Fernbeziehung heute

Zusammen getrennt

18.01.2017

Abends um halb neun am Bahnhof. Ein Pärchen steht am Gleis, sie weint. Die Abfahrt des Zuges wird sich um zehn Minuten verzögern, hallt es aus den Lautsprechern. Ausnahmsweise eine freudige Botschaft für das junge Paar. Denn die Abfahrt bedeutet wieder einmal Trennung – weit entfernt voneinander eigenen Interessen nachgehen. Er packt seine Tasche, verabschiedet sich mit einem Kuss und einem „wir schreiben dann gleich“ von ihr.

Der Moment des Abschieds kommt immer wieder und ist für viele Paare der schlimmste Teil einer Fernbeziehung. |Bild: Katja Stäbler

So oder so ähnlich geht es vielen Paaren in Deutschland regelmäßig, denn etwa jedes achte Paar lebt hier in einer Fernbeziehung. Laut einer Umfrage auf der Seite farlove.de bedeutet das für drei Prozent dieser Paare sogar eine Beziehung über die Grenzen Deutschlands hinaus – nach Europa oder sogar noch weiter entfernt. Für einige unvorstellbar, für andere ist das schon zur Gewohnheit geworden.

Ich habe mich im Bekanntenkreis umgehört. Viele meiner Freunde haben in ihrem Leben bereits eine Beziehung auf Distanz geführt, sich dafür entschieden ihre Liebe auf die Probe zu stellen. Wobei die meisten kaum eine Wahl hatten. Bei ihnen war das Studium oder die Ausbildung in verschiedenen Städten der Grund. Doch schafft die geografische Ferne wirklich eine Distanz oder sind sich die Paare am Ende näher als gedacht?

13 Prozent der Deutschen führen eine Fernbeziehung. Doch was steckt eigentlich dahinter? | Grafik: Katja Stäbler via Piktochart

Auch die 19-jährige Sina aus Stuttgart lebt in einer Fernbeziehung. Ihr Freund ist für ein Studium ins fast 300 Kilometer entfernte Jena gezogen. So sehen sie sich nur etwa alle drei Wochen. Der Statistik zufolge ist die Karriere für ein Drittel der Paare, die in Deutschland in einer Fernbeziehung leben, der Grund für die räumliche Trennung.

„Irgendwie muss er ja an meinem Leben teilhaben."

Sina ist seit einem halben Jahr mit ihrem Freund zusammen, die Hälfte dieser Zeit besteht die Beziehung schon als Fernbeziehung. Das Paar hat täglichen Kontakt über WhatsApp. Die Frage, ob sie sich dazu verpflichtet fühlt, ihm immer zu schreiben, was sie im Moment macht oder was sie vorhat, beantwortet sie ganz klar mit Ja. Denn irgendwie müssten sie ja am Leben des Anderen teilhaben. Eingeengt hat sie sich dadurch bisher aber nie gefühlt und weniger mobilen Kontakt hätten sie auch nicht, wenn sie keine Fernbeziehung führen würden, meint Sina. Durch wöchentliche Videotelefonate versuchen die beiden, sich so nah zu sein, wie möglich. Die Stimme des Anderen zu hören und sein oder ihr Gesicht zu sehen ist für viele Paare in einer Fernbeziehung sehr wichtig. Denn näher können sie sich in der getrennten Zeit einfach nicht kommen.

Am schlimmsten ist für Sina „der Abschied und zu wissen, dass man die Person erst wieder in ein paar Wochen sehen wird und man einfach nichts dagegen tun kann". Umso wichtiger sei es, immer ehrlich zueinander zu sein und noch vor dem Abschied ein Datum festzulegen, wann man sich das nächste Mal sehen wird. Denn mit der Aussicht auf ein konkretes Wiedersehen wird der Abschied für die meisten Paare einfacher.

Stine Waibel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, bezeichnet die Fernbeziehung auch als „junges Lebensmodell", da es unter beruflich oder karriereorientierten Paaren in der Altersgruppe unter 30 besonders stark verbreitet ist. Die größte Herausforderung sieht sie darin, „Ab- und Anwesenheit, Nähe und Distanz, entfernte und vereinte Zeiten zu regulieren". Es mangele häufig an gemeinsam verbrachten Momenten und Zeit für den Aufbau von Intimität. Durch die begrenzten Kontaktmöglichkeiten werde die Beziehung darüber hinaus mit der Zeit zunehmend idealisiert, was wiederum die Erwartungshaltung erhöht. Im Ausblick auf ein Zusammenleben in der Zukunft seien die Paare aber dennoch bereit, dauerhafte Einschränkungen im Hinblick auf den Beziehungsalltag hinzunehmen.

Zeit für sich selbst

So schwer sie manchmal sein mag, die Fernbeziehung hat für die Beteiligten auch gute Seiten. Wie auch 50 Prozent der Befragten aus der Umfrage genießt Sina ihren persönlichen Freiraum. Zeit die sie in Freunde und Ausbildung investieren kann. „Man kann sich voll und ganz auf etwas konzentrieren, ohne dass man ständig auf den Anderen Acht nehmen muss."
Waibel meint, bei hoher Unsicherheit könne es dazu kommen, dass mobile Medien zur Kontrolle verwendet würden. Eine niedrigere Partnerschaftsqualität hätten Fernbeziehungen trotzdem nicht. Doch: „Je länger eine (ungewollte) Fernbeziehung andauert, desto weniger wird in die Beziehung und das gemeinsame soziale Umfeld investiert und desto höher ist das Trennungsrisiko."

„Für mich kommt eine Trennung auf keinen Fall in Frage", sagt Sina und so wie sie sehen das wahrscheinlich die meisten Fernbeziehungs-Paare in Deutschland. Die technologischen Möglichkeiten der heutigen Zeit verschaffen den Paaren eine Nähe, die durchaus einengen kann. Dennoch sind sie die größte Unterstützung im Umgang mit der täglichen Distanz und den unterschiedlichen Problemen im Alltag einer Fernbeziehung. Sie sorgen dafür, dass Paare sich trotz der geografischen Ferne so nah wie möglich sein können.

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Über den Autor

Katja Stäbler

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