Kampf gegen Krebs

Zurück zur Lebensqualität – Chemotherapie bei Hunden

02.02.2015

Tumorpatienten werden in der Humanmedizin oftmals chemotherapeutisch behandelt, um ihre Krankheit zu bekämpfen oder zumindest um ihre Lebenszeit zu verlängern. Doch wie ist das in der Tiermedizin? Haben unsere Haustiere auch eine Chance auf lebensverlängernde Maßnahmen?

Anny (li.), Frau Schneider, Lotte (re.)

Lotte war immer ein fröhlicher, agiler Hund. Die Familie ging mit ihr zum Hundesport. Lotte liebte es, ihren Stock durch den Wald zu tragen. Es war eher ein halber Baumstamm, erzählt die Besitzerin. Lotte war ein Australien Shepherd, ein Hütehund, ein Arbeitstier. Sie gelten als sehr aktiv, fleißig und intelligent. Beim Spazierengehen beobachtete Tanja Schneider ihre Hündin. Ihr fiel auf, dass Lotte viel länger als gewöhnlich brauchte, Urin abzusetzen. Die Besitzerin vermutete, ihre Hündin habe eben viel getrunken. Diese Vermutung bestätigte sich zuerst nicht. Dass das nicht normal sein könne, war ihr und ihrem Mann dann relativ schnell klar. Die beiden besprachen sich und fuhren mit ihr zum Tierarzt. Lotte blieb ohne Befund.

Einige Wochen später streichelte die Tochter dem Hund über den Rücken. Ganz normal, wie sie es eben immer tat. Dabei schrie Lotte kurz auf, drehte sich gleichzeitig um und schnappte nach ihrer Hand. Direkt danach legte sie die Ohren an, schaute wehmütig und entschuldigend auf. „Als erfahrene Hundehalterin wusste ich, dass ein Hund nur dann vor Schmerz aufschreit, wenn es wirklich schlimm wehtat", sagt Tanja Schneider, Lottes Besitzerin. Auch die Tochter habe der Hündin angesehen, dass sie nicht aus Bosheit zuschnappte. Es musste also eine bestimmte Stelle geben, an der sie Schmerzen hatte.

Daraufhin war die Familie mehrere Male beim Tierarzt. Lotte wurde komplett abgetastet, blieb jedoch wieder ohne Befund. Auch ihre Blutwerte waren in Ordnung. Trotzdem hatte sie ab und zu Fieber und wurde schlapper. Zur Sicherheit bekam sie ein Antibiotikum. Das schlug allerdings nicht an. So verging wieder einige Zeit. „Ich weiß noch genau, es war Himmelfahrt und mein Mann war mit den anderen Vätern wandern. Ich saß mit Lotte in der Küche und habe sie gestreichelt. Sie schaute wieder komisch zu mir auf. Ich bemerkte eine Schwellung, ihren Lymphknoten", erzählt Schneider. Sie entschlossen sich, erneut zum Tierarzt zu fahren. Die Tierärztin untersuchte Lottes Blut erneut und stellte fest, dass da etwas nicht stimmte. Daraufhin riet sie der Familie , in eine Tierklinik zu fahren. Die Besitzerin rief in der Klinik für Kleintiere der tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) an und bekam einen Termin in der darauffolgenden Woche. Innerhalb dieser Woche wurde die Hündin von Tag zu Tag schwächer. Frau Schneider beschrieb der Klinik die Situation am Telefon. So wurden sie direkt in die Onkologie geschickt. Nach der Sprechstunde führten die Ärzte einige Untersuchungen durch. Sie tasteten Lotte gründlich ab und untersuchten ihr Blut erneut. Ihre Werte waren zu diesem Zeitpunkt so schlecht, dass die Hündin direkt eine Infusion bekam. So konnten ihr Allgemeinzustand und ihr Kreislauf in kürzester Zeit verbessert werden. Die Lymphknoten im Halsbereich waren bei Lotte vergrößert. Aus einem Lymphknoten wurden mittels einer Kanüle einige Zellen entnommen (zytologische Untersuchung), um dann unter dem Mikroskop untersucht zu werden. Anschließend ging die Familie zu Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen. Dort wurde ebenfalls ein Lymphknoten sowie Leber und Milz punktiert, um festzustellen, ob diese Organe auch betroffen waren. Währenddessen wurden die entnommenen Zellen von einem Zytologen untersucht. „Das Ganze zog sich über den gesamten Tag. Solche Untersuchungen dauern nun mal ein wenig", erzählt Tanja Schneider. Gegen Nachmittag hatten sie die Ergebnisse. Lotte hatte ein Lymphom.

Was bedeutet ein Lymphom für einen Hund?

Dr. Verena Nerschbach ist Tierärztin in der „TiHo Hannover" und arbeitet in der Abteilung für Onkologie. Sie erklärt, dass ein Lymphom eine Tumorerkrankung ist, die von den lymphatischen Zellen ausgeht. Diese Krankheit kommt bei Hunden häufig vor und sei in der Regel sehr aggressiv. Beim Ausbleiben einer Therapie betrage die Überlebenszeit nur Wochen, maximal wenige Monate. „Diagnostizieren kann man die Krankheit je nach Lokalisation fast immer mittels einer zytologischen Untersuchung", sagt die Tierärztin. Eine solche Punktion sei fast immer ohne Narkose möglich.

Zunächst seien weitere Voruntersuchungen nötig, um das Ausmaß der Krankheit festzustellen. Die Tiermediziner untersuchen, ob sie Faktoren finden, die die Prognose jeweils schlechter oder besser machen.

