Rückkehrberatung

Zurück in die Heimat

21.07.2015

Sie flüchten vor Krieg und Not. Für viele Flüchtlinge fängt in Deutschland ein neues Leben an. Perspektivlos im eigenen Land, können sich die meisten eine Zukunft vorerst nur hier vorstellen. Beruhigt sich die Lage in den Herkunftsländern, werden aus einigen Flüchtlingen Rückkehrer. Doch wie gelingt die Rückkehr in die eigene Heimat?

Ana Pajic möchte zurück. Nach 42 Jahren in Deutschland wagt sie den Schritt zurück in die Heimat. Hier ist sie alleine, in Bosnien und Kroatien hat sie eine Großfamilie mit zehn Kindern und 21 Enkelkindern.

Ihre Geschichte in Deutschland beginnt am 13. Januar 1973. Sie erinnert sich genau an den Tag an dem sie am Hauptbahnhof Stuttgart ankommt, ohne ihren Mann und die damals neun Kinder, die im damaligen Jugoslawien zurückbleiben. Ana Pajic möchte Geld verdienen, ihre Familie unterstützen, auch wenn das nur aus der Ferne möglich ist. Arbeit findet sie im Stuttgarter Augustiner Altenheim. Die ersten Jahre sind schwer. Sprachkurse und Integrationsinitiativen sind zu dieser Zeit eine Seltenheit. Doch es gibt auch viele positive Menschen, die sie in Stuttgart kennenlernt.

Zurück möchte sie trotzdem. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten ohne Besuch und Beistand der Familie kann sie sich ihren Lebensabend hier nicht mehr vorstellen. „Ich möchte lieber in Bosnien sterben als hier." In Bosnien hofft sie auf die Unterstützung ihrer Kinder. Allerdings fehlen die finanziellen Rücklagen für einen Umzug. Durch das Sozialamt wurde sie auf den Verein „Zweite Chance Heimat e.V." aufmerksam. Eine Anlaufstelle für Flüchtlinge, bedürftige Ausländer und ausreisepflichtige Drittstaatsangehörige, die Unterstützung bei der Organisation der Rückkehr benötigen. Die Beratung ist von Fall zu Fall verschieden. Die Ausgangssituationen und Wünsche der Rückkehrer sind individuell. Ana Pajic möchte ihre kompletten Hausstand mit in die Heimat nehmen. Am liebsten direkt im Lkw mitreisen. Nach einiger Recherche findet sich ein Umzugsunternehmen, das sie mitreisen lässt und zudem einen Mitarbeiter beschäftigt, der ihre Sprache spricht. Anfang Juli werden die Kartons gepackt.

Heimatverbundenheit und enttäuschte Vorstellungen

„Trotz der wirtschaftlichen und sozialen Absicherung hier, ist der Zug nach Hause immer noch sehr stark, nicht nur bei alten Leuten", bestätigt Gert Lienig, Mitarbeiter des Projekts „Zweite Chance Heimat". Hauptgründe für eine freiwillige Rückkehr sind neben der Heimatverbundenheit oft auch enttäuschte Vorstellungen von einem besseren Leben in Deutschland. „Mitte 30, nicht verheiratet, der Wunsch nach einer Familiengründung – es gibt auch einige, die sich das hier nicht vorstellen können oder nicht die notwendigen Mittel dafür haben." Oft spielen auch familiäre Probleme im Heimatland eine entscheidende Rolle.

Eine freiwillige Rückkehr ohne Ausreisedruck gehört bei der Beratungsstelle aber inzwischen zur Ausnahme. Häufig betreuen die Mitarbeiter Flüchtlinge oder Personen ohne Aufenthaltsgenehmigung, die in Deutschland nur geduldet werden. Eine Duldung bedeutet oftmals keine Arbeit und somit auch keine Perspektive auf ein geregeltes Leben.

Zwischen Abschiebung und „freiwilliger" Ausreise

Etwa 90 Prozent aller Beratungssuchenden entscheiden sich nicht tatsächlich freiwillig, sondern schlicht zwischen der Option einer Abschiebung und einer vorgezogenen Ausreise.

Esra aus Indien kam vor etwa drei Jahren nach Stuttgart. Dort erhoffte er sich eine bessere Zukunft und eine Möglichkeit seine Familie finanziell zu unterstützen. In Deutschland angekommen, ließ er seinen Pass verschwinden und gab sich als 16-Jähriger aus. Als Minderjähriger fiel er damit unter die Obhut des Jugendamts und konnte somit vorerst in Stuttgart bleiben. Nach zwei Jahren verlangte das Sozialamt einen Identitätsnachweis. Da Indien in Deutschland als sicheres Herkunftsland eingestuft ist und auch kein Nachweis für eine politische Verfolgung vorlag, hatte er keine Chance auf Asyl. Sollte sich Esra also ausweisen, würde er abgeschoben werden. Tut er es nicht, kommt er seiner Mitwirkungspflicht nicht nach und fällt dadurch in die Duldung.

Zwei Jahre Duldung, zwei Jahre ohne Arbeitserlaubnis

Für Esra wird klar, dass er zurück in die Heimat möchte, anstatt hier ohne Möglichkeit auf Arbeit zu leben. Doch für viele, die wie er, neben ihrem mageren Gepäck auch die Hoffnung vieler Zurückgebliebenen auf ihrer Reise mittragen, eine schmerzhafte Entscheidung. „Mit leeren Händen gleicht eine Rückkehr oftmals einem Gesichtsverlust", erklärt Gert Lienig. Im Gespräch mit Esra bildet sich nach und nach ein Vertrauensverhältnis. Es stellt sich heraus, dass er bereits über 25 Jahre alt ist und auch sein Pass taucht wieder auf. Eine strafrechtliche Verfolgung hat er nicht zu erwarten, da er sich entschlossen hat, das Land zu verlassen. Ohne Ersparnisse, aber mit einer Idee.

Esra möchte in seiner Heimat einen Handyshop eröffnen und sich selbstständig machen. Gemeinsam mit „Zweite Chance Heimat" stellt er einen Businessplan auf. Zahlen über Miet-und Ausstattungskosten liefert eine Partnerorganisation in Indien. Einen Teil der Kosten übernimmt das Projekt, finanziert durch den Europäischen Rückkehrerfonds und das Land. Den anderen Teil muss Esra selbst beisteuern. „Für den Erfolg einer Existenzgründung ist es wichtig, dass die finanzielle Förderung kein Geschenk ist sondern eine Unterstützung" betont Gert Lienig. Nach seiner Rückkehr nach Indien wurde Esra von der Partnerorganisation vor Ort weiter betreut. Inzwischen konnte er seinen Shop eröffnen und im Projektbüro ein weiterer Fall in die dicken Aktenordner abgelegt werden. Seit der Projektgründung 1996 konnten 820 Personen mit Hilfe der Rückkehrberatung ausreisen. Von einigen erfolgreichen Existenzgründungen erfährt das Team von „Zweite Chance Heimat" von den Partnerorganisationen vor Ort. Bei vielen bleibt es aber nicht nachvollziehbar, wie ihre Geschichte weiterverläuft und wohin ihr Existenzkapital geflossen ist.

„Zweite Chance Heimat" - Ablauf einer Rückkehrberatung

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Über den Autor

Kim Lucia Ruoff

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2014