Profession Hebamme

Zwischen Babybäuchen, Wehen und Mutterglück

20.02.2017

Der Arbeitstag einer Hebamme endet nicht selten mit dem Beginn eines neuen Lebens. Es ist ein Job wie kein anderer. Spannend, nervenaufreibend und unersetzlich. Cornelia Queißer, leitende Hebamme im Marienhospital Stuttgart, zeigt, wie die Arbeit im Kreißsaal abläuft.

Über 2000 Babys werden jeden Tag in Deutschland geboren. Hebammen helfen ihnen ins Leben. | Quelle: Sabrina Höbel

6:30 Uhr. Vier Zentimeter. Schichtbeginn.

Cornelia macht sich bereit. Blaue Stoffhose, blaues Shirt, bequeme Schuhe – die Uniform der Hebammen im Marienhospital. Während andere noch schlafen, ist die leitende Hebamme Cornelia Queißer bereits mitten im Geschehen, denn auf der Entbindungsstation im vierten Stock der Stuttgarter Klinik herrscht Dauerbetrieb. Diese Nacht hat Nemah Mohammed den Kreißsaal bezogen. Die 28-jährige ist bereits 13 Tage über dem errechneten Geburtstermin. Heute ist es hoffentlich soweit.

Cornelia ist für Fragen und Sorgen der werdenden Mutter da. |Quelle: Sabrina Höbel

Nemah verzieht das Gesicht. Da kommt eine Wehe, und zwar eine starke. Ihr Muttermund ist vier Zentimeter groß, zehn sollen es am Ende werden. Alle fünf Minuten zieht sich die Gebärmuttermuskulatur der Frau aus Gambia momentan zusammen. „Ja, das erste Kind ist immer das Schwerste", sagt Cornelia aufmunternd und tupft der Patientin das schweißnasse Gesicht ab. Die Hebamme hat selbst zwei Kindern, seit 1991 hilft sie anderen Frauen im Marienhospital durch die Geburt.

8:22 Uhr. Vier Zentimeter. Schmerz lass nach.

Die werdende Mutter kämpft immer noch mit ihren Wehen. Helfen soll ihr eine Periduralanästhesie (PDA). Dafür wird ein Katheter nahe des Rückenmarks gelegt, der Betäubungsmittel abgibt.

Die PDA soll Nemah die Wehenschmerzen nehmen. |Quelle: Sabrina Höbel

Mittlerweile ist es voll geworden im Kreißsaal. Ärztinnen der Anästhesie, Helferinnen und die Hebamme kümmern sich um die Hochschwangere. Nemah muss sich aufsetzten und den Rücken krümmen. „Wie eine Katze", sagt Cornelia und drückt sanft den kugelrunden Bauch nach hinten. Der Patientin steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Die Hebamme legt ihre Hand auf den Kopf der Schwangeren als der erste Nadelstich kommt. Nemah beißt auf ihren Schal. Das war die örtliche Betäubung. Jetzt geht’s ums Ganze. Piks. Und noch einmal. Die werdende Mutter schreit auf und umklammert den Arm der Hebamme. Deren wacher Blick wandert immer wieder zur Ärztin. Läuft da alles nach Plan? Die Sache gestaltet sich schwieriger als gedacht. Zwischen den Dornfortsätzen der Wirbelsäule durchzukommen ist verzwickt. Noch einmal: Piks. Die Ärztin atmet auf. Jetzt hat es geklappt. Der Katheter kann angelegt werden und wird Nemah bald die Schmerzen nehmen. Die kriegt nicht mehr raus als ein erschöpftes „Dankeschön".

10:08 Uhr. Vier Zentimeter. Alles wird festgehalten.

Von Wehen bis Übelkeit: Die Hebammen dokumentieren alles ins kleinste Detail. |Quelle: Sabrina Höbel

Die Patientin ruht sich etwas aus. Zeit für den weniger spannenden Teil der Arbeit. „Wir müssen alles genau dokumentieren", sagt Cornelia. Jeder Schritt wird festgehalten, am Computer und handschriftlich. Das sei zwar etwas lästig, aber wichtig. Die Hebammen müssen den Geburtsverlauf exakt nachweisen können. Denn nicht immer verläuft alles wie geplant.

Auch Totgeburten gehören zum Hebammenberuf dazu.

Entwicklung Haftpflichtprämien
Jahr 1981: 30,68 Euro
Jahr 1992: 178,95 Euro
Jahr 2000: 413 Euro
Jahr 2007: 1.587 Euro
Jahr 2010: 3.689 Euro
Jahr 2014: 5.091 Euro
Jahr 2015: 6.274 Euro
Jahr 2016: 6.843 Euro
Prognose 2017: 7.639 Euro

Quelle: DHV

Eine Totgeburt ist meist schon länger vorhersehbar. Aber auch bei einer normalen Geburt bleibt ein Restrisiko. Hier können unter Umständen Kosten in Millionenhöhe entstehen. Deshalb muss jede Hebamme eine Berufshaftpflichtversicherung abschließen. In den letzten Jahren stiegen die Prämien allerdings so drastisch in die Höhe (siehe Infobox links), dass viele Geburtshelferinnen ihre Arbeit an den Nagel hängen mussten. „Die Hebammen geben ihren Beruf auf, sowohl in der Freiberuflichkeit, als auch im Angestelltenverhältnis", bestätigt Jutta Eichenauer, die erste Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg. Seit Januar dieses Jahres federn die Krankenkassen die Kosten in Form eines Haftpflichtausgleichs von maximal rund 4.400 Euro pro Jahr ab. Das wurde durch einen Schiedsspruch im vergangenen Jahr festgesetzt. Der Deutsche Hebammenverband (DHV) reichte allerdings Klage ein – er erkennt darin keine gerechte Lösung. Jutta Eichenauer sieht einen Weg zur Verbesserung der Lage in der „Veränderung der Rahmenbedingungen" und einer „Honorierung der Arbeit entsprechend der Verantwortung und Leistung".

