Spendenstreams

Zocken für den guten Zweck

11.07.2017

Super Mario rettet Prinzessin Peach, Spieler retten die Welt – mit dem Controller bewaffnet können Gamer auf Twitch aus ihrem Hobby Geld machen. Manche entscheiden sich, die Einnahmen zu spenden. Wie Spendenstreams auf Twitch neue Möglichkeiten bieten, Hilfsprojekte zu unterstützen.

Gamer – faul, dick und sozial ausgeschlossen? Falsch gedacht! Das missverstandene Volk setzt sich mit seinem Hobby für andere ein. | Foto: Cosima Staneker

3. Dezember 2016, kurz vor Mitternacht. Das Team um die Kanäle Gronkh und PietSmiet streamen seit zwölf Stunden live auf der Internetplattform Twitch. Entgeistert schauen die Beteiligten auf den Chat, in dem der Hashtag „zweiumzwölf" viral geht. Die Community plant, dass jeder einzelne um Punkt Mitternacht zwei Euro an das Projekt Friendly Fire 2 spendet. Zu dieser Zeit schauen etwa 40000 Leute dabei zu, wie Gronkh und Co. für den guten Zweck gemeinsam zocken. Die Community setzt ihren Plan schließlich um und bringt den Bezahldienstriesen PayPal zum Abstürzen.

Wie kann man mit Twitch Geld sammeln? | Video: Celine Eckl und Cosima Staneker via mysimpleshow

Twitch
Seit Juni 2011 existiert die Social-Video-Plattform Twitch, die sich hauptsächlich an Gamer richtet. Anders als auf Youtube können die Kanalbetreiber einen Spendenbutton einrichten, über den die Zuschauer sie unterstützen können. Was die Streamer mit dem Geld machen, ist ihnen überlassen. Immer mehr Streamer nutzen jedoch die Möglichkeit, um soziale Projekte zu unterstützen.

Mit einem Klick Gutes tun

Spendenstreams sind auf Twitch keine Seltenheit mehr. Bis zu zehn Millionen Personen besuchen täglich die Plattform, um über zwei Millionen Streamern beim Spielen zuzuschauen. Damit besitzt Twitch eine enorme Website-Frequentierung, die sich positiv auf die Aufmerksamkeit gemeinnütziger Projekte auswirken kann. Mit diesem Gedanken gründete Bastian Burau mit drei weiteren Freunden das Projekt LiveForLife, bei dem sechzehn Streamer einen Monat lang für den guten Zweck zocken. Bereits am ersten Tag erreichen sie die Hälfte des Spendenziels, am Ende landen über 2500 Euro im digitalen Spendentopf. Dieser Erfolg ist kein Zufall. Während Fundraiser auf der Straße abgewimmelt werden, befinden sich die potentiellen Spender freiwillig auf Twitch und amüsieren sich in einem Umfeld aus Gleichgesinnten. Die psychologische Hemmschwelle, zu spenden, wird kleiner.

Plattformen wie Twitch zeigen, dass das Internet für soziale Projekte Chancen bieten kann. | Quelle: Celine Eckl und Cosima Staneker via Piktochart

Spiel mit!

Viele Menschen erwarten eine Gegenleistung, wenn sie für ein soziales Projekt spenden sollen. Twitch bietet diese Gegenleistung in Form von Unterhaltung und einer einzigartigen Zuschauerbindung. Der Streamer steht mithilfe des Live-Chats mit seiner Community in Verbindung und kann sie zum gemeinsamen Spielen einladen. Dadurch wird Vertrauen aufgebaut – eine Ressource, die laut Burau für Spendenprojekte auf Twitch unerlässlich ist: „Niemand kann mit Sicherheit sagen, dass wir jetzt nicht einfach das Geld einsacken. Die Zuschauer müssen uns vertrauen, wir versuchen, ihnen diese Sicherheit zu bieten." LiveForLife lädt dafür die Spendenbescheinigung auf ihrer Homepage hoch.

Bastian Burau über die Chancen, die Twitch für gemeinnützige Projekte bietet. | Quelle: Celine Eckl und Cosima Staneker | Foto: LiveForLive

Was kommt von der Spende an?

„Twitch bekommt von den Spenden rein gar nichts", so Burau. Lediglich die Bezahldienste und Tools wie Tipeeestream, welche die Usernamen der Spender live im Stream einblenden, erhalten einen Anteil. Laut Burau betrage dieser jedoch nur wenige Cents und zähle nicht zum Spendenstand. Besonders kleinen Projekten wie LiveforLife komme dies zu Gute. Geht man eine Partnerschaft mit Twitch ein, kann der Kanal für rund fünf Euro pro Monat abonniert werden. Die Abonnenten erhalten damit exklusive Inhalte wie kanaleigene Emojis. Der Streamer kann dafür Werbung schalten und sich die Einnahmen mit Twitch teilen. Mit dem Twitch Partnerprogramm kann man zwar noch mehr Geld für den guten Zweck sammeln, man muss sich jedoch durch eine feste Community und einen regelmäßigen Streamingplan qualifizieren. Deshalb bleibt diese Tür für Kanäle wie LiveForLife vorerst noch verschlossen.

Wie beeinflussen Partnerschaften mit Unternehmen den Spendenbetrag? Bastian Burau klärt auf. | Quelle: Celine Eckl und Cosima Staneker | Foto: LiveForLive

Ganz so einfach ist es aber doch nicht!

Dass auf LiveForLife auch Spiele ab achtzehn gespielt werden, habe sich als Problem herausgestellt. „Generell gibt es leider noch immer die Meinung, dass Videospiele Schuld an vielen Dingen tragen", sagt Burau. „Das war ein Grund für Organisationen, nicht mit uns zu kooperieren." Auch sogenannte Internet-Trolle sind eine Gefahr für das Projekt. So ist es möglich, beispielsweise über PayPal, große Beträge zu spenden, nur um sie später wieder zurückzuziehen. Davon sei LiveForLife glücklicherweise noch nicht betroffen gewesen, so Burau. Auch die Sperrung des Kanals PietSmiet durch die Landesmedienanstalt NRW hatte in den letzten Monaten für Aufregung in der Twitch Community gesorgt. PietSmiet war kurz zuvor von Unbekannt angezeigt worden. Gesetzlich seien Kanäle dieser Größenordnung verpflichtet, eine Rundfunklizenz zu beantragen, so die Kommission für Zulassung und Aufsicht. Burau macht sich darüber noch keine Sorgen, dafür sei der Kanal mit durchschnittlich 30 Zuschauern zu klein. Die Kosten der Lizenz würden die Spendeneinnahmen um ein Weites übersteigen. Laut gameswirtschaft.de möchte die künftige Regierung in Düsseldorf die Lizenzpflicht für Streaming-Dienste abschaffen. Diese Regelung würde zunächst nur in NRW gelten, andere Landesmedienanstalten müssten nachziehen. Falls das Rundfunkgesetz in Zukunft angepasst wird, können Projekte wie LiveforLife und Friendly Fire in die nächste Runde gehen.

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Über die Autoren

Celine Eckl

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Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17

Cosima Sophie Staneker

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2016/17