Problemviertel Stuttgart Hallschlag

Zukunft Hallschlag

08.01.2015

Über 90 verschiedene Nationalitäten bei überschaubaren 7000 Bewohnern. Der Stuttgarter Stadtteil Hallschlag liegt damit ganz Vorne in Sachen „Multikulti“. Lange Zeit galt der nördliche Teil Bad Cannstatts als sozialer Brennpunkt. Wie geht es dem ehemaligen „Ghetto Nr. 1“ in Stuttgart heute?

Die Zeilenbauten reihen sich aneinander. Irgendwie sieht alles gleich aus. Ziemlich ruhig und unaufgeregt hier. Und das soll einmal Stuttgarts Problemviertel gewesen sein?

Es wurde saniert und renoviert in den letzten Jahren. Die monotonen Baustrukturen am Hallschlag sind aber geblieben und verraten nur rein äußerlich etwas über die Vergangenheit des Viertels.

Schnell, viel und vor allem billiger Wohnraum

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste in kürzester Zeit viel Wohnraum geschaffen werden. Für die vielen Gastarbeiter und Flüchtlinge, die schließlich irgendwo unterkommen mussten. Aus der Not heraus wurde also ein ganzer Stadtteil aus dem Boden gestampft: der Hallschlag. Geografisch eingegrenzt zwischen der Hallschlag-Straße und dem sogenannten Daimlerviertel. Mittendrin zwei riesige Häuserblocks, die so hoch sind, dass man gar nicht anfangen will, die Stockwerke zu zählen.

In den einfachen Unterkünften wohnen Fremde aus den verschiedensten Ländern dicht beieinander: unterschiedliche Kulturen und Religionen auf einem Fleck. Menschen mit sozialen Schwierigkeiten in einem neuen Land. Klar, dass das irgendwann zu Konflikten führt. In den 60er Jahren wird die Stadtbahnverbindung eingestellt, die den Hallschlag mit Stuttgart verbindet. Viele fühlen sich dadurch noch mehr abgekapselt von der Landeshauptstadt. Die kriminellen Ausschreitungen häufen sich vor allem in den 80er Jahren. Der schlechte Ruf des Hallschlags verfestigt sich und ist den Köpfen vieler Stuttgarter noch immer präsent.

Und heute?

Heute wird am Hallschlag viel getan. Die Stadt Stuttgart engagiert sich; versucht, die Lebensqualität der Anwohner zu verbessern. Es gibt ein Mehrgenerationenhaus, ein Nachbarschaftscafé und zahlreiche soziale Anlaufpunkte mit dem Ziel, Integration nachhaltig zu fördern. Der Hallschlag befindet sich im Aufbruch und das zeigt Wirkung. Im Vergleich zur Vergangenheit wird der Hallschlag heute schon deutlich positiver wahrgenommen. Nicht nur in den Augen der Menschen vor Ort, sondern auch in der Öffentlichkeit, in Bad Cannstatt oder in Stuttgart, sowie in der kommunalen Politik und Verwaltung. 

„Soziale Stadt"

Weil der Hallschlag als Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf gilt, wird er im Rahmen des Projektes „soziale Stadt" gefördert. Diese Förderung umfasst bauliche Aufwertungen, Sanierungen und den Ausbau der Stadtbahnlinie mit Direktverbindung nach Stuttgart. Die Veränderung des alten Römerkastells ist das Vorzeigeprojekt der Fördermaßnahmen. Hier sind heute ein paar wenige sehr teure Wohnungen, Medien und IT-Unternehmen beherbergt. Viel gelobt und beispielhaft für den Aufschwung findet im Römerkastell allerdings auf sozialer Ebene nur wenig Austausch statt. Zwischen den Angestellten im Römerkastell und den Bewohnern der Sozialwohnungen scheint es eine unsichtbare Mauer zu geben. Die unterschiedlichen Lebensformen der beiden Seiten lassen sich noch nicht so wirklich miteinander verbinden. Ein Durchgang in der Kastellmauer soll das in Zukunft ändern. Ob die Verbindung gelingt, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass sich der Hallschlag zukünftig sowohl optisch als auch in seiner Bewohnerstruktur verändern wird, denn die Mieten werden aufgrund der vielen Sanierungen steigen. Wie auch in anderen Stuttgarter Stadtteilen wird der Wohnraum für Viele vermutlich nicht bezahlbar bleiben. Die Bewohner des Viertels befürchten, dass der als Arbeitersiedlung entstandene Hallschlag wohl schon bald ein anderes Klientel anziehen wird.

Trotz der Vergangenheit und der bevorstehenden Veränderung ist das Bild, das die Anwohner selbst von Ihrem Zuhause haben, ein anderes, als das der Öffentlichkeit.

„Multi-Kulti" und Integration scheinen zu funktionieren. Und zwar nicht nur durch die vielen städtischen Angebote – sondern auch durch die räumlich bedingte Nähe der Anwohner. Wo auch heute noch viele sozial benachteiligte Menschen leben, ist die Kriminalität zwar oftmals höher als anderswo – aber gleichzeitig auch die Hilfsbereitschaft. Nach den Krisenjahren scheint so etwas wie Normalität eingekehrt zu sein im ehemaligen Stuttgarter „Ghetto Nr. 1". Man schämt sich nicht mehr, vom Hallschlag zu kommen und „es ist fast schon langweilig geworden", erzählt ein Bewohner des Daimlerviertels im Video.

Zukunft Hallschlag

Bewohner des Daimler-Viertels geben einen Einblick in die Atmosphäre des heutigen Hallschlags.

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Über den Autor

Katharina Kulakow

EMM (MW)
Eingeschrieben seit: SoSe2014