Es herrscht Hebammenmangel in Deutschland. Den bekommt auch Cornelia zu spüren: „Wir sind immer wieder auf der Suche nach Hebammen für die Klinik", sagt sie. Nächstes Jahr gehen zwei Geburtshelferinnen im Marienhospital in Rente. Nachfolger zu finden wird nicht einfach.

11:50 Uhr. Sechs Zentimeter. Mittagspause.

Nemah holt immer noch den Schlaf nach, den sie in der Nacht verpasst hat. Cornelia nutzt die Zeit, um sich mit ihren Kolleginnen auszutauschen. Im Pausenraum wird geplaudert, diskutiert und gelacht. Auf dem Tisch liegen Pralinen, neben der Spüle steht eine Vase mit Blumen – kleine Aufmerksamkeiten von dankbaren Eltern. Hier wird auch zu Mittag gegessen. Keine Minute entfernt vom Kreißsaal, denn das Baby kann jederzeit kommen. Cornelia schaut immer wieder auf den Monitor hinter sich. Der Herzschlag von Mutter und Kind wird dort in Echtzeit übertragen. Alles in Ordnung bei den Beiden.

Die Mittagspause verbringen die Hebammen wann immer es geht zusammen. |Quelle: Sabrina Höbel

Pro Schicht arbeiten zwei Hebammen, die von Praktikantinnen unterstützt werden. Heute kommen sie mit der Besetzung gut aus, nur einer von insgesamt drei Kreißsälen ist belegt. Sind es mehr Frauen, kann der Adrenalinspiegel schon mal steigen.

Auf der Entbindungsstation kann es auch mal stressig zugehen.

Die angespannte Situation betrifft nicht nur die Hebammen, sondern auch die Mütter. Für sie wird es immer schwieriger, einen Ort zum Entbinden zu finden. Die Anzahl an Krankenhäusern mit Geburtshilfe wird immer geringer. 2015 waren es 709, vier Jahre zuvor konnte noch in 781 Kliniken entbunden werden. 1991 gab es sogar noch 1.186 Krankenhäuser mit Geburtshilfe. Und dass, obwohl im letzten Jahr 98 Prozent der 738.000 Neugeborenen in Krankenhäusern zur Welt kamen und die Geburtenrate steigt.

13:03 Uhr. Acht Zentimeter. Fruchtblase auf.

Dank der PDA hat Nemah keine Schmerzen mehr, jetzt kann das Baby kommen. |Quelle: Sabrina Höbel

Zurück im Kreißsaal. „Na, gut geschlafen?", fragt Cornelia die werdende Mutter. Die PDA hat einen guten Dienst geleistet, Nemah sieht viel entspannter aus als heute Morgen. Der Muttermund ist mittlerweile acht Zentimeter weit. Nur noch zwei bis zum Ziel. „Dann öffnen wir doch mal die Fruchtblase", sagt die Hebamme und holt ein langes dünnes Stäbchen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. In der nächsten Zeit sollte das Kleine kommen.

15:00 Uhr. Acht Zentimeter. Schichtwechsel.

Das Baby lässt sich Zeit. Cornelias Schicht endet um 15 Uhr. Trotzdem bleibt sie noch ein wenig länger und bringt die Kolleginnen, die sie ablösen, auf den neusten Stand. Bevor die leitende Hebamme geht, schaut sie noch einmal bei Nemah vorbei. „Alles Gute für die Geburt", sagt sie und drückt die Hand der Hochschwangeren. Dass sie die Frau noch keine 24 Stunden kennt, merkt man in diesem Moment nicht. Wohl aber, wie sehr die Hebamme für ihren Beruf brennt.

Eine Geburt ist für Cornelia immer noch nichts Alltägliches.

Ab hier übernimmt eine Kollegin die Betreuung. Eine Stunde vergeht. Danach noch eine. Der Muttermund ist immer noch bei acht Zentimetern. Mittlerweile schon zu lang. Geburtsstillstand.

17:37 Uhr. Kaiserschnitt. Es ist ein Mädchen.

Nemah kommt in den OP. Warten bringt nichts mehr. Ärzte und Hebammen entscheiden sich für einen Kaiserschnitt. Um 17:37 Uhr kommt Nemahs erstes Kind auf die Welt. 2.400 Gramm und einen flauschigen Kopf hat das kleine Mädchen. Der Name des kleinen Kindes ist Amal, das bedeutet Hoffnung. Fünf Tage werden die Beiden noch auf der Mutter-Kind-Station im Marienhospital bleiben und sich von der Geburt erholen. Für Cornelia geht die Arbeit währenddessen schon wieder weiter. Das nächste Kind will auf die Welt kommen.

Die Geburt ihrer ersten Tochter wird Nemah sicher nie vergessen. |Quelle: Sabrina Höbel

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Über den Autor

Sabrina Höbel

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016