Songtexter Olaf Bossi im Portrait

Zwischen Charterfolg, Kabarett und Sauregurkenzeit

27.06.2016

Mit seiner Band gelang Olaf Bossi in den 90er-Jahren der große Durchbruch: Platz drei der deutschen Musikcharts, prall gefüllte Konzerthallen, tanzende Menschenmassen. Nach nur zwei Alben war Schluss. Die Erfolge blieben aus. Nun erzählt der Komponist und Songtexter von seiner Achterbahnfahrt – wie er sich neu orientieren musste und warum er heute besonders über seine Misserfolge lachen kann.

                               Um die 30 Jahre lang saß Olaf Bossi im Tonstudio, dann eroberte er die Kabarettbühne. | Bild: Nils Kraft

„Es ärgert einen schon, wenn man eine Zeit lang Erfolg hatte, dann weiter Musik macht und es interessiert keine Sau mehr", meint Olaf Bossi. Der Halbitaliener schrieb die Texte und komponierte die Melodien von populären Dance- und Technohits. Das war sein Spezialgebiet, damit schaffte er es fast bis an die Spitze der Hitparaden. Inmitten der lebhaften 90er sah es ganz danach aus, als habe Bossi das Erfolgsrezept gefunden, um dauerhaft ganz oben in der Musikszene mitmischen zu können. Zu gerne wäre er ununterbrochen in den Charts gewesen, betont der Musiker. „Eine Weile lief es großartig, doch dann hat es nicht mehr funktioniert", erinnert sich Bossi. „Dann kam die Sauregurkenzeit." So rasant, wie seine Band Das Modul durchgestartet war, so schnell steuerte alles dem Ende zu. Die Scheinwerferlichter gingen allmählich aus und die Ohrwürmer von Bossis Liedern krochen aus den Köpfen der Leute.

Als wäre er am Abend zuvor auf einer großen Party gewesen, wacht Olaf Bossi eines Morgens auf. Der Schädel brummt, denn der Erfolg hat Kopfschmerzen hinterlassen. Der junge Mann reibt sich die Augen und muss feststellen: „Oh, es gibt ja noch ein echtes Leben." Es fühlte sich an, als habe ihn das Leben einfach wieder ausgespuckt, beschreibt Bossi rückblickend. „Daran denkt man natürlich nicht, wenn man gerade Anfang 20 ist und plötzlich mit zehn Titeln in den Charts ist." Es folgte eine Phase der Selbstreflexion und Selbstzweifel. Was ist, wenn das alles erfolglos bleibt? Kann ich es nicht mehr? Habe ich es vielleicht niemals gekonnt? Diese Fragen schossen ihm damals durch den Kopf. „Man kommt dann schon in einen Abwärtsstrudel", erzählt Bossi.

„Das Leben ist nicht geil, wenn man mega Erfolg hat."

Musikjunkie trifft auf Popmusik

Dass ihn seine große Leidenschaft – die Musik – einmal auf eine solche Achterbahnfahrt schicken würde, damit hatte Olaf Bossi in Kinderzeiten nicht gerechnet. Im Alter von elf Jahren kam dem musikbegeisterten Jungen erstmals „Major Tom" von Peter Schilling zu Ohren. Es war die erste Berührung mit Popmusik. „Ab da an war es das Wichtigste für mich", schwärmt Bossi. Seither zählen Bands wie Depeche Mode, die Pet Shop Boys oder Duran Duran zu seinen Idolen. Besonders geprägt habe ihn in den 80ern die Neue Deutsche Welle, New Wave sowie elektronische Musik. Jeden Sonntag saß der selbsternannte Musikjunkie mit dem Kassettenrecorder vor der Hitparade, um alles mitzuschneiden. „Mich hätte man die kompletten 80er Jahre über die Platzierungen der Hitparade abfragen können – ich hätte sie gewusst", meint Olaf Bossi und lacht.

