Ethno-Comedy

Zwischen Beschneidung und Kehrwoche

21.07.2015

Wie ist das, aus dem Haus zu gehen, von Nazis gejagt zu werden? Dich dann in die Schule zu hocken und von deinem Lehrer zu hören, dass du es sowieso nicht schaffen wirst? Ausländerfeindlichkeit und Perspektivlosigkeit prägten Özcan Cosars Kindheit. Heute steht er auf der Bühne und macht Stand-up Comedy.

Die Welt durch Özcan’s Augen (Quelle: Stephanie Schlagenhauf via thinglink)

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Es ist ein warmer Frühsommernachmittag, an dem mich Özcan Cosar mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter, an der Haustür seines Elternhauses lachend begrüßt. Das Haus in dem der türkischstämmige Özcan seine halbe Kindheit verbrachte fällt sofort ins Auge. Es ist das einzige im Hausenring, das noch nicht renoviert wurde. Mit 10 Jahren zog er mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern von Zazenhausen hier her nach Hausen.

Das türkische Leben war nicht einfach. Als ich zehn Jahre alt war, hatte ich noch Träume. Ich wollte wie Michael Jackson tanzen, ich wollte ein Star sein. Stattdessen wurde ich beschnitten.

Sonnenlicht bricht sich zwischen dem braunen Mehrfamilienhaus und den weiß renovierten Bauten im Hausenring. Wir setzen uns auf die kleine Holzbank gegenüber der 68. Der 34-Jährige erzählt mir mit weicher Euphorie, wie sehr er die Gegend hier liebt, auch wenn es früher hart war. Für ihn bedeutet Hausen Heimat. Sein Blick schweift etwas wehmütig über die Straße, hinüber zu den Parkplätzen voll staubigem Schotter. Früher waren da Büsche, in denen er mit seinen Kumpels spielte. Die sind auch weg, „Schade, dass hier alles erneuert wird" - Er liebt die alten Dinge, denn sie erzählen eine Geschichte.

Hey du Fisch, Alter, du lebst doch im Aquarium – unter Leuten, die so reden bin ich groß geworden. Die gibt’s wirklich. Die reden immer so. Ich hatte eine Scheiß Kindheit, hey, ich schwör’s euch.

„Die Perspektivlosigkeit war mir ins Gesicht geschrieben, ich war ein Türkenkind!" Ausländerfeindlichkeit kannte er, „über Kommentare wie „Scheiß Türke" haben wir uns irgendwann nur noch kaputt gelacht". Damals arbeitete er neben der Schule in einer Druckerei, um sein Taschengeld aufzubessern. Auf dem Weg zur Arbeit hörte er plötzlich einen schreien: „Guck mal, ein Kanake!" „Da bin ich losgerannt." „Hey so bin ich in Sport noch nie gerannt!" Springerstiefel, Bomberjacken und Glatzen verfolgten ihn bis zur Tür. „Das war schon krass, ich dachte die müssen doch irgendwann aufhören zu rennen."

Ausländerfeindlichkeit erlebt Özcan heute „One in a million". Der bekennende Liberale und Pazifist versucht zu verstehen, er urteilt nicht. Wenn man mal ein Ventil braucht, ist schnell ein Feindbild erschaffen. Dann ist man halt der „scheiß Türke". „Aber das ist nicht immer gleich Ausländerfeindlichkeit, weißt du." Seine Stimme färbt sich ernst: „Vor Glatzen hab ich keine Angst mehr, aber vor Menschen in Anzug, die solch ein Gedankengut in sich tragen." Er war einer von den wenigen aus Hausen, die es auf die Realschule geschafft haben und „das war so scheiße man!", bricht es aus ihm heraus. „Alle meine Freunde gingen auf die Rappachschule. Der Bus fuhr von Hausen aus los, nach zwei Haltestellen stiegen alle aus. Nur ich fuhr weiter."

Einmal war ich für zwei Wochen „Chem Allan" und ging mit meinen Kumpels einfach in die Rappachschule. Wir hatten das gut geplant. Die Lehrer haben es erst nach zwei Wochen gemerkt.

