Pegida in Karlsruhe

Zwei Lager - Zwei Welten

24.11.2015

„Diese ganzen Eindringlinge, die haben hier nix verlor‘n!“, ruft ein Redner des Widerstand-Karlsruhe seinen „Freunden“ zu. „Say it loud, say it clear: Refugees are welcome here“, tönt es hingegen von Seiten der Antifascista. Wir stehen zwischen den Demonstrationen. Wir hören uns die Reden an, interviewen Anhänger, und bekommen es mit der Angst zu tun.

Über „Widerstand Karlsruhe" und deren Gegner

Für das Projekt „Redaktion Zukunft" der Hochschule der Medien, sind wir Anfang November nach Karlsruhe zur Kundgebung von „Widerstand Karlsruhe" gereist. Dabei handelt es sich um einen Ableger von Pegida. In unserem Beitrag kommen jedoch nicht nur die Pegida – Befürworter zu Wort, sondern auch Menschen, die sich für die Asylsuchenden Flüchtlinge stark machen und an der Gegendemonstration teilgenommen haben.

Mit der Zugfahrt nach Karlsruhe stieg die Nervosität. Schließlich wurde bereits mehrfach von Pegida Kundgebungen berichtet, die in Gewaltausschreitungen zwischen Gegnern und Befürwortern endeten. Dennoch fanden wir es wichtig, uns ein eigenes Bild zu machen. Als wir Polizisten nach dem Weg zur Demonstration befragten, schauten diese uns ungläubig an und fragten uns mehrmals, ob wir wüssten, was wir tun und ob wir uns über die Gefahren bewusst seien. Da wir uns aber sicher waren, zogen wir mit der polizeilichen Wegbeschreibung los und trafen zunächst auf die Gegendemonstration der Antifascista, kurz „Antifa". Motion reihte sich dem Strom der etwa 150 Demonstrierenden an und holte erste O-Töne ein. „Hoch die internationale Solidarität!", war nur einer von vielen Slogans, den die Pegida-Gegner beim Durchqueren der Karlsruher Innenstadt immer wieder wiederholten. 

Von Freunden und vermeintlichen Feinden

Nach einer halben Stunde etwa verlangsamte sich die Menschenmasse und kam schließlich ganz zum Stillstand. Wir standen nun vor dem Stefansplatz in der Karlsruher Innenstadt, der rundum abgesperrt und von Polizisten bewacht war. In diesem abgesperrten Bereich versammelten sich nun die fahnenschwingenden „Widerstand Karlsruhe"-Anhänger vor einer Bühne inmitten des Stefanplatzes. Um uns auch die andere Seite anhören zu können, war klar, dass sich Motion an den Polizisten vorbei, zum Zentrum des Platzes begeben musste. Als wir einer Polizistin unsere Situation erklärten, bestand diese darauf, uns persönlich an den Anhängern vorbei und direkt zur Initiatorin zu führen. Vor der Bühne wurde uns Esther Seitz vorgestellt. Sie ist die Gründerin der Bewegung „Widerstand Karlsruhe" und organisiert alle zwei Wochen Protestmärsche in Karlsruhe. Neu für uns war an dieser Stelle, dass ganz offen über die Ablehnung von Flüchtlingsströmen gesprochen wurde. Kannte man dies, wenn überhaupt, bisher nur hinter vorgehaltener Hand. „Deutschland rast auf ein Asylchaos zu" – „hier muss die Politik endlich stärkere Grenzkontrollen anordnen", um nur einige Statements von Seitz zu nennen. Nach einer Weile wurde unser Gespräch allerdings durch die Ankündigung der ersten Rede unterbrochen.

In seiner 20-minütigen Ansprache, ja fast schon Predigt, griff der Redner Michael allerhand Themen auf. Beispielsweise behauptete er, dass Flüchtlinge bis zu 1 500 Euro im Monat zur freien Verfügung hätten. Ebenso behauptete er, es gäbe bereits einen Gesetzesentwurf, der in naher Zukunft einen ausschließlich muslimischen Badetag in den Schwimmbädern vorsehe. Die knappe Bademode sei dafür verantwortlich, dass sich zahlreiche Flüchtlinge bereits über die „Sittenwidrigkeit der Deutschen" beschwert hätten, erklärte Michael mit hörbarem, sarkastischem Unterton. Nahezu jedes seiner mehr oder weniger wahren Argumente beendete er mit einer Floskel wie „was haltet ihr davon Freunde?!" oder „Freunde, lassen wir uns das gefallen?". Die Zuhörer hingen ihm geradezu an den Lippen und beantworteten seine Fragen oftmals mit lauten „Nein"- oder „Pfui"-Rufen sowie heftigem Beifall. 

Hasta la Vista, Antifascista

Hierbei fiel uns ein Zuhörer besonders ins Auge. Ein junger Mann, vielleicht Ende 20, stand ganz vorne und hielt ein Schild mit der Aufschrift: „Hasta la Vista, Antifascista!" in den Händen. Mit offenem Mund verfolgte er die Rede und schrie stets am lautesten, wenn Michael wieder einmal eine seiner „Freunde"-Phrasen verwendete, um das Publikum weiter anzustacheln.  Als Michael in seiner Rede zu einem Teil kam, in dem er das, seiner Meinung nach, verheerende Frauenbild des Islams beschrieb, sprach er uns, die wir direkt vor der Bühne mit unserem Mikrofon standen, an. „Das sollte gerade auch Sie interessieren!", sagte er und zeigte auf uns. „Wir haben heute zwei junge Journalistinnen zu Gast, die gerade an einem Artikel über uns, unsere Bewegung und unsere Ziele arbeiten. Hoffentlich ist ihnen bewusst, was der Islam von emanzipierten Frauen wie ihnen hält!" Schlagartig richteten sich die Augen der etwa 50 Zuhörer auf uns. Und auch hier fiel uns erneut der junge Mann ganz vorne auf. Er schaute uns besonders eingängig an, als wolle er uns warnen seine geliebte Bewegung, „Widerstand Karlsruhe", in einem schlechten Licht darzustellen. Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, wie unwohl wir uns in dieser Situation fühlten.

Als wir gegen Ende der Veranstaltung noch einige Stimmen der Anhänger einholten, fiel uns der junge Mann mit dem bohrenden Blick erneut auf. Er schlich geradezu um uns herum, während wir versuchten, uns auf unsere Interviewpartner zu konzentrieren. Mit Schrecken stellten wir dann fest, dass die Polizei sich bereits zu großen Teilen zurückgezogen hatte. Da standen wir also: Umringt von Pegida-Befürwortern und einem Mann, der eindeutig ein Problem mit uns und unserer Arbeit zu haben schien. Nachdem wir einige O-Töne eingeholt hatten, beschlossen wir daher, uns zügig zu verabschieden und in die nächstbeste Bahn in Richtung Heimat einzusteigen. Am Bahnhof angekommen, waren wir zwar etwas entspannter, über die Ereignisse reden konnten wir jedoch erst, als wir im Zug nach Stuttgart saßen. Weit weg von „Widerstand Karlsruhe", Antifas und dem Mann mit dem durchbohrenden Blick.

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Über die Autoren

Sarah Gebhard

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