Irgendwann wollte er dann selbst so werden wie seine Vorbilder. Damit begann nicht nur der Gitarrenunterricht; die Musik nahm auch optisch Einfluss auf den Jungen – in Form von hochfrisierten Haaren, Nietengürtel und Kajal. „Wir haben dann eine Band gegründet, was in der Waldorfschule hier in Stuttgart nicht so gerne gesehen wurde", erzählt Olaf Bossi. Doch die Schulband von damals entwickelte sich zum Startschuss für die gesamte Musikkarriere. Schließlich war schon zu diesem Zeitpunkt Felix Gauder dabei. Gemeinsam mit dem Musikproduzenten rief Bossi später Das Modul ins Leben.

„Zuerst war das Lied."

Ein Star, den keiner kennt

Zu den ganz großen Erfolgen der Dancegruppe zählen Songs wie „Computerliebe", „Kleine Maus" oder „1100101". „Das spacigste – wie man 90er Jahre-mäßig sagen würde – war für mich, als wir gerade mit ‚Computerliebe’ auf Platz drei in Deutschland waren", erinnert sich der Songschreiber. An jenem Abend betrat Bossi eine Großraumdisco. Während die Leute zu seinem Lied abfeierten, stand er inmitten der Massen. „Keiner hatte eine Ahnung, dass das von mir ist". Wahrscheinlich wäre Olaf Bossi heute eine echte Berühmtheit, hätte er sich damals beispielsweise vor die ausverkaufte Dortmunder Westfalenhalle gestellt. Ein wenig bereut es der Komponist schon, dass er die Band nicht selbst präsentierte, sondern eine Sängerin diesen Job übernahm. Andererseits: „In den 90ern war es schick, im Hintergrund zu arbeiten – da war der Produzent auch etwas mehr der Star", argumentiert Bossi.

„Die klassische Mickymaus-Stimme, das war ich."

Damit, dass Das Modul gegen Ende der 90er allmählich ausklang, hat Olaf Bossi heute seinen Frieden geschlossen. Kein Musiker könne davon ausgehen, auf ewig ganz oben in den Hitparaden mitwirken zu können. Vielleicht sei die Zeit für dieses Projekt durch gewesen, vermutet er. „Das war damals einfach der normale Lebenszyklus eines 90er Jahre-Projektes."

Scheitern ist lustig

Wie soll es überhaupt weitergehen? Vor dieser Frage stand Olaf Bossi nun mit Anfang 30. Doch ebenso, wie sich sein Frisurenkarussell bereits gedreht hatte – von langen blonden Haaren mit grünen Spitzen, über eine schwarze Dauerwelle, bis hin zum graumelierten Naturhaar – so variierte in frühen Jahren auch Bossis berufliche Ausrichtung. Auf ein Studium in Romanistik und Anglistik folgten unter anderem etwas Jura und Modedesign. Eine Neuorientierung war für den umtriebigen, jungen Mann also auch in dieser Lebensphase kein Problem. So beendete er seine Ausbildung als Mediengestalter und übernahm in diesem Gebiet ein paar Aufträge. „Nebenher war noch Comedy meine große Begeisterung", so Bossi. Nach einigen Seminaren an der Kölner Comedy Academy, sowie ersten Stand-up-Auftritten, kam er jedoch zu einer Erkenntnis.

„Das war die Abfahrt, die komplett falsch war."

„Das Lustigste überhaupt finde ich Scheitern", meint Olaf Bossi. „Also, wenn man dem Scheitern auch eine Ehrlichkeit gegenüber bringt." Und so hat er vor geraumer Zeit ein neues Kabarettprogramm zusammengestellt, das fast schon autobiographisch ist. Es handelt von Bossis Hochs, aber vor allem auch von seinen Tiefs – denn: „Der Misserfolg hat mich wesentlich mehr geprägt, als der Erfolg von damals." In Lieder-Kabarett verknüpft der Musiker nun seine beiden großen Leidenschaften. Dafür hat er sogar den Song „Kleine Maus" von früher nochmal neu betextet – zu einem „Kleine Maus 2.0". Das Schöne an dem neuen Programm sei, dass er sich nicht verstellen müsse. „Es ist das, was ich wirklich bin", fasst Olaf Bossi zusammen.

„Kleine Maus 2.0" aus Bossis Kabarettprogramm.

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Über den Autor

Nils Kraft

Crossmedia-Redaktion
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015