Ausbildungsabbruch

Ziemlich beste Freundinnen

03.05.2017

Keine Ausbildung, kein Geld, keine Krankenversicherung – die Ehrenamtlichen von VerA haben es nicht immer mit einfachen Fällen zu tun. Die Senioren betreuen junge Menschen, die Schwierigkeiten in der Ausbildung haben oder vor dem Abbruch dieser stehen. Christiane Schmitz ist eine der Engagierten – sie arbeitet schon so lange mit einer Auszubildenden zusammen, dass bereits eine Freundschaft entstanden ist.

Christiane Schmitz setzt sich bereits seit sieben Jahren für Auszubildende ein. |Foto: Jacqueline Fritsch

Sie ist die erste und einzige Auszubildende in einem großen Stuttgarter Unternehmen. „Ich muss mich so kleiden, dass es nicht auffällt, dass ich Auszubildende bin", sagt Julia Klein*. Wenn alles nach Plan läuft, ist die 26-Jährige im Herbst 2018 gelernte Steuerfachangestellte.

Ein langer Weg liegt hinter Julia Klein. Ihre ersten beiden Berufswünsche musste die gebürtige Waiblingerin aufgeben. Plötzlich hatte sie keine Ausbildung, kein Geld und keine Krankenversicherung mehr. Kein einfacher Fall für die 70-jährige Christiane Schmitz, die Klein auf ihrem langen Weg zur Steuerfachangestellten begleitet. Schmitz engagiert sich ehrenamtlich bei der Initiative zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen, kurz VerA.

140 Senioren helfen im Raum Stuttgart

Der Senior Experten Service (SES) hat VerA vor einigen Jahren gegründet. Deutschlandweit engagieren sich Senioren und schenken jungen Auszubildenden ein offenes Ohr für ihre Probleme. Denn jeder Vierte bricht seine Lehre vorzeitig ab, besonders hoch sind die Quoten bei Restaurantfachleuten und Fachkräften für Schutz und Sicherheit. Mit regelmäßigen und unverbindlichen Gesprächen helfen die Ehrenamtlichen, den Weg zur abgeschlossenen Ausbildung zu ebnen. Ob die Schwierigkeiten in der Berufsschule, im Betrieb oder im privaten Umfeld liegen – rund 140 Senioren sind im Raum Stuttgart für solche Fälle zur Stelle. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen: Laut Angaben des SES liegt die Erfolgsquote bei mehr als 80 Prozent.

Christiane Schmitz spricht über ihr Ehrenamt. |Quelle: Jacqueline Fritsch

Auch Julia Klein profitiert von der Initiative: Seit mehr als vier Jahren arbeitet sie mit Christiane Schmitz zusammen. Dass die Chemie zwischen den beiden stimmt, merkt man sofort. Zur Begrüßung umarmen sie sich und finden sofort ein Thema, über das sie herzlich lachen können. Ganz wie bei besten Freundinnen – nur, dass 44 Jahre Lebenserfahrung zwischen ihnen liegen. Lebenserfahrung, von der Klein nun seit vier Jahren profitiert. In Waiblingen hat sie ihren Realschulabschluss gemacht, danach wollte sie Tierarzthelferin werden. „Es gab aber keine Lehrstellen, deshalb habe ich ganz viele Praktika gemacht und mich dann doch umentschieden", sagt die Auszubildende. Wenn sie erzählt, schaut sie immer wieder zu Schmitz hinüber. In jedem Blick spiegelt sich Vertrauen und Dankbarkeit wieder.

Rund die Hälfte dieser Ausbildungsverträge werden vorzeitig aufgelöst. |Grafik: Jacqueline Fritsch via Piktochart

Die Beraterin hat mehr Erfolg bei den Behörden

Die 26-Jährige ist schließlich nach Stuttgart gezogen, um eine Ausbildung zur Erzieherin anzufangen. Mit dem Umzug lernte sie ihre VerA-Begleiterin kennen. „Die Organisation, bei der ich früher Nachhilfe genommen habe, hat mich an VerA weitergeleitet", sagt Klein. Eigentlich sollte es dabei lediglich um ihre Englisch-Probleme gehen. „Aber wir haben festgestellt, dass es da eine ganze Menge zu besprechen gibt", sagt Schmitz. Denn die Ausbildung zur Erzieherin musste Klein früh aus finanziellen Gründen abbrechen. „Das ist eine rein schulische Ausbildung und mir war zu dem Zeitpunkt einfach nicht klar, dass ich 25 werde und dann kein Kindergeld mehr bekomme. Ich bin da etwas naiv an die Sache herangegangen", sagt sie.

Zu dieser Zeit war etwas mehr Hilfe von Schmitz nötig als ein einfaches Gespräch. Etliche Male sind die beiden zu Ämtern gefahren und haben sich um eine Krankenversicherung, Arbeitslosengeld und eine neue Ausbildung gekümmert. „Ich habe immer versucht, die Dinge selbst zu klären. Erst wenn gar nichts mehr ging, habe ich Frau Schmitz gebeten, für mich anzurufen", sagt Klein. Zum Erstaunen beider hat auf Schmitz‘ Anruf hin alles zeitnah funktioniert. „Es gehen unglaublich viele Türen auf, wenn man sich mit ‚VerA‘ meldet", sagt Schmitz.

Das Ziel: Steuerfachangestellte

Ein großer Erfolg der außergewöhnlichen Freundschaft war die Zusage des Steuerberaterbüros, in dem Julia Klein derzeit ausgebildet wird. „Zuerst hieß es, sie bilden gar nicht aus", sagt sie. Doch nach zwei Wochen Probearbeiten durfte die 26-Jährige ein Gespräch führen und Bewerbungsunterlagen abgeben. „Da haben Frau Schmitz und ich uns viele Versionen mit Anmerkungen und Vorschlägen hin- und hergeschickt", sagt Klein und lacht. Am Ende konnte sie damit überzeugen. Nun ist sie im zweiten Lehrjahr und immer noch die einzige Auszubildende des gesamten Unternehmens. Mittlerweile ziehe sie sogar ihre Arbeitskleidung gerne in der Freizeit an. „Die Klamotten hängen ganz stark mit dem Selbstbewusstsein zusammen", sagt sie, fühlt sich aber auch in ihrem dunkelblauen Pullover sichtlich wohl.

Die Auszubildende steht dazu, dass sie Hilfe bekommt. |Quelle: Jacqueline Fritsch

Christiane Schmitz ist stolz auf die junge Auszubildende. „Ich glaube, ich habe nur das aus ihr herausgeholt, was schon vorher drin war", sagt sie. Seit sieben Jahren ist sie bereits Beraterin bei VerA und hat schon einige junge Menschen in ihrer Ausbildung begleitet. Wenn Julia Klein aber im kommenden Jahr Steuerfachangestellte ist, ist das auch für sie ein ganz besonderer Erfolg. Wer dann aber wen zum Essen einlädt? Darüber müssen sich die beiden noch einig werden.

*Name von der Redaktion geändert

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Über den Autor

Jacqueline Fritsch

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17