Zu Besuch bei einer deutsch-griechischen Familie

Zwei Kulturen – sechs Blickwinkel

08.07.2015

Vom Peloponnes ins Schwabenland: Georgios hat das als Sechsjähriger erlebt. 45 Jahre später lebt er immer noch hier, mit seiner deutschen Frau und seinen vier Kindern. Wir haben die Familie besucht und nachgefragt: Wie ist das so, mit den zwei Kulturen? Wo äußert sich das im Alltag? Welche Rolle spielt der Staat dabei?

Studieren an einer deutschen Uni, Fußball spielen im örtlichen Verein: Dass seine Kinder mal mustergültige Beispiele für Integration werden würden, hätte sich Georgios sicher nicht träumen lassen. Das zumindest wird schnell klar, als wir ihn zum Gespräch treffen. Schließlich war für den gebürtigen Griechen der Start in Deutschland nicht ganz einfach, als er mit sechs Jahren hier her kam: „Ich habe hier die erste Klasse besucht. Im August bin ich gekommen und im September gleich eingeschult worden, ich konnte überhaupt kein Deutsch. Da gab es keine Schule vorher, um Deutsch zu lernen, man wurde ins kalte Wasser geschmissen. Und wenn du nichts verstehst, missverstehst du auch viel. Ich war ziemlich aggressiv, weil ich nichts verstanden habe. Es kann sein, dass der Andere mir „Guten Morgen" gesagt hat und dann habe ich ihn verprügelt." Nun, 45 Jahre später, spricht er die Sprache fast akzentfrei, besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft, hat eine deutsche Frau geheiratet. Doch als Grieche fühlt er sich immer noch und die griechische Mentalität ist nach wie vor in der Familie präsent. Zum Beispiel die berühmte griechische Gastfreundschaft, die wir am eigenen Leib erleben dürfen, sobald wir die Wohnung der Familie betreten haben.

„Wir sind ja auch impulsiv!"

Als wir ihn nach den Unterschieden zwischen Deutschen und Griechen fragen, fällt ihm zuerst die Gelassenheit ein. In Griechenland nehme man alles, wie es kommt. Da muss seine Tochter lachen: „Du regst dich schon schnell auf!", wirft sie ein, und Georgios schmunzelt, „Naja, wir sind ja auch impulsiv." Aber da wir schon bei den Unterschieden zwischen den Kulturen sind, fällt Georgios als nächstes das Thema Feiern ein: „Bei uns in Griechenland feiert man Namenstag, nicht Geburtstag. Also früher war das so, das hat sich auch in den letzten Jahren ein bisschen geändert. Und da hast du was gekocht und dann sind die Gäste gekommen, du wusstest aber nicht, wie viele kommen, das war unangemeldet. Da hat man gesagt: ‚Der Panagiotis hat heute Namenstag, da gehen wir mal vorbei, schauen wir mal, was der macht.‘" Im Gegensatz dazu steht das deutsche System, in dem man Einladungen an eine gewisse Anzahl Gäste schreibt und so genau weiß, wer kommt. Seiner Frau Christine ist das lieber: „Das kann manchmal auch ziemlich anstrengend sein. So kommen halt viele Leute zusammen, da sind dann gleich mal 30 Personen im Haus."

„Das Ganze ist ziemlich willkürlich!"

Deutschland und Griechenland – neben der persönlichen Ebene sind das auch zwei Staaten, die da mitreden. Und die unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie das Leben ihrer Bürger geregelt sein sollte: „Der deutsche Staat sagt: wenn die Mutter Deutsche ist, sind die Kinder automatisch auch Deutsche. Der griechische Staat sagt: wenn der Vater Grieche ist, sind auch die Kinder Griechen. Hier treffen zwei Staatsgrundsätze zusammen. Und so ähnlich ist uns das auch passiert. Nachdem wir geheiratet hatten und unsere älteste Tochter zu Welt gekommen ist, bekam ich Post vom Standesamt, der Name meiner Mutter wäre falsch. Bei uns Griechen ist das nämlich wie bei den Russen: Endet der Nachname des Mannes auf –as, endet er bei der Frau nur auf –a. Und das war bei meiner Mutter ein Fehler im Pass, ihrer endete im Pass trotzdem auf -as. Wir haben das für unsere Heiratsurkunde dann aber einfach so übernommen. Als der Standesbeamte dann meinte: ,Ihre Mutter ist Griechin. Wir müssen das korrigieren, wir müssen den Namen ihrer Mutter mit -a eintragen. Das ist eine Verwaltungssache.’ Sagte ich: ,Ah, das ist gut, wenn Sie das für meine Mutter machen, können Sie es auch gleich für meine Tochter machen. Die ist auch Griechin. Ihr Name endet also auch auf -a. Da sagt der Standesbeamte: ‚Nein, das stimmt nicht, ihre Tochter ist für uns Deutsche.‘ Das Ganze ist ziemlich willkürlich."

„Die Deutschen kommen!"

Im Pass steht bei der Tochter also weiterhin die deutsche Version des Nachnamens, in Griechenland ist sie trotzdem als Staatsbürgerin registriert. „Uns als Eltern ist es wichtig, dass unsere Kinder in beiden Ländern angemeldet sind. Hier ja sowieso, weil unsere Kinder hier geboren sind und als wir in Griechenland im Urlaub waren, haben wir die Kinder dann auch dort angemeldet. Sie haben also alle die doppelte Staatsbürgerschaft.", sagt Mutter Christine. Alle Kinder könnten sich demnach jederzeit einen griechischen Pass ausstellen lassen. Aber „richtige Griechen" sind sie trotzdem nicht, wie die älteste Tochter erklärt: „Wenn wir zum Beispiel in Griechenland im Urlaub sind, heißt es immer: ‚Die Deutschen kommen!‘ Obwohl mein Vater ja Grieche ist. Und wenn wir griechisch reden, tun sie manchmal so, als würden wir eingedeutschtes Griechisch sprechen und als würden sie uns nicht verstehen."

Zwei Kulturen – ein Nachteil?

In Deutschland nicht als Deutscher gesehen zu werden und in Griechenland nicht als Grieche – das ist ein Grundproblem, mit dem viele Einwandererfamilien auch in zweiter Generation zu kämpfen haben. Ob es noch andere Nachteile im Alltag gibt, haben wir die einzelnen Familienmitglieder gefragt.

Zwei Kulturen – ein Nachteil?

„Empfindest du das Leben zwischen zwei Kulturen als Nachteil?" Diese Frage haben wir Georgios und seiner Familie gestellt.

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Über die Autoren

Katharina Wäschle

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2013/14

Cristin Gehrlein

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2013/2014