basisdemokratisch", erklärt Kienzle. Alle Mitglieder haben gleiches und direktes Stimmrecht. Entscheidungen werden also ausdiskutiert bis ein für alle akzeptierbarer Konsens gefunden ist. „Es ist eben so, dass Widersprüche auftauchen und damit anstrengende Diskussionen. Aber es gibt dann auch die Bereitschaft, etwas gemeinsam umzusetzen", meint Kienzle. Am Ende des Tages sollen aber alle anwesenden Mitglieder die Entscheidung tragen können.

Diese Diskussionen laufen bei den regelmäßigen Treffen ab: Beim Orga-Treffen wird alle zwei Wochen das laufende Geschäft und die Finanzen besprochen. Einmal im Monat findet das Offene Treffen statt. Hier werden alle großen Entscheidungen getroffen: Wer kann helfen, wer hat neue Projektideen, welche Nutzungsanfragen gibt es. Und die einzelnen Projektorganisatoren sollen sich kennen lernen. „Nicht, dass mal jemand hier drinnen steht und wir denken, er wäre eingebrochen", schmunzelt Peter Lang.

Generell kann jeder zu den Treffen des Gasparitsch kommen, so sieht es das Selbstverständnis vor. In der Regel kommen jedoch nur die erfahreneren Mitglieder zu den Orga-Treffen, es herrscht ein reger Wechsel. Durch die vielen Gruppen, die im Gasparitsch Platz finden, ist die Aufgabenteilung ohnehin sehr dezentralisiert. Jeder hilft nach seinen Interessen und dem eigenen Terminkalender.

Alleingänge gibt es nicht: Alle Entscheidungen werden von den Mitgliedern bestimmt. |Grafik: Ina Mangold

Ohne Spenden bleibt die Kasse leer

Wie der Zusatz „selbstverwaltet" im Namen schon sagt, wird das Stadtteilzentrum von seinen Beteiligten selbst verwaltet. Das heißt über die Angebote, die im Gasparitsch entstehen, wird auch von allen Beteiligten selbst entschieden. Man möchte Unabhängigkeit von der Stadt Stuttgart und anderen Organisationen sein – auch finanziell. Alle Kosten, vor allem die 1400€ Raummiete, werden durch Spenden finanziert. Von Privatleuten, Einnahmen bei Festen und der offiziellen Mitgliedschaft im Trägerverein des Gasparitsch, die man durch den Dauerauftrag einer selbst festgelegten Spende erhält.

Trotzdem kann sich jeder als Mitglied des Gasparitsch bezeichnen. „Wenn jemand herkommt und hier etwas machen oder mitmachen will, ist er ein Mitglied", sagt Sören Kienzle. So ein einfacher Zulauf ist erwünscht: „Wir schauen, dass in den Stadtteilläden unsere Plakate hängen und die Nachbarn unser Programm erhalten." Denn je mehr sich engagieren, desto mehr ist möglich. Das Gasparitsch will mit Leben gefüllt werden, nachdem es sich im Stadtteil etabliert hat.

Wer kommt ins Gasparitsch?

Hausaufgabenbetreuung, Nachbarschaftsfrühstück, Gewerkschaft… Die Veranstaltungen im Gasparitsch sind bunt gemischt, genauso wie die Besucher. Hier ist man übrigens gleich per Du, so kommt man leichter ins Gespräch. |Fotos: Ina Mangold

Veranstaltungen
Für die nächsten Monate plant das Gasparitsch noch weitere große Veranstaltungen, um den Stuttgarter Osten weiter zusammen zu bringen. Highlight wird in diesem Jahr das 3-Jahres-Fest am 21. Oktober sein. Alle aktuellen Veranstaltungen sind im Terminkalender des Stadtteilzentrums zu finden.

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Über den Autor

Ina Mangold

Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/2017