Lymphdrüsenkrebs wird beim Hund in fünf Stadien (siehe Infografik) unterteilt. Dr. Nerschbach erzählt, dass sie die meisten Hunde im vierten Stadium antreffen. Zu diesem Zeitpunkt sind nicht mehr nur die Lymphknoten betroffen, sondern auch die Milz und oder die Leber. Viele Hunde haben in der Regel eine schmerzfreie Schwellung und zeigen daher erst spät Symptome.

5 Stadien des Lymphoms (Quelle: Aussagen Dr. Nerschbach)

Wie läuft eine Chemotherapie beim Hund ab?

Der Besitzer und sein Hund kommen einmal pro Woche in die TiHo. Die Therapie dauert 12 Wochen und besteht aus einer Kombination aus den richtigen Medikamenten. Zuerst werden die Blutwerte untersucht. Hat der Hund genügend weiße Blutkörperchen, können die Tierärzte die Chemotherapeutika verabreichen. Je nachdem handelt es sich dann um eine kurze intravenöse Injektion, um eine längere Infusion, die etwa eine halbe Stunde dauert, oder aber auch um Tabletten.

Dr. Verena Nerschbach macht deutlich, dass in der Regel über 90 Prozent der Hunde sehr gut auf die Behandlung reagieren. Die Prognose des jeweiligen Tieres hängt stark von der Lokalisation und dem Ausmaß der Krankheit ab. „Das Ganze funktioniert normalerweise sehr, sehr gut und wir können vor allem die Lebensqualität wieder herstellen". Außerdem gebe es ungefähr 20 Prozent, die potenziell auch Langzeitüberlebende werden.

Ablauf einer Chemotherapie beim Hund (Quelle: Aussagen Dr. Nerschbach)

Die Reaktion der Besitzer

„Man hat es geahnt. Wir haben vorher schon recherchiert und viel gelesen. Aber wenn man es dann wirklich hört, ist man einfach geschockt. Wir haben gewusst, was das bedeutet", sagt Tanja Schneider. Die Ärzte haben sie dann über alle Möglichkeiten informiert. Sie haben ihnen die Chemotherapie angeboten. Eine wirkliche Alternative gab es in Lottes Fall nicht. Sie hatte eine sehr aggressive Form und befand sich im dritten Stadium. „Wir haben uns eine halbe Stunde Zeit genommen, um gemeinsam darüber nachzudenken, was wir jetzt machen sollten. Das war keine leichte Entscheidung."

Auch Dr. Nerschbach weiß, dass es als Tierarzt immer ein sehr schwerer Moment sei, den Besitzern diese Diagnose zu vermitteln. „ Die Besitzer verbinden damit ein ganz schlimmes Szenario. Klar ist die Sorge ganz groß. Wir klären die Besitzer über die Krankheit und über alle Möglichkeiten auf. Es ist wichtig, ihnen zu zeigen: Okay, das hier ist noch nicht zu Ende, ich kann da noch was tun". Sie betont auch, dass eine Chemotherapie absolut nicht vergleichbar mit der eines Menschen sei. Die Nebenwirkungen beim Hund seien verschwindend gering. Anschließend wisse der Besitzer, dass die Möglichkeiten zwar je nach Ausmaß und Form der Krankheit limitiert sind, aber er könne besser damit umgehen.

Lottes Familie hat sich für die Chemo entschieden. Lotte war erst vier Jahre alt. Die Familie wusste, dass Lotte ohne die Therapie nur noch wenige Tage zu leben hätte. Sie habe die Chemo allerdings nur unter der Voraussetzung begonnen, dass der Hund nicht darunter leidet. „Man hat uns aufgeklärt, dass die Chemo dazu da ist, Lotte ihre volle Lebensqualität zurückzugeben. Sie würde von den Nebenwirkungen kaum etwas spüren und könne wieder ein ganz normales Hundeleben führen. Außerdem wollten wir unserem Tier alle Chancen einräumen, die sie einfach verdient hatte". Auch Frau Schneider ist einmal pro Woche in die Klinik nach Hannover gefahren. Sie bekam weitere Medikamente mit nach Hause, damit Lotte nicht übel wurde. Frau Schneider stand dauerhaft mit der Klinik in Kontakt und fühlte sich sehr gut aufgehoben. Sie empfand die Betreuung und Unterstützung als sehr gut.

Die Aussichten

Tanja Schneider erzählt zuletzt, dass Lotte schon zwei bis drei Tagen nach Beginn der Chemo wieder die Alte war. Sie war wieder fröhlich, es ging ihr viel besser und niemand habe ihr angesehen, dass sie ein kranker Hund gewesen war. Sie habe wieder mit anderen Hunden gespielt, sei herumgetollt und ein ganz normaler Hund gewesen. Auch Dr. Nerschbach sagt: „Es ist unser Ziel, die Lebensqualität des Hundes zu steigern. Es ist fast immer die Regel, dass die vergrößerten Lymphknoten nach der Therapie kaum bis gar nicht mehr fühlbar sind. Außerdem sind die Symptome schon nach einigen Tagen vollkommen verschwunden." Für die Familie war es die absolut richtige Entscheidung. Sie konnten ihrer Hündin durch die Therapie bis zum letzten Tag ein erfülltes Hundeleben und eine hohe Lebensqualität bieten. Lotte durfte mit Hilfe der Behandlung noch sechs weitere Monate leben.

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Über die Autoren

Darleen Owsianski

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Amelie Friedmann

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