Digitalisierung von Kunst

Zeitlos und vergänglich – Kultur als 3D-Zombie?

22.01.2015

Blasse Farben, blätternde Patina, bröckelnde Mauern – Kunst- und Kulturwerke altern mit der Zeit. Mittels Digitalisierung können sie gespeichert, restauriert oder wieder zum Leben erweckt werden. Statt mit Hand und Meißel, entsteht eine Skulptur aus Bits, Bytes und 3D-Druck – ein sogenanntes Digitalisat. Ein Meilenstein für die Innovation, aber ein Rückschritt für das Original?

Nachbildung der Nofretete beim Scanvorgang im CultLab3D. Foto und Copyright: Fraunhofer IGD

Digitalisierung als Schutz und Back-Up

Große Monumente werden von der Stiftung CyArk gescannt. Grafik: Steinau, Walter

2012 zerbombten Mitglieder der Al-Qaida-Gruppe Ansar Dine Grabstätten in Timbuktu, der Hauptstadt Malis. Jahrhundertalte Mausoleen, die zum Unesco Weltkulturerbe zählten, waren innerhalb von Sekunden zerstört. Die Grabstätten waren bis dato kein Bestand von CyArk, einer kalifornischen Stiftung, die Monumente weltweit scannt und die Daten speichert. Im Falle einer Beschädigung können die Daten für die Restaurierung, Rekonstruktion oder Forschung verwendet werden. 120 Monumente sind bereits gescannt, 500 weitere bis 2019 geplant.

Auch in Deutschland werden Kulturwerke digitalisiert. Das CultLab3D, die weltweit erste Scanstraße für Kulturartefakte des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung IGD in Frankfurt, feierte 2014 ihre Premiere in Berlin. Kunstobjekte wie Skulpturen werden auf einen gläsernen Teller gestellt, fahren die Scanstraße entlang, Laserstrahlen erfassen jedes kleinste Detail – alles vollautomatisch. Am Ende ist das Objekt als 3D-Modell auf dem Rechner.

Der Trend zur Digitalisierung von Kulturwerken ist ein Fingerzeig ist ein Fingerzeig auf die Vergänglichkeit unseres kulturellen Erbes. Dazu bietet ein digital reproduzierte Werk, ein Digitalisat, Vorteile für die Wissenschaft, Muesumsdidaktik und Kunstliebhaber – scheinbar für alle ein Gewinn.

Demokratisierung und neue Darstellungsformen

Die Daten des Scanvorgangs werden virtuell gespeichert, das Objekt kann detailgetreu repliziert und ausgestellt werden. Grafik: Steinau, Walter

Was wir in Museen sehen, ist nur ein Bruchteil unseres kulturellen Erbes. 90 Prozent der weltweiten Kunstwerke lauern in Archiven. Geht es nach dem Fraunhofer-Institut, könnten viele bald als Digitalisat die Museen bereichern. „Das Digitalisat kann Hybrid-Ausstellungen durch digitale 3D-Modelle bereichern", erklärt Pedro Santos, der Betreuer des CultLab3D vom Fraunhofer IGD. „Die Kunstwerke können im aktuellen Erhaltungszustand gesichert und gleichzeitig für die weltweite Forschung und Ausstellungen erschlossen werden", so Santos. Hohe Kosten für das Verleihen von Originalen oder die Herstellung von physischen Kopien sind passé.

Johannes Gfeller, Professor für Konservierung neuer Medien und digitaler Information an der Kunstakademie Stuttgart, sieht die Entwicklung gespalten: „Zwar schützen wir das Original und demokratisieren die Kulturgüter, was wichtig ist, aber welchen Stellenwert nimmt das Digitalisat ein?"

Womöglich wird das Digitalisat als Original oder zumindest als Ersatz des Originals angesehen. Für Kunstliebhaber ist dies schwer vorstellbar. Auch Gfeller ist der Überzeugung, dass Artefakte besser in der alten Hülle gezeigt werden sollten. Dennoch sieht er Chancen für Kuratoren, die Digitalisate in Museen neben den Originalen als hybride Exponate zu verwenden, um so einen Museumsbesuch durch analoge und digitale Objekte vielfältiger zu gestalten.

Forschung, gut – aber was bleibt auf der Strecke?

Kann das hybride Exponat zum Ersatz des Originals oder gar zum Original werden? Grafik: Steinau, Walter

So vielfältig wie die technischen Möglichkeiten eines Digitalisats, sind auch die Betrachtungswinkel eines Kunstwerks. Spielt es dann noch eine Rolle, ob man sich um das Original oder das Replikat bewegt, wenn man es in den meisten Fällen sowieso nicht anfassen darf und der Unterschied optisch nicht mehr erkennbar ist? „Beim Digitalisat sehe ich die Gefahr, dass man die Erfahrung mit dem Original nicht mehr macht", kritisiert Gfeller. „Ein Kunstwerk hat im Original eine haptische Qualität – und auch wenn ich es nicht berühren kann, mache ich immer eine körperliche Erfahrung mit dem Original, die dann unterbrochen wird."

Für viele mag dies der Preis sein, den man im Zuge der Innovation gerne zahlt. Betrachtet man jedoch den material turn, der materielle Kultur stärker gewichtet als Bits und Bytes, bleibt die affektive Bindung nur dem Original vorbehalten. „Wenn ich in ein Museum gehe, möchte ich den existenziellen Schauder haben, mit einem Original konfrontiert zu werden", so Gfeller. Auch wenn das Replikat identisch ist, wird es nie den Stempel der Zeit tragen können. Im Falle der Zerstörung ist der Datensatz maximal ein Thronfolger des Originals.

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Über die Autoren

Lukas Walter

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