Sein Freundeskreis war multikulturell: Griechen, Deutsche, Türken. Was ist aus den anderen so geworden? Alle haben ihren Weg gemacht, auch wenn es nicht immer den Konventionen entsprach. Dann trübt sich sein Blick: „Einige Freunde sind an Drogen gestorben oder im Gefängnis gelandet. Die Schattenseiten gibt es leider auch."

Mit 15 Jahren kam der Hip Hop. Er erfuhr zum ersten Mal echte Akzeptanz. Mit seiner Breakdance-Crew Dynamic Moves tourte er durch Europa, holte national und international viele Preise und wurde 2000 Deutscher Meister. „Alle waren stolz, ich repräsentierte Hausen nach außen hin." Besonnen fügt er hinzu: „Jeder Mensch ist auf der Suche nach Anerkennung, ich auch. Das Tanzen rettete mich aus dem Sog diese Akzeptanz durch Schlägereien oder Diebstahl zu bekommen." Aber der Höhenflug hielt leider nicht für immer, und die Schule litt unter dem Erfolg.

Mein Vater sagte zu mir: „Mein Sohn, ohne Ausbildung, du hast keine Perspektive". Ok, Perspektive hat er nicht gesagt. „Mein Sohn, ohne Ausbildung, nix gut!"

Dann wurde er Arzthelferin.

Ich war der einzige Typ auf der Schule. Aber irgendwann habe ich mich integriert: Ich habe mir die Nägel angemalt, die Augenbrauen gezupft, und nach zwei Monaten habe ich meine Tage gekriegt.

2009 wurde Özcan Cosar dann durch die doppelte Staatsbürgerschaft offiziell Deutscher mit Migrationshintergrund. Auf die Frage ob er ein besseres Wort für dieses „Unwort" auf Lager hat, lacht er sein entspanntes, lebensfrohes Lachen: „Einfach Deutscher". Zur Comedy kam er durch seinen Kumpel Jaus. Beide arbeiteten damals in der Marshall Bar in Stuttgart und brachten sich gegenseitig und andere Kollegen zum Lachen. Er erinnert sich schmunzelnd: „Ein Freund und Besitzer der Corso Bar druckte einfach Flyer und nahm uns ins Programm auf. Dann waren wir gezwungen uns was auszudenken!" Seine Programme sind stark Autobiografisch geprägt. Er lebt, was er erzählt. Zwischen Beschneidung und Kehrwoche fand er seine großartige Beobachtungsgabe. Dies brachte ihm 6 Preise in Folge, darunter den renommierten PRIX PANTHEON und Auftritte bei TV Total. Er sieht sich nicht als Gesellschaftskritiker. Auch ein Vorbild möchte er sich nicht nennen. Er ist einfach Özcan.

Ich frage ihn nach seinen Visionen. Sie sind Bescheiden, alles was er sich wünscht, ist seine Tochter glücklich aufwachsen zu sehen. Nachdenklich resümiert er: „Heute bin ich Comedian, aber vielleicht schon morgen sagen die Leute: hey alter voll der Fisch. Das war auch mit Breakdance so. Irgendwann war‘s vorbei und ich war wieder auf der Sportschule und hab in einer Bar gearbeitet." Ein Traum wäre es schon, davon leben zu können, aber er will kein Superstar werden. Er schaut für einige Sekunden hinab auf den vom Gras durchwachsenen Asphalt, dann wieder grinsend hinüber zu den Parkplätzen voll Schotter: „Weißt du, alles ist vergänglich".

Özcan Cosar über sein Publikum

Was bedeutet Lachen für die Völkerverständigung? Für Özcan Cosar ist klar: Lachen verbindet.

Mehr zu Özcan Cosar

Hier geht's zur Homepage von Özcan Cosar.

Özcan Cosar: Finalist NightWash Talent Award 2013 (Video)

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Über den Autor

Stephanie Schlagenhauf

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/15